Russland

Am Zug

Tritt im November gegen den derzeitigen Weltmeister an: Jan Nepomnjaschtschi Foto: picture alliance/dpa/Sputnik

Russland

Am Zug

Der 31-jährige Jan Nepomnjaschtschi könnte der nächste Schachweltmeister werden

von Denis Trubetskoy  12.10.2021 11:04 Uhr

Vielen Schachexperten ist Jan Nepomnjaschtschi schon länger als Ausnahmetalent bekannt. In einigen Wochen erhält der 31-Jährige nun auch die Chance, die gesamte Sportwelt über sich sprechen zu lassen. Denn zwischen dem 24. November und dem 16. Dezember spielt der studierte Journalist um den Weltmeistertitel gegen Titelverteidiger Magnus Carlsen.

Das wurde durch Nepomnjaschtschis überraschend sicheren Sieg vor einigen Monaten beim Kandidatenturnier im russischen Jekaterinburg möglich. Dieses hätte eigentlich noch im April 2020 zu Ende gehen sollen – aufgrund der Corona-Pandemie wurde der Wettbewerb allerdings nach der Hinrunde unterbrochen und erst ein Jahr später fortgesetzt.

Als er fünf war, meldete sein Großvater ihn beim Schachklub an.

Nepomnjaschtschi, den man wegen der Schwierigkeiten mit der Aussprache seines Nachnamens oft verkürzt Nepo nennt, galt bei Weitem nicht als Haupt­favorit. In Bezug auf ihn herrschte die Meinung, dass er sein beinahe unendliches Potenzial lediglich zum Teil ausnutzt und keine nötige Stabilität vorweist, um ganz oben zu stehen.

Dies gibt Nepomnjaschtschi auch selbst zu. Er spricht offen darüber, dass er noch vor ein paar Jahren nicht professionell genug arbeitete. Unter anderem zeigte er sich zu viel von E-Sports begeistert und investierte viel Zeit vor allem in das Echtzeit-Strategiespiel DotA. »Es gab Tage, an denen ich 16 Stunden vor dem Computer verbracht habe. Das waren nicht nur Spiele, aber ich habe mich sehr ernsthaft damit beschäftigt.«

interessen Interessanterweise gehört DotA auch zu den Interessen seines künftigen Gegners, des Norwegers Carlsen. Die beiden, die einen freundlichen Umgang miteinander pflegen, diskutieren oft über laufende Events. Zu Nepomnjaschtschis anderen Interessen gehört die Teilnahme an verschiedenen Quiz-Wettbewerben.

»Früher wurde er stark von seiner Stimmung beeinflusst, was ihn ein wenig zurückgeworfen hat«, betont Magnus Carlsen. »Doch das ist Vergangenheit. Heute ist Nepomnjaschtschi einer der wenigen, die in der Lage sind, mich zu besiegen.«

Die Beziehung zwischen dem russischen Juden und dem Norweger hat tiefe Wurzeln. Im Jahr 2002 besiegte Nepomnjaschtschi Carlsen bei der Weltmeisterschaft der unter Zwölfjährigen. Nach diesem Sieg war nicht davon auszugehen, dass aus Carlsen und nicht aus Nepomnjaschtschi der weltweit dominierende Spieler wird. Nepomnjaschtschi war darüber hinaus sogar im Team, das Carlsen mit der Vorbereitung auf den Weltmeistertitel von 2016 half.

HERKUNFT Jan Nepomnjaschtschi ist derzeit einer von nur drei Spitzenschachspielern jüdischer Herkunft – durchaus untypisch für eine Sportart, in der Juden früher oft vorn waren.

In Brijansk, einer mittelgroßen Stadt rund 400 Kilometer südwestlich von Moskau, wo Jan Nepomnjaschtschi 1990 geboren wurde, war sein Großvater Boris ein bekannter jüdischer Dichter. Er war es, der seinen Enkel, als er fünf Jahre alt war, zum benachbarten Schachklub brachte.

Jan Nepomnjaschtschi bekennt sich zu seiner Herkunft, spricht aber selten darüber. Bekannt ist, dass seine Familie durchaus religiöse Traditionen pflegt. Und 2009 nahm Nepomnjaschtschi an der Makkabiade, der größten internationalen jüdischen Sportveranstaltung, teil.

Bereits im Alter von sieben Jahren gewann er die Meisterschaft seines Regierungsbezirks. Danach trat er bei gesamt­russischen Wettbewerben an, gewann regelmäßig internationale Meisterschaften und wurde in einem Atemzug mit den anderen Wunderkindern Carlsen und Sergey Karjakin genannt.

SCHRITTE Doch während Karjakin mit zwölf und Carlsen mit 13 Jahren Großmeister wurden, gelang es Nepomnjaschtschi erst mit 17. »Als ich zwölf war und dreimal hintereinander die EM gewann, bekam ich Starallüren«, erzählt der Sportler. »Auf einmal wollte ich nichts mehr machen. Ich dachte, alles würde jetzt von selbst kommen. Ich hätte damals mehr Schritte nach vorne machen können, habe aber rund zehn Jahre vergeigt.«

Erst vor etwa fünf Jahren wendete sich das Blatt: Ende 2017 in London, bei einem der sogenannten Superturniere – so heißen die seltenen Schachwettbewerbe mit den weltweit besten Spielern –, belegte Nepomnjaschtschi den zweiten Platz und besiegte Carlsen. Später kam ein beachtenswerter Sieg beim Superturnier in Dortmund hinzu. Und schließlich der Erfolg beim Kandidatenturnier, dem Schachwettbewerb mit der stärksten Besetzung.

»Das war der wichtigste Meilenstein in meiner Karriere, möglicherweise sogar in meinem Leben. Ich bin sehr müde. Ich will nicht wieder an einem Turnier teilnehmen, das länger als ein Jahr ausgetragen wird«, betont Nepomnjaschtschi in Anspielung auf die Kompliziertheiten der Corona-Krise.

»Ich kann ehrlicherweise nicht sagen, dass ich als Spieler stark zugelegt habe«, meint er mit Blick auf seine aktuellen Erfolge. »Viel wichtiger ist, dass ich die Sache mit einem anderen Ansatz angehe. Ich setze meine Zeit richtig ein, habe nun einen zweiten Trainer und arbeite an meiner physischen Form. Dass ich jetzt plötzlich zu den Top 5 gehöre, hat außerdem damit zu tun, dass ich mich nicht mehr für zweifelhafte Züge entscheide und alle Turniere mit der nötigen Ernsthaftigkeit wahrnehme.«

ELITE Zudem meint Nepomnjaschtschi, es sei für ihn von Nachteil gewesen, aus Russland zu kommen, denn es gebe viele Russen in der Elite, und die Veranstalter der Wettbewerbe sehen es nicht gern, dass eine Nation zahlenmäßig zu deutlich dominiert. »Als ich drittstärkster Russe war, wurde ich zu guten Turnieren nicht eingeladen. Jetzt ist das kein Problem, früher durfte ich aber meist nicht mitspielen. Und wenn man nicht an den besten Wettbewerben teilnimmt, ist es sehr schwer, im Ranking auf einen guten Platz zu kommen. Bei kleineren Turnieren muss man dann fast ausnahmslos gewinnen.«

Er meint, es sei von Nachteil gewesen, aus Russland zu kommen.

Die Schachexperten meinen, dass Carlsen zwar haushoher Favorit bleibt, Nepomnjaschtschi jedoch der Einzige ist, der gegen den Norweger eine realistische Chance hätte – auch dank früherer Siege.

Der 31-Jährige sieht das kommende Finale gelassen. Der führenden russischen Sportseite Sports.ru sagte er: »Natürlich hoffe ich auf das Beste. Doch Magnus spielt objektiv stärker als damals, als er Weltmeister wurde. In diesen zwei, drei Jahren hat er sich im theoretischen Bereich sehr verbessert. Das wird nicht leicht.«

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026

USA

Warum Punk so jüdisch ist

In New York fing es an. In London wurde es Modetrend. Aber was hat eigentlich Lenny Bruce damit zu tun?

von Sarah Thalia Pines  31.08.2026

Interview

»Die Lage der schwedischen Juden ist schrecklich«

Schwedens Bildungs- und Integrationsministerin Simona Mohamsson über den Davidstern und die Vermischung von Israel-Kritik und Antisemitismus

von Michael Thaidigsmann  31.08.2026

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Social Media

Prozess: Mark Zuckerbergs Meta will knapp 17 Milliarden Dollar zahlen

Das historische Verfahren zwischen Tech-Gigant Meta und fast allen US-Bundesstaaten gilt rechtlich nur für die USA. Doch es könnte auch globale Auswirkungen haben

 28.08.2026

Vereinte Nationen

Generalsekretär Guterres: UN-Sonderberichterstatter »völlig außer Kontrolle« in Bezug auf Israel

Der scheidende UN-Generalsekretär António Guterres hat die extreme Einseitigkeit einiger UN-Sonderberichterstatter bezüglich des jüdischen Staates eingeräumt. Eine allgemeine Voreingenommenheit der UNO gegenüber Israel sieht er aber nicht

 28.08.2026