Belgien

»Alle sollten sich informieren«

Arthur Langermann Foto: Uwe Steinert

Belgien

»Alle sollten sich informieren«

Arthur Langerman über antisemitische Postkarten, das Sammeln und ein Geschenk

von Michael Thaidigsmann  21.03.2019 10:01 Uhr

Herr Langerman, Sie haben als Kind in Brüssel die Schoa überlebt. In den vergangenen Jahrzehnten trugen Sie die weltweit größte Privatsammlung antisemitischer Karikaturen zusammen. Wie kam es dazu?
Anfang der 60er-Jahre saugte ich die Presseberichte über den Eichmann-Prozess förmlich auf und fragte mich: Woher kommt dieser Hass auf Juden? Ich war damals schon ein leidenschaftlicher Sammler. Irgendwann fing ich dann an, antisemitische Postkarten, Poster und Objekte zu sammeln. Ich ging auf Märkte und Auktio­nen, anfangs nur hier in Belgien, später auch in anderen Ländern. Das Haus quoll schnell über, und so verkaufte ich irgendwann die Objekte wieder. Seitdem sammle ich nur noch Gedrucktes. Das spart Platz. Rund 9000 Bilder habe ich bis heute zusammengetragen.

Wo entstanden diese Werke?
Vieles stammt aus dem Deutschland der Nazizeit, auch wenn es natürlich schon vorher antisemitische Poster und Postkarten gab. Manchmal ist das, was auf der Rückseite einer Karte geschrieben steht, interessanter als das Motiv selbst. Da steht dann etwa »Schau Dir diesen hässlichen Juden an«, aber manchmal auch nur: »Vergiss bitte nicht, regelmäßig meine Pflanzen zu gießen.«

Was sagten Ihre Familie und Ihre jüdischen Freunde zu Ihrem Hobby?
Die fanden das seltsam – alle. Ich hörte irgendwann auf, die Bilder anderen zu zeigen. Keiner wollte das sehen. Es wurde dann zu meiner Privatsache. Heute kommen alle zu mir und sagen: »Glückwunsch, toll, es ist wichtig, dass man sich mit diesen Karikaturen beschäftigt.« Aber lange Zeit war das anders.

Wussten Sie, wer die Verkäufer waren?
Ich habe mich nie dafür interessiert, ob die Verkäufer vielleicht selbst Nazis waren, Nazi-Gegner oder einfach nur Sammler und Händler. Ich habe mich allein für die Werke interessiert, die wollte ich haben, der Rest war mir gleichgültig.

Was kostet so ein antisemitisches Plakat?
Heutzutage ist das meist ziemlich teuer – auch, weil die Händler natürlich wissen, dass solche Dinge mittlerweile rar geworden sind. Das wird oft ausgenutzt. Ich habe einmal für eine einzige Postkarte 750 Euro ausgegeben. Aber die Preise schwanken stark.

Nun übergeben Sie nach fast 60 Jahren die ganze Sammlung an das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Warum gerade dorthin?
Ich werde bald 77 und denke schon länger darüber nach, was aus der Sammlung werden wird. Ich wollte sie nicht meinen Kindern vermachen. Das wäre irgendwie ein vergiftetes Geschenk. Außerdem interessiert sie das ohnehin nicht besonders. Länder wie Belgien oder Israel wollten die Sammlung nicht oder gaben nur leere Versprechungen ab. Allein Deutschland hat echtes Interesse gezeigt.

Was soll nun in Berlin mit Ihren Bildern passieren?
Ich möchte, dass die Werke der wissenschaftlichen Forschung zugänglich sind, dass sie ausgestellt werden – nicht nur in Berlin, sondern weltweit. Es gibt auch heute wieder Antisemitismus, es hat ihn immer gegeben. Deshalb ist es wichtig, dass man den Menschen zeigt, wie das alles zustande kam damals. Ich hoffe, dass junge Studenten aus der ganzen Welt nach Berlin kommen können.

Haben Sie keine Angst, dass diese Karikaturen bei einigen noch immer ihre propagandistische Wirkung entfalten könnten? Sollte man sie nicht besser in einem Safe einschließen, anstatt sie öffentlich auszustellen?
Es ist da wie bei »Mein Kampf«: Man kann das nicht verbieten oder nur einer Elite zugänglich machen. Aber man muss das natürlich mit didaktischen Mitteln erklären und einordnen, aber alle sollten sich informieren und ein Bild machen können.

Mit dem Brüsseler Sammler sprach Michael Thaidigsmann.

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