Russland

Angst vor dem Kriegsdienst

Russische Reservisten brechen zur militärischen Ausbildung nach Sibirien auf (Ende September). Foto: picture alliance/dpa/TASS

Mehr als ein halbes Jahr lang durfte sich Russlands Bevölkerung der Illusion hingeben, dass der Krieg in der Ukraine für sie ein reines Fernsehereignis bleiben würde – ein beängstigendes zwar, aber gleichzeitig eines, dem man nicht direkt ausgesetzt wird. Manche dagegen hatten bereits eine Ahnung, dass dies nicht ewig so bleibt.

Knapp 19.000 der rund 200.000 in Russland lebenden Jüdinnen und Juden haben deshalb laut Angaben der israelischen Statistikbehörde seit Beginn des Krieges am 24. Februar bis Ende Juli von ihrem Recht auf Einwanderung Gebrauch gemacht und sind nach Israel gekommen. Weitere 300.000 hätten aufgrund ihrer Familiengeschichte einen Anspruch auf die israelische Staatsbürgerschaft.

UMDENKEN Die Ende September von Russlands Präsident Wladimir Putin befohlene Teilmobilmachung dürfte viele, die sich mit der Entscheidung, Russland zu verlassen, bislang schwertaten, zum Umdenken bewegt haben.

Andere wie Tatjana und Sergej (Name von der Redaktion geändert) aus St. Petersburg hatten einfach Glück. Schon Anfang September war es ihnen gelungen, beide Söhne in weiser Voraussicht nach Israel zu schicken. Diese Vorsorge zahlt sich nun aus. Denn der Ältere wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit für den Kampfeinsatz in der Ukraine rekrutiert worden – für die Eltern ein Albtraum. So aber erhalten sie von ihren Söhnen via WhatsApp Fotos, die sie glücklich am Strand von Tel Aviv zeigen. Sie selbst würden Russland auch gern verlassen, obwohl sie das früher nie wollten oder sich auch nur vorstellen konnten. Weil sie sich aber um eine kranke Angehörige kümmern müssen, schieben sie ihre Ausreise notgedrungen immer wieder auf die lange Bank.

Angesichts dieser Entwicklung wünscht sich Israels Regierungschef Yair Lapid, dass die Fluggesellschaft EL AL ihre Kapazitäten aufstockt, um möglichst viele Menschen aus Russland auszufliegen. EL AL ist derzeit die einzige Airline, die noch Direktverbindungen zwischen beiden Ländern anbietet.

Manche schieben ihre Ausreise nach Israel aus persönlichen Gründen auf die lange Bank.

Rund 13.000 russische Staatsangehörige mit jüdischen Wurzeln verfügen bereits über die erforderlichen Unterlagen, um israelische Pässe zu erhalten. Und die Behörden in Israel rechnen in den kommenden Monaten mit etwa weiteren 20.000 Anträgen.

metropole Andere dagegen bleiben gelassen. Einer von ihnen ist Lew Jakowlewitsch Lourie, der in Sankt Petersburg so etwas wie eine lokale Berühmtheit ist. Kaum jemand kennt die Metropole mit ihren Kulturschätzen so gut wie der 72 Jahre alte Historiker, der seit Jahrzehnten sein Wissen gern an andere weitergibt. Bereits Ende der 80er-Jahre hatte er mit Gleichgesinnten das klassische Gymnasium Numer 610 ins Leben gerufen. Es gilt inzwischen als eine der besten Schulen in der ganzen Stadt.

Lourie zieht es nicht weg aus Sankt Petersburg, und die Frage, ob Juden mit der Mobilmachung anders umgehen als andere Menschen in Russland, beschäftigt ihn ebenso wenig. »Ich sehe da keinen großen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Russen«, betont er. Schließlich habe sich die Situation für alle verändert, auch für ethnische Minderheiten wie Burjaten oder Udmurten.

Einen Unterschied sieht er aber dennoch: »Für Juden ist es wesentlich einfacher, weil sie für den Notfall Israel als Rückzugsort haben.« Trotzdem gebe es Bedenken, weil nicht wenige russische Juden nichtjüdische Partner haben, was die Auswanderung nach Israel oftmals verkompliziert. Generell, so glaubt Lourie, sei die Bereitschaft zur Auswanderung bei Juden nicht unbedingt größer als bei anderen Einwohnern Russlands. Nur könnten sie gelassener bleiben. Panikstimmung sei im Moment natürlich trotzdem weit verbreitet.

Vorladung Wer von der Mobilmachung unmittelbar betroffen ist, sollte allerdings einen kühlen Kopf bewahren. Konstantin (Name von der Redaktion geändert) hat bereits eine Vorladung zur Rekrutierungsstelle erhalten – und das, obwohl er nie Wehrdienst geleistet hat und demnach nicht unter die im Rahmen der Mobilmachung priorisierte Kategorie der Reservisten fällt.

Den Einsatz in der Ukraine will er auf jeden Fall verweigern. Lieber riskiert er die zweijährige Haftstrafe, die ihm bei mehrmaligem Ignorieren der Vorladungsschreiben droht. Drakonischere Maßnahmen greifen erst nach einem positiven Musterungsbescheid. Für eine vorzeitige Ausreise aus Russland fehlt ihm das Geld.

Inzwischen ist auch sein Reisepass abgelaufen. Ohnehin lassen die russischen Grenzbeamten längst nicht mehr alle Männer im wehrpflichtigen Alter passieren, erst recht nicht, wenn bereits ein Einberufungsbescheid zugestellt wurde. Israel als Rettungsanker kommt daher für Konstantin nicht infrage – es sei denn, die israelischen Behörden finden einen Ausweg, ihn irgendwie aus dem Land zu holen. All das zehrt an den Nerven.

In seinem Grußwort zu Rosch Haschana sprach Putin von dem »enormen Beitrag«, den die Juden zum multiethnischen Selbstverständnis des Landes leisten würden. Doch jeder wusste, dass das Klima zwischen dem Kreml und der jüdischen Gemeinschaft aufgrund unterschiedlicher Haltungen zum Krieg in der Ukraine gerade nicht das allerbeste ist.


Grenzbeamte lassen längst nicht mehr alle im wehrpflichtigen Alter passieren.

So wurde am Samstag vor Rosch Haschana sogar die Wohnung der jüdischen Feministin Bella Rapoport in Sankt Petersburg von der Polizei durchsucht, Telefon und Computer beschlagnahmt und sie selbst für zwei Tage in Gewahrsam genommen.

Dass sie alles andere als eine Hurra-Patriotin ist, sondern eher das Gegenteil, war den Behörden schon lange bekannt. Doch zu einer Teilnahme für die an diesem Tag angekündigten Anti-Kriegs-Proteste hatte sie nie aufgerufen. Rapoport wollte einfach nur in Ruhe das jüdische Neujahrsfest feiern. Inzwischen ist sie zwar wieder auf freiem Fuß, doch wurde ihr nicht mitgeteilt, ob sie als Zeugin oder Verdächtige in einem Strafverfahren gilt. All das verweist auf das repressive Klima im Land.

GEFÄNGNIS In der zweiten Septemberhälfte saß der bekannte jüdische Oppositionelle Leonid Gosman zum zweiten Mal in Haft, bevor er vergangene Woche nach Israel ausreisen durfte. Offiziell waren es viele Jahre zurückliegende Veröffentlichungen, weswegen er vor Gericht landete. Für den 72-Jährigen kam erschwerend hinzu, dass er als chronisch Gallenkranker seine Diät nicht einhalten konnte, weil ihm keine Pakete mit den empfohlenen Lebensmitteln zugestellt werden durften.

Gosmans Frau und seine Tochter vermuten, dass derart lebensbedrohliche Schikanen auf dem staatlich geförderten Antisemitismus basieren.
Lew Jakowlewitsch Lourie bestreitet diese These. »Es werden ständig Feministinnen, Künstlerinnen und alle möglichen anderen Leute festgenommen, unter ihnen sind weitaus weniger Juden als Nichtjuden.«

Eine systematische antisemitische Haltung der russischen Führung sieht Lourie deshalb nicht. Er kenne Putins Biografie bestens und würde den Präsidenten deshalb sogar als judenfreundlich bezeichnen. Im Unterschied zu anderen Geheimdienstangehörigen habe er seit seiner Jugend engen Kontakt mit Juden gehabt. »Aber ganz sicher gibt es eine allgemeine Zunahme des Antisemitismus«, lautet die Einschätzung des Historikers. Nur gehe dieser eben nicht vom Staat aus, sondern von Vertretern des rechtsnationalistischen Lagers, das derzeit versuche, die Oberhand zu gewinnen.

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