USA

Alija à la Dalí

Das Holocaust Memorial and Tolerance Center (HMTC) ganz in der Nähe der Connecticut Bay an der Nordküste von Long Island ist in einem eleganten, braunen Backsteingebäude untergebracht. Der im Sommer üppige Children’s Garden liegt im Januar karg da, der Springbrunnen hinter dem Gebäude ist abgestellt.

Das HMTC ist bekannt für Ausstellungen und Vorträge, Workshops für Kinder, Lesungen und Gedenktage. Noch bis zum 23. Mai beherbergt es eine ungewöhnliche Ausstellung von Bildern des wohl exzentrischsten der Pariser Surrealisten, Salvador Dalí. Der Name der Ausstellung: »Die Wiedergeburt Israels«.

Brennende Giraffen und schmelzende Uhren

Die »Aliyah Suite« nahm der für brennende Giraffen und schmelzende Uhren bekannte Künstler 1966 als Auftragsarbeit an. Samuel Shore, Herausgeber des Kunstbuchverlags Shorewood Publishers in New York, hatte Dalí, der selbst nicht jüdisch war, anlässlich des 20. Jahrestags der Gründung des Staates Israel engagiert.

Die 25 mit Gouache, Aquarellfarben und Tusche auf Papier gefertigten Gemälde wurden 1968 in der damaligen Gallery of Modern Art in New York ausgestellt und wurden einzeln an private Sammler verkauft. Zum Glück wurden auch Lithografien produziert, die unter anderem in einem Kunstband mit limitierter Auflage erhältlich waren, für den Israels erster Ministerpräsident David Ben Gurion das Vorwort schrieb. Eine Lithografie-Reihe, die im Nassau County Museum of Art aufbewahrt wurde und seit der Covid-Pandemie in Privatbesitz ist, kann man nun im HMTC bewundern.

Die 25 Bilder porträtieren die biblische und zeitgeschichtliche jüdische Einwanderung nach Israel.

Die 25 Bilder porträtieren die biblische und zeitgeschichtliche jüdische Einwanderung nach Israel und damit zusammenhängende jüdische Momente, Orte und Menschen. Sie zeigen die Zerstörung der Tempel, den Kampf um das Land, den Holocaust, die Gründung Israels, eine Beschneidung, die Noten der Nationalhymne und die Klagemauer, blühende Bäume und tanzende Menschen – und auch das mit Holocaust-Überlebenden beladene Rettungsschiff »Elijahu Golomb«, das trotz des von Palästina unter dem britischen Mandat verhängten Verbots nach Israel fuhr.

Als Dalí die Bilder malte, war die Hochzeit des Surrealismus bereits vorbei, dennoch bewahren die Lithografien etwas von der Ikonografie und der traumhaft-phantasmagorischen Stimmung seiner frühen Werke, wie der schmelzenden Uhren von 1931 oder der »Versuchung des Heiligen Antonius« von 1946.

»Hatikwa«, »Engel der Wiedergeburt«, »Das Land, wo Milch und Honig fließen«

Sie heißen »Hatikwa«, »Engel der Wiedergeburt«, »Das Land, wo Milch und Honig fließen« und sind zart getuschte Bilder mit verlaufenden Konturen in kräftigen Farben, als hätte Dalí etwas von der fragilen Stärke Israels geahnt.

In seinem Vorwort hat Ben Gurion, der ebenfalls auf einer Lithografie beim Verlesen der Unabhängigkeitserklärung 1948 zu sehen ist, geschrieben: »Dem bedeutenden Künstler Salvador Dalí ist es durch die Kraft seiner großen Kunst gelungen, in einer Reihe von Drucken das Wunder der Alija lebendig werden zu lassen, die in kurzer Zeit ein erneuertes Volk, ein erneuertes Land und einen erneuerten sowie sich erneuernden Staat geschaffen hat.«

Es entsteht der Eindruck, Dalí habe Israel eingeatmet und auf die Seiten gepustet.

Im Jahr 1953 hatte der mit Salvador Dalí bekannte Dada-Künstler Marcel Janco in einem vormals arabischen Dorf Israels einzige Künstlerkolonie geschaffen, Ein Hod in der Nähe von Atlit. Es ist ein besonderer Ort, an dem Künstler in alten und neueren Steinhäusern leben und unter anderem aus den Eindrücken, Farben und Formen der Landschaft heraus ihre Kunst schaffen.

Es gibt Cafés und kleine Läden. Die Landschaft um Ein Hod ist weit und hügelig, bläuliche Baumkronen in der Ferne und blühende Mandelbäume in den ineinander übergehenden Gärten. Nachts geht sie in der Finsternis verloren. Manchmal sind Schakale zu hören. Und auch beim Betrachten der Lithografien entsteht der Eindruck, Dalí habe Israel eingeatmet und auf die Seiten gepustet.

Tröstlich wie die Chagall-Fenster im Hadassah Medical Center in Jerusalem

Im Januar ist der Himmel über dem HMTC wolkenlos und die Luft kalt. Vereinzelte Möwen und ein paar Krähen hüpfen auf dem Asphalt vor dem Museum herum. Innen leuchten die Lithografien tröstlich wie die Chagall-Fenster im Hadassah Medical Center in Jerusalem. »Das Land, wo Milch und Honig fließen« porträtiert tanzende Frauen mit Karaffen und Zweigen in den Händen, wie es im 2. Buch Mose 3,17 beschrieben steht.

Auf der anderen Seite hängt eine Darstellung über den Holocaust, ein toter Mensch, ein anderer sitzt in der Ecke, im Dunkeln schimmert ein Hakenkreuz. Das Bild ist benannt nach Psalm 22: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist fern.«

Eine der schönsten Lithografien ist zweifelsohne »Das Land erwacht zum Leben«: In der Ferne leuchtet Jerusalem, im Vordergrund sind rote Blumen, Trauben und viel Grün zu sehen. Dalís »Aliyah Suite« erzählt die Rückkehr der Juden in ihre Heimat als Geschichte permanenter Erneuerung und Erstarkung nach Katastrophen und Rückschlägen – bis heute.

Salvador Dalís »Aliyah. The Rebirth of Israel« ist noch bis zum 23. Mai im HMTC in Glen Cove, New York, zu sehen.

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026

Synagoge in Mailand (Archiv)

Mailand

»Niemand wird mich hier erniedrigen«

Nach antisemitischer Attacke durch arabische Männer: Jetzt spricht der angegriffene Rabbiner

 17.09.2026 Aktualisiert

Nachruf

Peter Max: Der Künstler hinter den bunten Bildern der Hippie-Ära

Peter Max Finkelstein ist tot. Er wurde in Berlin geboren. Seine Familie und er flohen vor den Nazis nach Shanghai und kamen später über Israel nach Amerika.

 17.09.2026

München

Rabbiner: Plan gegen islamistischen Terror ist Vorbild für Europa

Mit einem Zehn-Punkte-Plan sollen in Deutschland Radikalisierung und islamistischer Terror bekämpft werden. Zustimmung kommt von Rabbinern, die über die Landesgrenzen hinaus denken

von Leticia Witte  17.09.2026

Hilfe in Zeiten des Krieges

Wie geht es Juden in der umkämpften Ukraine und im angrenzenden Rumänien? Unser Autor begleitete eine ZWST-Delegation auf ihrer Reise nach Czernowitz und Suceava

von Michael Thaidigsmann  17.09.2026

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Heute vor 100 Jahren wurde Aron Jean-Marie Lustiger geboren

von Andrea Krogmann  16.09.2026

Judenhass

»Während er mir in den Kopf schneidet, sagt er: ›Die Juden erschießen Kinder‹«

Eine neue Dokumentation enthüllt ein erschreckendes Ausmaß an Antisemitismus im britischen Gesundheitssystem

 16.09.2026