China

Am Rand der Seidenstraße

So sieht auf den ersten Blick keine Stadt aus, die sich rühmt, die älteste jüdische Gemeinde im ganzen Land zu beherbergen. Auch wenn das in der zentralen Provinz Henan gelegene Kaifeng im gegenwärtigen Wirtschaftsboom als Aussetzer gilt, sind es doch nur ganz wenige Spuren, die auf die einst blühende Handelsmetropole und Hauptstadt Chinas während der nördlichen Song-Dynastie (960–1126 d.Z.) hindeuten.

An diesem frühen Morgen sind die engen, schmutzigen Gassen der Altstadt fast leer. Eine alte Frau mit Pelzmütze bietet in einem großen Korb aufgetürmte Eier feil. Konserviert sind sie in einer Mischung aus Lehm, Sand und Stroh. Der Altpapiersammler auf seinem Fahrrad biegt in einen grünen Torbogen mit der Aufschrift »Moschee«. Ein fahrbarer, im Laufe der Jahre heruntergekommener Blechgrill wartet auf seinen abendlichen Auftritt. Er würde die Kundschaft, so preist es die Werbung, mit einer Magen-Lungen-Suppe bedienen.

Handelsreisende Am Eingang zur Gasse mit der Bezeichung »Jene, die die heiligen Schriften lehren« steht eine stupsnasige Blondine mit weit aufgerissenen Augen, rosarotem Schmollmund und einer violetten Daunenjacke. »First grade« heißt es auf dem Preisschild des langbeinigen Modells. Einige Meter daneben hockt eine fröhliche Runde älterer, dick gekleideter Semester auf Schemeln, palavernd und die Morgensonne genießend.

An Hausnummer 21 der Gasse, die vor 1911 mit dem Namen »Jene, die die Sehne herausreißen« an seine jüdischen Bewohner erinnert, hängt ein kleines Schild mit hebräischen Buchstaben. An der Fassade des nach hinten verschobenen Hauses prangt ein blaues Banner mit der Aufschrift »Ehemalige Synagoge der Kaifenger Juden«. Ein solches Bet- und Lehrhaus, gemäß Chroniken im Jahre 1163 errichtet, existiert längst nicht mehr. Heute steht an seiner Stelle ein Krankenhaus.

Eine ältere Frau – sie ist es gewohnt, westliche Besucher zu empfangen, ohne ein Wort von deren Sprache zu sprechen – bittet den Gast, in die Wohnung einzutreten. Ihr verstorbener Mann sei Nachfahre jener Kaifenger Juden gewesen, die vor Hunderten Jahren als Handelsreisende über die Seidenstraße ins Reich der Mitte gelangten. An den Wänden ihres bescheidenen Zuhauses hängen Scherenschnitte mit den Umrissen der Synagoge, Fotografien mit Besuchern aus Israel und den USA sowie sonstige Andenken an die seltsam anmutende Geschichte dieser Minderheit.

Wachgehalten wird es mit den immergleichen Stichworten und Personen: Mit Matteo Ricci und seinem Besucher Ai Tian, der in einem Bildnis Marias mit Jesus glaubte, Rebecca und Esau vor sich zu sehen. Mit Bischof William White, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts erfolglos anschickte, die Gemeinde wiederaufleben zu lassen. Oder mit Pearl S. Buck, die in ihrem Roman Peony den Kaifenger Juden ein Denkmal setzte.

Kulturtouristen Shi Lei ist einer der rund 400 Einwohner Kaifengs, die auch heute noch auf ihre semitischen Wurzeln verweisen. In einem Umfeld, das andere im Laufe der Jahrhunderte fast vollständig assimiliert hat, ist das kein leichtes Unterfangen. Jedes Jahr führt Shi Lei Gruppen aus aller Welt durch »sein« jüdisches Kaifeng, das nur noch in den Köpfen von Historikern und Kulturtouristen zu existieren scheint.

In einem kleinen, kalten Raum im Haus seines Großvaters haben sich am Freitagabend lange Zeit ungefähr zwanzig Männer und Frauen versammelt, um sich Kenntnisse über die jüdische Geschichte und Kultur anzueignen. Das israelische Oberrabbinat lehnt es ab, die Kaifenger Juden anzuerkennen, da sie ihr Jüdischsein väterlicherseits begründen und ihre Söhne nicht beschneiden. Von anderen Chinesen unterscheidet sie kaum mehr als das Wissen um das Verbot des Schweinefleischverzehrs.

Auszeichnung

Vier Deutsche mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr werden vier Personen und eine Initiative geehrt

 13.01.2026

Nachruf

Zum »idealen arischen Baby« erklärt: Hessy Levinsons Taft gestorben

Der Fotograf sagte Tafts Familie damals, er habe bewusst das Foto eines jüdischen Kindes eingereicht, um die Rassenideologie der Nazis ad absurdum zu führen

von Imanuel Marcus  13.01.2026

Jackson

Brandanschlag auf Synagoge in Mississippi

Zwei Torarollen hat das Feuer vollständig zerstört. Der Verdächtige wurde vom FBI gefasst. Er bezeichnete das Gebäude während eines Verhörs als »Synagoge Satans«.

 12.01.2026 Aktualisiert

Fußball

Als Bayern gegen Prag verlor

Vor 125 Jahren traf der FC Bayern bei seinem ersten Auslandsspiel auf den legendären DFC Prag – und unterlag 0:8. Nach dessen Auflösung 1938 geriet der jüdische Verein fast in Vergessenheit, doch seit einigen Jahren wird er von Enthusiasten wiederbelebt

von Kilian Kirchgeßner  11.01.2026

Armenien

Offene Arme in Jerewan

Juden finden in einer der ältesten Städte der Welt Sicherheit und Gemeinschaft. Ein Ortsbesuch

von Stephan Pramme  11.01.2026

Sport

»Absoluter Holocaust«: Fußball-Kommentator sorgt für Eklat

Der Ex-Torwart Shay Given hat die Amtszeit des Trainers Wilfried Nancy bei Celtic Glasgow mit dem industriellen Massenmord der Nationalsozialisten verglichen

 11.01.2026

Belgien

Außerhalb des Völkerrechts

Die belgische Regierung verweigert einer Staatsangehörigen die konsularische Betreuung, weil sie in einer von Brüssel nicht anerkannten israelischen Siedlung lebt

 09.01.2026

Alija

Sprunghafter Anstieg: Mehr Juden sagen Frankreich Adieu

2025 hat sich die Zahl der jüdischen Auswanderer nach Israel fast verdoppelt. Experten machen dafür vor allem den wachsenden Antisemitismus verantwortlich

 08.01.2026

Los Angeles

Sega-Mitgründer David Rosen im Alter von 95 Jahren gestorben

Der Unternehmer aus New York ging in den 1950ern nach Japan und importierte Fotoautomaten. Später folgten Flipper-Automaten und Jukeboxen

 08.01.2026