Niederösterreich

Allein in St. Pölten

Kehrte 1947 mit seinen Eltern in seine Geburtsstadt zurück: Hans Morgenstern auf dem Marktplatz von St. Pölten Foto: Peter Bollag

Hans Morgenstern ist ein groß gewachsener weißhaariger Herr, seine 81 Jahre sieht man ihm kaum an. Er geht noch immer sehr gerne spazieren, allerdings behindert ihn seine künstliche Hüfte, die ihn schnell ermüden lässt.

Wer sich oberflächlich ein wenig mit Hans Morgensterns Leben befasst, könnte vermuten, die künstliche Hüfte sei vielleicht das fatale Ergebnis von Verfolgung und Drangsalierung. Denn der 1937 Geborene verließ nach dem »Anschluss« Österreichs zusammen mit seinen Eltern wie unzählige andere Juden die feindlich gewordene Heimat in Richtung Palästina.

Doch eine solche Vermutung ist falsch, die künstliche Hüfte ist vielmehr Folge eines Sturzes im Jahr 2010. Und wer sich mit Hans Morgenstern unterhält, hört zwar einiges über Flucht und Terror, doch betraf dies nur Verwandte und Freunde von Hans Morgenstern, denn am eigenen Leib musste er dies zum Glück nicht erleben.

PALÄSTINA Als 1939 aus Österreich die »Ostmark« wird, ist Hans ein Jahr alt, er ist das einzige Kind des Rechtsanwalts Egon Morgenstern und dessen Ehefrau. Noch ahnt niemand, dass Hans Morgenstern das letzte in den Geburtsurkunden der Jüdischen Kultusgemeinde St. Pölten eingetragene Kind sein wird.

St. Pölten ist damals eine niederösterreichische Provinzstadt, eine halbe Zugstunde von Wien entfernt. Vor dem »Anschluss« hat die Gemeinde 1000 Mitglieder und betet in einer wunderschönen, kurz vor dem Ersten Weltkrieg errichteten Synagoge.

Wegen der Hitze kehrte die Familie aus Israel nach Österreich zurück.

Weil Egon Morgenstern Zionist ist, lautet das Ziel der Familie: Palästina. Und tatsächlich schafft sie es 1939 dorthin. In Bat Jam besucht der Junge Kindergarten und Schule. Sein Vater findet nach langem Suchen eine Anstellung in einer Bibliothek. Doch weil er im Ersten Weltkrieg verwundet wurde, leidet er unter der Hitze und hat Mühe, in Palästina Fuß zu fassen. »Deshalb entschieden sich meine Eltern 1947, also noch vor der Staatsgründung, wieder zurück nach Österreich zu gehen. Der Geschichte zum Trotz sozusagen«, erzählt Hans Morgenstern bei einem Treffen in einem der Kaffeehäuser von St. Pölten, die er fast täglich besucht.

Dass sich die Familie wieder in der Stadt niederließ, in der sie schon vor der Schoa gelebt hatte, klinge heute für manche Ohren mehr als seltsam, sei aber irgendwie logisch gewesen, sagt Morgenstern. Von Drangsalierungen habe er als Baby natürlich ohnehin nichts mitbekommen, doch seien solche Erlebnisse auch bei seinen Eltern kaum je ein Thema gewesen.

Juden in St. Pölten sind nach dem Holocaust eine absolute Randerscheinung. Außer den Morgensterns leben nur ganz wenige Rückkehrer in der Stadt. Zu einer Neugründung der Kultusgemeinde kommt es – anders als zum Beispiel in der Kurstadt Baden bei Wien – mangels Interesse nicht. Auch später nicht, als St. Pölten niederösterreichische Landeshauptstadt, politisch damit aufgewertet wird und eine jüdische Gemeinde am Ort sicher für die Republik einen gewissen Effekt hätte.

Doch nicht alles verläuft ganz ohne Brüche, als die Morgensterns in die Stadt zurückkehren. Die Familie muss in ein Hotel ziehen, da ihre frühere Wohnung von Bomben zerstört wurde. Eine Abfindung für das Haus erhält sie erst 1956, da es als »deutsches Eigentum« von der Sowjetarmee beschlagnahmt und erst nach dem Staatsvertrag von 1955 wieder freigegeben wurde.

VERANTWORTUNG Auch wenn es heute keine jüdische Gemeinde mehr in St. Pölten gibt, fühlt sich Hans Morgenstern in einer besonderen Verantwortung: Seit vor einem Jahr sein Cousin Hans Kohn verstorben ist, kann – oder vielmehr muss – er die Bezeichnung »Letzter Jude von St. Pölten« für sich beanspruchen.

Bereits 1985 legte er eine Fotosammlung als Gedenkbuch für die ermordeten St. Pöltener Jüdinnen und Juden an. Und dem Ins­titut für die jüdische Geschichte, das in der ehemaligen Synagoge seinen Sitz hat, steht Morgenstern seit Jahren beratend zur Seite.

Mit dem etwas seltsamen Titel »Letzter Jude von St. Pölten« geht der 81-Jährige eher gleichmütig um. »Es ist nun mal so, da ich leider keine Geschwister und selbst keine Nachkommen habe«, sagt er.

Als Exot empfindet sich Morgenstern in der Stadt keineswegs.

Als Exot empfinde er sich aber nicht, er sei gut integriert und bekannt in der Stadt. Und wie zum Beweis dafür gibt ihm die junge Kellnerin beim Verlassen des Kaffeehauses ein verwundertes: »Ach, Sie gehen schon, Herr Doktor ...!?« mit auf den Weg.

EHRENZEICHEN Dass auf dem Jüdischen Friedhof bereits ein Grabstein für ihn steht, auf dem sein Geburts-, aber noch nicht sein Todesjahr eingraviert ist, sieht der ehemalige Arzt ebenfalls völlig leidenschaftslos: »Ich habe mir das bei einem Freund abgeschaut, der in der gleichen Situation wie ich ist.« Er könne ja ungeachtet dieser Tatsache noch lange leben, sagt er.

Und so pflegt er eine Leidenschaft auch in seinem hohen Alter weiter: Er sammelt Lebensläufe von Juden aus aller Welt. 6400 sind es bereits, und geht es nach ihm, so sollen es noch viel mehr werden.

Für diese Sammlung, aber auch für seine Verdienste um das Gedenken der Stadt St. Pölten erhielt Hans Morgenstern 2018 von der Stadt in einer Feierstunde das »Ehrenzeichen«.

Hans Morgenstern erzählt vor dem Wohnhaus seiner Großmutter, wie sich für ihn die beiden Themen verbinden: »Ich habe es von meiner Jugend an als unglaublich kränkend und ungerecht empfunden, dass Menschen, die derart viel zum Wohl und zur Kultur ihrer Heimatländer beigetragen haben, ausgegrenzt und ermordet wurden.« Mit seiner Sammlung, die die ganze Welt umfasst und 2009 auch als Buch erschien, sagt er zum Abschied noch, wollte er hier bewusst einen Kontrapunkt setzen.

Kanada

Ein wenig Mizwa, sehr viel Macho

Das Magazin »Rolling Stone« kürte Drake einst zum »größten jüdischen Rapper aller Zeiten«. Doch der Anfang war hart

von Sarah Thalia Pines  05.11.2026

London

Banal, schlicht und ironisch

Julia Pascals Theaterstück »The Banality of Evil: Hannah Arendt, France, 1940« erzählt von Hannah Arendt, Charlotte Salomon und Eva Daube als deutsche Jüdinnen in Frankreich und ihrem Leben zwischen zwischen Exil, Gefangenschaft und Überlebenskampf

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  05.11.2026

Treffen

Bob Dylan bei Papst Leo XIV. im Vatikan - mit Cap und Kapuze

Der Musiker und Songwriter Bob Dylan ist 1997 zum ersten Mal einem Papst begegnet - damals in Bologna, bei einem Jugendtreffen. Nun kam er in den Vatikan und sprach dort mit einem Landsmann

von Ludwig Ring-Eifel  05.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  05.11.2026

Internetbetrug

Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau warnt vor Fake-Webseite

Wer die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besuchen will, muss bei der Buchung aufpassen. Denn aktuell gibt es eine gefakte Webseite, teilte die Gedenkstätte mit

von Christiane Laudage  04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

USA

Jüdische MAGA-Aktivistin an der Uni mit Tod bedroht

Die jüdische Studentin und Trump-Unterstützerin Liz Benichou wurde auf dem Campus der University of Michigan attackiert und zu Boden gestoßen

von Nicole Dreyfus  04.11.2026

USA

»Viele jüdische Wähler haben mit zugehaltener Nase abgestimmt«

Der jüdische Rechtsanwalt und Historiker Michael Traison über den Erdrutschsieg der Demokraten bei den Midterms und die möglichen Folgen für Amerikas Beziehungen zu Israel

von Michael Thaidigsmann  04.11.2026

USA

Die innere Sicherheit

Wie jüdische Gemeinden ihren Alltag gegen wachsenden Antisemitismus verteidigen – und sich zunehmend selbst schützen müssen. Ein Ortsbesuch in Washington, D.C. und Miami

von Katrin Richter  02.11.2026