Türkei

»Antisemitismus spielt eine ganz zentrale Rolle«

Herr Waldman, beim Besuch von Staatspräsident Erdogan in Berlin wird auch die Politik der Türkei in Nahost ein Thema sein. Wie würden Sie diese derzeit einschätzen?
Um die türkische Politik in der Region verstehen zu können, ist es sehr wichtig, sich noch einmal einige Fakten vor Augen zu führen. Zum einen definiert sich die Türkei unter Erdogan nicht mehr länger als ein Mitglied der westlichen Wertegemeinschaft. Zum anderen betrachtet sie sich aber auch nicht als Teil einer irgendwie russisch oder iranisch dominierten Achse.

Sondern?
Der Türkei geht es darum, in der sunnitischen Welt die Führungsrolle einzunehmen. Auch wenn es fernab aller Realitäten ist: Folgt man den ambitionierten Vorstellungen des jetzigen Staatspräsidenten, so soll die Türkei in naher Zukunft zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt gehören und sogar mehr als nur eine Regionalmacht werden.

Viel ist in diesem Kontext von einem Neo-Osmanismus die Rede. Inwieweit betreffen diese Ambitionen dann auch Israel?
Im Unterschied zu früheren Zeiten vollzieht sich der imperiale Anspruch vor allem in einer wirtschaftlichen und kulturellen Durchdringung. Sehr gut lässt sich das am Beispiel der kurdischen Regionen im Nordirak beobachten.

Woran machen Sie das fest?
Angefangen von der Supermarktkette bis hin zu der Ausrüstung der Sicherheitskräfte ist dort fast alles türkischer Provenienz. Zugleich rüttelt Erdogan an den 1923 im Vertrag von Lausanne gezogenen Grenzen der heutigen Türkei und meldet Ansprüche beispielsweise auf Mossul an. Das lässt sich alles sehr gut mit dem Begriff Neo-Osmanismus auf den Punkt bringen. Wenn es nun dabei um Israel geht, so kann es sich Erdogan nicht leisten, ein enger Verbündeter Jerusalems zu sein und gleichzeitig seine Ansprüche auf eine Führungsrolle in der sunnitischen Welt anzumelden. Das hat natürlich Folgen für das Verhältnis beider Länder.

Eine Kooperation auf militärischer Basis, wie sie zwischen Israel und der Türkei lange Zeit bestand, ist damit unmöglich geworden?
Generell dürften die israelisch-türkischen Beziehungen nie wieder so eng werden wie früher. Das hat eine Menge damit zu tun, dass Ankara etliche Rüstungsgüter, die früher häufig aus Israel kamen, heute aus anderen Quellen beziehen kann oder selbst zu entwickeln versucht. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit hat Israel im Rahmen dieser Zusammenarbeit recht freigiebig sein militärisches Know-how an die Türkei weitergereicht. Das dürfte man heute in Jerusalem rückblickend wohl ein wenig kritischer sehen.

Warum kam es trotz der zahlreichen verbalen Ausfälle Erdogans gegen Israel nie zu einem völligen Abbruch der Beziehungen?
Aus einem ganz einfachen Grund: Israel ist inmitten eines äußerst volatilen Umfelds eine große Konstante sowie eine Insel der Stabilität in der Region. Erst recht nach den Umbrüchen des sogenannten Arabischen Frühlings. Das wissen auch die Verantwortlichen in Ankara, weshalb man die Tür zu Jerusalem nie ganz geschlossen hat.

Wie ist es angesichts all dieser Entwicklungen um die jüdische Gemeinschaft in der Türkei bestellt?
Vor einigen Jahrzehnten lebten in der Türkei rund 100.000 Juden. Heute ist die jüdische Gemeinschaft in vielerlei Hinsicht nur noch ein Schatten ihrer selbst und auf weniger als ein Fünftel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft. Überalterung und Abwanderung gibt es allerorten. Vor allem die jüngeren und gut ausgebildeten Juden zieht es ins Ausland. Damit verhalten sie sich nicht viel anders als manche ihrer nichtjüdischen Altersgenossen.

Es ist auch ein allgemeiner Trend ...
Ja, die Türkei leidet angesichts des repressiven politischen Klimas sowie wirtschaftlicher Unsicherheiten generell an einem Braindrain. Aber für die Juden kam noch eine andere, sehr viel bitterere Erkenntnis hinzu: Es hat sich nun endgültig als Illusion erwiesen, dass man Jude und Türke zugleich sein kann. Zu Zeiten des Staatsgründers Atatürk mag das noch irgendwie funktioniert haben. Spätestens als Erdogan seine Macht ausbaute, war damit Schluss. Ähnliche Erfahrungen durften bereits die Armenier und Kurden machen.

Gibt es eine spezifisch türkische Variante des Antisemitismus?
Auf jeden Fall nimmt der Antisemitismus eine ganz zentrale Rolle in der Ideologie der islamisch-konservativen AKP ein, deren Parteichef schließlich Erdogan ist. So gehört es zu ihrem Narrativ, säkulare Politiker, allen voran Staatsgründer Atatürk, als Teil einer Verschwörung von sogenannten Kryptojuden zu bezeichnen. Sie hätten dem Kalifat von einst den Garaus bereitet. Auch für die aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten wird immer wieder eine jüdisch konnotierte internationale Verschwörung als Urheber ins Spiel gebracht.

Haben Sie Beispiele?
Mehr als einmal fiel dabei der Name George Soros. Beispielhaft konnte man das vor einigen Jahren an einer sehr populären TV-Produktion namens Üst Akil, zu Deutsch: Der Drahtzieher, beobachten. Darin wird gezeigt, dass hinter der Opposition gegen Erdogan sowie dem Terror in der Türkei eine Verschwörergruppe steht, die nicht nur zufälligerweise eine große Ähnlichkeit mit den Weisen von Zion hat.

Inwieweit wird dieser Antisemitismus auch über die vom türkischen Staat kontrollierten Ditib-Moscheen hierzulande propagiert?
Dazu gibt es noch keine konkreten Untersuchungen. Ihre Aufgabe ist vielmehr eine Mobilisierung zugunsten Erdogans. Weil aber immer wieder Einzelfälle publik werden und Ditib am finanziellen Tropf der staatlichen Religionsbehörde Diyanet hängt, kann man sehr wohl davon ausgehen, dass bestimmte Inhalte weiterverbreitet werden.

Muss man angesichts der drohenden Rezession in der Türkei mit einem Ansteigen des Antisemitismus rechnen?

Schon seit geraumer Zeit finden sich in den Wirtschaftsteilen fast aller Zeitungen im Zusammenhang mit der Berichterstattung über wirtschaftliche Probleme immer wieder Anspielungen auf Juden. Aber generell verwundert es ein wenig, warum der Antisemitismus angesichts der schwindenden jüdischen Präsenz überhaupt einen derartigen Stellenwert erhält. Es gibt also eine zunehmende Judenfeindschaft – nur ohne Juden. Deswegen kann man für die Zukunft zumindest sagen: Es wird wohl kaum besser.

Simon Waldman ist Leiter der Turkish Studies Research Group am King’s College London und Autor des Buches »Anglo-American Diplomacy and the Palestinian Refugee Problem«.

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