USA

Angst im New Yorker Schtetl

Vor einem Jahr, am 11. Juli 2011, ging ein achtjähriger Junge aus dem chassidischen Milieu in Brooklyn zum ersten Mal in seinem Leben allein nach Hause. Er hieß Leiby Kletzky und hatte den Tag in einem Sommerlager verbracht. Der Junge verpasste einen Abzweig und lief einem 35-jährigen Mann namens Levi Aron in die Arme. Aron nahm den Jungen in seinem Auto mit, besuchte mit ihm nach eigener Aussage eine Hochzeit, wollte ihn eigentlich am nächsten Tag zu seiner Familie zurückbringen, habe den Jungen dann aber in einem Panikanfall mit einem Handtuch erstickt und seine Leiche hinterher zerstückelt.

Der mutmaßliche Kidnapper und Mörder – das Verfahren gegen ihn wurde noch nicht eröffnet – lässt durch seine Anwälte auf geistige Unzurechnungsfähigkeit plädieren. Die Obduktion des Jungen ergab, dass ihm eine Dosis von fünf verschiedenen Psychopharmaka und Schmerzmittel verabreicht worden war, die ausgereicht hätte, ihn zu töten.

folgen Dieser entsetzliche Fall, der die Charedim in Brooklyn tief erschüttert hat, zeigt jetzt Folgen, die man sich in dieser Form außerhalb von Amerika kaum vorstellen könnte: 150 Überwachungskameras sollen in jenen Gebieten in Brooklyn installiert werden, in denen überwiegend ultrafromme Juden wohnen: Boro Park, Flatbush und Midwood. Sie sollen Synagogen, Schulen und Straßenkreuzungen überwachen. Eine Million Dollar wird der Bundesstaat New York dafür bereitstellen.

Doch hinter den Bildschirmen, auf denen die Aufzeichnungen der Kameras zu sehen sind, sollen keineswegs – oder jedenfalls nicht nur – New Yorker Polizisten sitzen, sondern Angehörige einer Organisation, die sich »Shomrim« nennt, auf Deutsch: »Wächter«. Mit anderen Worten, es geht hier nicht um eine Ausweitung der Kompetenzen des Staates, sondern um eine Privatinitiative von Betroffenen. Die Rechtsgrundlage dafür ist eine spezifisch angelsächsische Regelung, die schon seit dem Mittelalter existiert. Jeder Bürger darf jemanden verhaften, den er eines Verbrechens verdächtigt; er darf zu diesem Zweck auch Helfer herbeirufen. Er muss den Betreffenden dabei noch nicht einmal in flagranti erwischen. Der Fachterminus hierfür lautet: »citizen’s arrest«.

Die Shomrim sind mittlerweile eine feste Einrichtung. Es gibt sie in verschiedenen Gegenden in Brooklyn, aber auch in dem Städtchen Monsey, in Baltimore, in Miami und auch in London. Nicht zu verwechseln sind sie mit der Organisation Shomrim, einem Zusammenschluss jüdischer Polizisten innerhalb des New York Police Department. Die Beziehungen zwischen den richtigen Polizeibeamten und der ultrafrommen Amateurpolizei werden in der Öffentlichkeit als gut beschrieben. Die Shomrim tragen Jacken und sind mit Funkgeräten ausgerüstet. Es gibt eine Hotline, ein Notruftelefon.

Die Shomrim kümmern sich um Einbrüche, Fälle von Vandalismus, Gewalt in der Familie, aber auch um antisemitische Überfälle. Da die meisten von ihnen Jiddisch sprechen und alle zur Gemeinschaft gehören, rufen viele fromme Juden, die in Brooklyn wohnen, im Zweifel eher die Shomrim zu Hilfe, als dass sie die Notrufnummer 911 wählen würden.

Problem Allerdings ist das Verhältnis zwischen Polizei und Shomrim in Wirklichkeit nicht ganz so spannungsfrei, wie beide Seiten öffentlich beteuern. In Baltimore etwa gab es den Fall eines jüdischen Amateurpolizisten, der einen schwarzen Jugendlichen mit den Worten »Du gehörst nicht hierher« geschlagen haben soll. Doch das mag ein Einzelfall sein; es ist jedenfalls gar nicht das größte Problem. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, dass die Shomrim häufig, wenn sie einen Anruf erhalten, hinterher nicht sofort die Polizei verständigen.

In Boro Park wurde ein besonders schwerer Fall bekannt: Dort hatte eine Shomrim-Einheit eine Liste von Sexualstraftätern geführt, die Kinder belästigten, aber diese Liste dann nicht an die Behörden weitergeben – wegen der halachischen Vorschrift, dass es verboten ist, einen Juden der nichtjüdischen Obrigkeit auszuliefern. Auch im Fall von Leiby Kletzky gab es diese zeitliche Verzögerung. Als der Junge nicht zu Hause ankam, rief seine Mutter die Shomrim an. Die fingen sofort an, die Umgebung zu durchkämmen – erfolglos. Erst zwei Stunden später verständigte der Vater des Jungen die Polizei.

Ray Kelly, der langjährige Chef der New Yorker Polizei, meinte allerdings: »In diesem speziellen Fall sehe ich nicht, dass mit einer schnelleren Anzeige etwas hätte erreicht werden können.« Andere Quellen innerhalb der Polizei widersprechen Kelly; sie weisen darauf hin, dass in jedem Entführungsfall die ersten drei Stunden entscheidend seien.

Video Zur Aufklärung des Falles führte schließlich das Video einer Überwachungskamera. Es zeigt den kleinen Leiby, wie er mit einem Fremden – der später als Levi Aron identifiziert wurde – in einen braunen Honda aus dem Jahr 1990 stieg. Dies war der Grund, warum Nachman Kletzky, der Vater des Jungen, später so sehr darauf drängte, dass mehr Überwachungskameras installiert würden. Er meinte, diese Tragödie wäre vermeidbar gewesen.

Man versteht nun aber, dass in der Frage, wer die Überwachungskameras überwachen soll, eine gewisse Brisanz liegt. Immer noch schwelt der alte Streit, wie viel Zeit sich die Shomrim lassen dürfen, ehe sie ihre professionellen Kollegen hinzuziehen. Dov Hikind, der umtriebige Politiker, der Brooklyn in der State Assembly, dem Parlament des Bundesstaates New York, vertritt und der selbst ultrafromm ist, weiß darauf schon eine Antwort: Das Ziel sei nicht, dass die Freiwilligentruppe die Videos anschaut, ehe die New Yorker Polizei sie zu Gesicht bekommt. »Nein«, sagte er in einem Interview, »die Polizisten wären immer die ersten – oder die Shomrim und die Polizisten könnten sie zur gleichen Zeit sehen.«

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

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