De Haan

Auf ein Cramique mit Albert Einstein

Eine Statue von Albert Einstein im Park von De Haan Foto: picture alliance / Philippe Clément//dpa

Wer mit Brigitte Hochs durch das malerische Villenviertel von De Haan spaziert, muss öfters einmal anhalten. Denn Frau Hochs kennt in dem Badeort an der belgischen Nordseeküste ziemlich viele Menschen. Eigentlich kein Wunder: Ihr aus Aachen stammender Vater Ernst führte einst das »Belle Vue«, eines der ersten Hotels am Platz. Zusammen mit ihrem Mann übernahm Brigitte Hochs später die Leitung; vor einigen Jahren hat sie den Betrieb in andere Hände übergeben.

Einem Gast fühlt sich die ehemalige Hotelchefin besonders verbunden: Albert Einstein. Der berühmte Physiker hielt sich 1933 für ein halbes Jahr in De Haan auf - bevor er Europa nach einem kurzen Zwischenstopp in Großbritannien für immer verließ. Selbst erlebt hat Frau Hochs das alles nicht. Sie kam erst 1945 zur Welt - im Hotel übrigens. Aber die Erinnerungen an Einstein wurden in der Familie weitergetragen.

Gegen vier kam Albert Einstein zum Kaffee

»Hier saß er immer in der Sonne«, sagt sie und zeigt auf die Terrasse des »Belle Vue«. Am Nachmittag gegen vier sei sein Stammplatz stets frei gewesen. Dort pflegte Einstein dann, einen »Café cramique« zu sich zu nehmen, einen Kaffe mit einem Rosinen-Brioche. Ihre Mutter Rachel habe den charmanten Mann ins Herz geschlossen: »Lustige Augen hatte er - und für jeden ein gutes Wort.«

Dabei war der Aufenthalt des Physikers von dunklen Wolken überschattet. Davon zeugten auch die zwei Polizisten in Zivil, die Einstein auf Schritt und Tritt begleiteten. In Deutschland hatten seit Jahresbeginn 1933 die Nationalsozialisten das Sagen - und begannen mit ihrer Jagd auf jüdische Menschen, andere Minderheiten und Oppositionelle.

Einstein vereinte gleich mehrere, vom NS-Regime verhasste Eigenschaften: Der gebürtige Ulmer entstammte einer seit Jahrhunderten in Schwaben ansässigen jüdischen Familie, galt als Pazifist und entwickelte bereits seit Kindertagen eine ausgeprägte Abneigung gegen jede Form von autoritärem Gehabe. Angeblich hatten die Nazis auf ihn ein Kopfgeld von 20.000 Mark ausgesetzt. Einstein soll sich daraufhin an den Kopf gefasst und die Nachricht mit dem Ausruf quittiert haben: »Ich wusste nicht, dass er so viel wert ist!«

Die Villa Savoyarde wurde für Einstein und seinen engsten Kreis bis September 1933 zum sicheren Ort

Warum landete Einstein im April 1933 ausgerechnet in De Haan? Frau Hochs hat da so ihre Vermutungen. Zum einen liegt der Ort mit seinen mondänen Hotels nicht allzu weit entfernt von Antwerpen, wo Einstein am 28. März 1933 mit dem Schiff aus den USA ankam. Zum anderen lud ihn der flämische Mediziner Arthur De Groodt offenbar in sein Sommerhaus nach De Haan ein. Die Villa Savoyarde wurde für Einstein und seinen engsten Kreis bis September 1933 zum sicheren Hafen in stürmischen Zeiten.

»Belgien war Einstein seit mindestens 1911 bekannt«, fügt Brigitte Hochs hinzu. Damals nahm Einstein an dem ersten vom belgischen Industriellen Ernest Solvay organisierten Gipfeltreffen von Naturwissenschaftlern teil. Spitzenforscher aus ganz Europa seien in Brüssel zusammengekommen. Ein faszinierender Gedanke, findet Brigitte Hochs. Gerade vor dem Hintergrund, dass der Kontinent nur kurz darauf in den Ersten Weltkrieg taumelte und 1939 im Abgrund des Zweiten Weltkriegs versank.

Im Kleinen lebte der europäische Geist während Einsteins Aufenthalt in De Haan noch einmal auf. Im Sternerestaurant »Au Coeur Volant« trank der Physiker Portwein mit dem französischen Bildungsminister Anatole de Monzie - dazu gab es ein 5-Gänge-Menü. In den Dünen traf seine Stieftochter Margot auf den Künstler Alfons Blomme - der später als »Einsteinmaler« in die Annalen einging, weil er als Einziger ein Porträt des Physikers anfertigen durfte.

Für die meisten Touristen seien die Führungen ein Aha-Erlebnis

Frau Hochs hat diese und andere Anekdoten quasi auf Knopfdruck parat. Seit einigen Jahren führt sie Besucher auf den Spuren Albert Einsteins durch ihren Heimatort. Ein Hotelgast habe den Anstoß dazu gegeben, erinnert sie sich. »Am Anfang habe ich mich gefragt: Kann man mehr als eine Stunde über Einstein sprechen?« Schnell stand die Antwort fest: Ja, man kann. Für die meisten Touristen seien die Führungen ein Aha-Erlebnis. Ihr mache es Freude zu sehen, wie erstaunt und mit welchem Interesse ihre Zuhörer reagierten.

Ans Aufhören denkt Brigitte Hochs deswegen noch lange nicht. Auch wenn es manchmal herausfordernde Momente gibt. Mit leichtem Grauen erinnert sie sich noch an den Professor aus Frankreich, mit dem sie durch De Haan flanierte und der fast eine ganze Stunde lang keine Miene verzog. Erst, als sie auf Einsteins Verhältnis zur belgischen Königsfamilie zu sprechen kam, habe sich die Miene des Wissenschaftlers aufgehellt. »Das wusste ich noch nicht«, habe er mit einem Lächeln gesagt.

Besonders mit der belgischen Königin Elisabeth, die aus dem bayerischen Haus der Wittelsbacher stammte, führte Einstein regelmäßig Korrespondenz. Die gemeinsamen Muttersprache erleichterte dies. Das Physik-Genie tat sich zeitlebens schwer beim Erwerb von Fremdsprachen - und ist in der zum Tourismusbüro umgewidmeten Trambahnstation von De Haan trotzdem in fließendem Flämisch und Französisch zu hören. Die Künstliche Intelligenz macht’s möglich.

Vor allem die Liebe zur Musik einte die Monarchin und den Nobelpreisträger. Neben 17 Koffern nahm Einstein auch seine Geige nach De Haan mit. Am 19. Juli 1933 bedauerte er in einem Brief an die »Verehrte Königin«, dass er leider am folgenden Samstag nicht nach Brüssel kommen könne, um mit ihr zu musizieren. »Es rücken nämlich einige Männer an, mit denen ich eine wichtige Sache verhandeln muss.« Bedauernd schob er hinterher: »Immer ist es die Kunst und alles sonst Vergnügliche, die durch den Frost dieser Zeit zuerst Not leiden.«

In De Haan dachte Einstein über seine Zukunft nach

Noch am 11. März 1955 schrieb Einstein der Königin aus Princeton in den USA, wo er seit 1933 lehrte und forschte - und nun, zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, vor der Gefahr eines neuerlichen militärischen Konflikts warnte. Der Wissenschaftler zeigte sich der Königin gegenüber erfreut über »Übereinstimmungen in den grundsätzlichen politischen Dingen«. Wenige Wochen später, am 18. April 1955, vor 70 Jahren, starb Einstein. Neue Gewissheiten in De Haan

In De Haan habe der Wissenschaftler Zeit und Muße gehabt, um über seine Zukunft nachzudenken, ist sich Brigitte Hochs sicher. Er gab seine deutsche Staatsbürgerschaft ab, schrieb den Universitäten in Berlin und München, dass er nicht mehr zurückkomme. Und fasste wohl auch den Entschluss, Europa Richtung USA zu verlassen.

In De Haan kann der Besucher auch heute noch zur Ruhe kommen - vor allem im April, wenn die Saison gerade erst beginnt. Einsam liegen der Strand und die Dünen da. Die prächtigen Villen laden ein zum Tagträumen. Was sie Einstein fragen würde, wenn sie ihm heute begegnete? Brigitte Hochs zögert nicht lange: »Ich würde ihn wohl fragen, ob er sich wohlgefühlt hat in De Haan.«

Bonn/Berlin

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