Carnival

Antwort auf die »Nazispiele«

Sprinter und Weitspringer Eulace Peacock Foto: NY Daily News via Getty Images

Es war ein Stab aus Bambus, mit dem sich George Varoff 4,38 Meter hochwuchtete. Sechs Wochen zuvor war der Amerikaner mit 4,43 Metern damit sogar Weltrekord gesprungen, aber die Leistung an diesem Nachmittag genügte auch, um es der Welt zu zeigen. Der 22-jährige Stabhochspringer erreichte seine Weltklasseleistung nämlich beim »World Labor Athletic Carnival« in New York, einer jüdischen Gegen­olympiade zu den Nazispielen, die zur gleichen Zeit in Berlin stattfanden. Und der Olympiasieger dort, der Amerikaner Earle Meadows, hatte mit 4,35 Metern Gold gewonnen. Acht Zentimeter weniger als George Varoff.

Der Sohn ukrainischer Einwanderer war nicht der einzige Weltklassesportler, der am 15. und 16. August 1936 in dem neuen Stadion im Randall’s Island Park in Manhattan antrat. Auch Eulace Peacock, ein Sprinter und Weitspringer, war da. Er hatte kurze Zeit vorher Jesse Owens geschlagen, und der wiederum hatte mit seinen vier olympischen Goldmedaillen bei den Spielen in Berlin symbolisch den Rassenwahn der Nazis widerlegt.

WELTREKORDE Walter Marty, der Ex-Weltrekordhalter im Hochsprung, war ebenfalls auf Randall’s Island. Oder Edward »Eddi« Gordon, 1932 Olympiasieger im Weitsprung. Und auch Henry Cieman war da, ein jüdischer Kanadier, der im Gehen etliche Weltrekorde hielt und ganz persönlich Berlin ’36 boykottierte. Die Idee, eine Gegenolympiade zu veranstalten, war in jenen Tagen, als die Nazis in Berlin ihre Propagandashow abzogen, naheliegend.

Wenige Tage vor dem New Yorker »Carnival« gab es in Prag die »Volkssportspiele«, im Februar hatten norwegische Arbeitersportler etliche Wettkämpfe als Alternative zu den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen veranstaltet. Und im Juli war im katalanischen Barcelona das größte Ereignis geplant gewesen, eine »Volksolympiade«. Die aber kam nicht zustande – der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs verhinderte das Sportfest.

Hinter der New Yorker Gegenolympiade stand vor allem das 1934 gegründete Jewish Labor Committee (JLC), das sich mit einigen jüdischen Gewerkschaften zusammengetan hatte.

Hinter der New Yorker Gegenolympiade stand vor allem das 1934 gegründete Jewish Labor Committee (JLC), das sich mit einigen jüdischen Gewerkschaften zusammengetan hatte. »Die Ausrichtung eines Anti-Nazi-Sportfestes sollte für das JLC ein Coup werden«, schreibt der Historiker Edward S. Shapiro. Tatsächlich kamen nicht nur Weltklassesportler, sondern mit dem New Yorker Bürgermeister Fiorello LaGuardia und Gouverneur Herbert Lehman hatte das JLC starke politische Unterstützung. Lehman nannte das reine Leichtathletik-Meeting »die Antwort auf die Nazi-Olympiade«.

Auch der mächtige AAU, der amerikanische Leichtathletikverband, der innerhalb des US-Sports letztlich vergeblich für einen Boykott der Spiele in Berlin geworben hatte, unterstützte das Projekt.

YANKEE STADIUM Zunächst hatten das JLC und seine Partner als Austragungsort an symbolische Stätten wie das Yankee Stadium gedacht, aber letztlich entschied man sich für Randall’s Island. Hier hatten wenigen Wochen zuvor die Qualifikationswettkämpfe der US-Leichtathleten für Berlin stattgefunden, bei denen sich Varoff nicht qualifizieren konnte.

450 Athleten aus 15 Ländern waren nach New York gekommen, vor allem aus den USA und Kanada, 23 Wettkämpfe gab es, die offen für alle waren; dazu noch einige, die Gewerkschaftsmitgliedern vorbehalten waren. Das Medieninteresse war enorm, größer als das des zahlenden Publikums. Insgesamt nur 18.000 Zuschauer kamen an beiden Tagen, die Veranstalter hatten mit 30.000 gerechnet.

Sam Stoller und sein Freund Marty Glickman – die einzigen Juden im US-Leichtathletik-Team – waren in Berlin mit fadenscheinigen Gründen aus der 4-mal-100-Meter-Staffel geworfen worden.

Von einem Misserfolg sprach aber niemand. Es fand sogar im Juli 1937 ein zweites Festival des Arbeitersports statt, wieder in Randall’s Island, wieder mit großen Namen. Der Weltklassesprinter Sam Stoller etwa trat an. Im Jahr zuvor war er bei den Berliner Spielen gewesen, wo er und sein Freund Marty Glickman – die einzigen Juden im US-Leichtathletik-Team – mit fadenscheinigen Gründen aus der 4-mal-100-Meter-Staffel geworfen wurden.

Dieses Arbeitersport-Festival 1937 war »das letzte große Ereignis in der Geschichte des Arbeitersports in Amerika«, schreibt Edward S. Shapiro, »der Bewegung haftete ohnehin immer etwas von einem exotischen europäischen Import an«. Aber in dem historischen Moment, als ein Zeichen gegen die Berliner Olympischen Spiele 1936 gesetzt werden sollte, war das JLC mit seinem »Carnival« da.

Belgien

Uni-Rektorin: »Haben bereits viele Partnerschaften verloren«

Die Besetzer verlangen einen vollständigen Boykott Israels und wollen weitermachen - obwohl die Uni-Leitung ihnen nun erneut entgegenkam

von Michael Thaidigsmann  15.05.2026

Jewrovision 2026

Die Nervosität steigt…

Schon bald gehen die Scheinwerfer an und 600 jüdische Jugendliche aus ganz Deutschland werden ihre Showacts zum Besten geben

von Nicole Dreyfus  15.05.2026

Genf

Ronald Lauder warnt vor Entfremdung zwischen Israel und der Diaspora

»Wir müssen bestehende Risse reparieren, bevor es zu spät ist«, sagt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses

 15.05.2026

Nachruf

Mann mit Prinzipien

Ein halbes Jahrhundert lang stand »Abe« Foxman im Dienst der Anti-Defamation League, die Hälfte davon als ihr Chef. Nun ist der Schoa-Überlebende im Alter von 86 Jahren gestorben

von Michael Thaidigsmann  14.05.2026

Washington D.C.

Mehr als eine Million Dollar für Schutz jüdischer Einrichtungen in Los Angeles

Das Geld fließt ins Community Security Initiative Program. Das Projekt arbeitet mit jüdischen Einrichtungen zusammen und koordiniert Kontakte zu Sicherheits- und Rettungsbehörden

 12.05.2026

Jubilar

Architektur als Zeichen der Hoffnung - Daniel Libeskind wird 80

Das Jüdische Museum Berlin, der Masterplan für Ground Zero in New York: Für den Amerikaner ist Bauen Teil der Erinnerungskultur

von Sigrid Hoff  12.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Essay

Warum ich Zionist bin

Heute ist Zionismus für viele ein Schimpfwort und gleichbedeutend mit Rassismus. Da muss eine Verwechslung vorliegen. Antizionismus ist Rassismus. Der Zionismus ist die selbstverständlichste Antwort auf zweitausend Jahre Verfolgung, Vertreibung und Völkermord

von Mathias Döpfner  12.05.2026

Runder Geburtstag

Meister der Linien: Architekt Daniel Libeskind wird 80

Er hat weltberühmte Gebäude entworfen – aber noch nie eines für sich selbst. Für den Architekten ist das gar kein Widerspruch, denn ihn interessiert ja etwas anderes

von Julia Kilian  11.05.2026