Kuba

Agent in bedenklicher Mission

Seit Dezember 2009 sitzt Alan Gross in einer kubanischen Gefängniszelle. Spionage wird ihm vorgeworfen, weil er illegal Laptops und Mobiltelefone in der jüdischen Gemeinde Havannas verteilte – im Auftrag der US-Regierung.

Christopher Dodd ist nicht irgendein US-Senator, sondern ein Mann vom Fach. Der Demokrat aus Connecticut ist ein erklärter Gegner des US-amerikanischen Handelsembargos, ein Anhänger der Aufhebung der Reisebeschränkungen für US-Bürger nach Kuba. Er verfügt obendrein über einigen Einfluss in den Kommissionen, die sich mit Washingtons Außenpolitik vor der eigenen Haustür beschäftigen. Dodd, ein Unterhändler, den man in Havanna ernst nehmen dürfte, ist in offizieller Mission unterwegs: Er soll den verfahrenen Beziehungen zwischen Havanna und Washington neue Impulse verleihen und ganz nebenbei dafür sorgen, dass Alan Gross nach rund zehn Monaten in kubanischer Haft wieder freikommt.

Festnahme Wer aber ist Alan Gross? Die Frage ist berechtigt, denn der 60-jährige Spezialist für Satelliten- und Kommunikationstechnologie ist hierzulande weitgehend unbekannt. Seine Festnahme am internationalen Flughafen von Havanna am 3. Dezember 2009 wurde in den USA nicht an die große Glocke gehängt, denn Gross war im Auftrag des US-Außenministeriums in Kuba tätig. Sein Auftrag sei es gewesen, so Gross’ Ehefrau Judy in einer Videobotschaft, »die Kommunikation innerhalb der jüdischen Gemeinde in Kuba und deren Internetzugang zu verbessern«.

Dazu reiste Gross, selbst Jude, zwischen März und Dezember 2009 gleich fünfmal nach Kuba, immer mit einem Touristenvisum und im Auftrag des Joint Business Development Center (JBDC). Dort ist Gross angestellt, das Unternehmen arbeitet als Dienstleister im Auftrag der staatlichen US Agency for International Development (USAID). In dieser Mission war Gross in Kuba unterwegs, und demzufolge hat er gegen Kubas Einreisebestimmungen verstoßen.

Verboten »Ein erster Fehler«, erklärt Wayne S. Smith. »Und der zweite ist, dass Gross in Havanna Satellitentelefone und andere Kommunikationsgeräte verteilt hat.« Smith kennt sich aus, denn er gehört nicht nur zu den profilierten Beobachtern der kubanisch-amerikanischen Beziehungen, sondern leitete zwischen 1979 und 1982 auch die Interessenvertretung der USA in Havanna. In Kuba ist der Vertrieb der sündhaft teuren Satellitentelefone – Stückpreis zwischen 1.500 und 5.000 US-Dollar – ohne entsprechende Lizenz strikt verboten. Obendrein ist es verboten, Geld oder Material zu verteilen, das von der US-Regierung, ihren Einrichtungen oder Repräsentanten stammt. Darauf stehen laut dem Gesetz Nummer 88 von 1999 Haftstrafen von drei bis acht Jahren. Eine Tatsache, die auch Gross hätte bekannt sein müssen, bevor er einreiste.

Vollkommen unklar ist zudem die Frage, woher der in Kuba als Spion geltende Mann seine Ausrüstung bekommen hat. Im Koffer wird er sie nur schwerlich transportiert haben. Hat ihn die US-Interessenvertretung in Havanna beliefert?

Wenn ja, wäre Gross, der vor einigen Wochen im Gefängnis zum ersten Mal Besuch von seiner Frau empfangen durfte, ein Bauernopfer einer nicht sonderlich zeitgemäßen US-Politik gegenüber Kuba. »Die hat sich mit dem Amtsantritt von Barack Obama nicht wesentlich verändert«, kritisiert Wayne S. Smith. »Die ›Programme zur Förderung der Demokratie‹ sind nach wie vor in Kraft, und entgegen allen Erwartungen ist es nicht zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen Havanna und Washington gekommen. Für Alan Gross ein Dilemma, denn trotz aller Appelle aus Washington scheint Havanna nicht zur Freilassung des IT-Spezialisten aus Maryland bereit.

Lohnzettel Dies sei kein Zufall, schreibt Arturo López-Levy von der Universität Denver. Der Politologe kennt nicht nur die jüdische Gemeinde in Havanna bestens, sondern auch die politischen Verhältnisse auf der Insel. Er teilt die Einschätzung von Wayne Smith, wie sein Beitrag in der New Yorker jüdischen Zeitung Forward belegt. Man habe Gross nicht festgenommen, weil er Jude ist und auch nicht, weil er der jüdischen Gemeinde geholfen habe, besser vernetzt zu sein, sondern weil er auf dem Lohnzettel der US-Regierung stand. Er wurde als «Förderer des Regimewechsels und in Feindesland gefangen», schreibt López-Levy.

In Washington ist diese Sicht nicht gerade beliebt. Da wird Gross gern als Entwicklungshelfer bezeichnet, und US-Außenministerin Hillary Clinton hat mehrfach an die kubanische Seite appelliert, dass die Freilassung von Gross aus humanitären Gründen die Beziehungen zwischen Havanna und Washington verbessern würde.

Die sind jedoch alles andere als gut, weil Präsident Obama die Politik seines Vorgängers fortsetzt, kritisiert Smith. So steht Kuba nach wie vor auf der Liste der des Terrorismus verdächtigen Staaten, und auch die Propagandasender Radio und TV Martí senden ihre journalistisch fragwürdigen Formate. Laut Smith sind dies die falschen Signale in Richtung Havanna. Ein wesentlicher Grund, weshalb es wenig wahrscheinlich ist, dass Senator Christopher Dodd viel tun kann für Alan Gross, den Agenten auf prekärer Mission.

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  15.10.2026

Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

In Dublin fand eine Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern statt. Ein Hotel verweigerte die Unterbringung. Für Irlands Gemeindevorsitzenden zeigt das, wie Antisemitismus sich immer wieder neu manifestiert

von Maurice Cohen  14.10.2026

USA

Süß und gut zu werfen

»Sunkist Fruit Gems« gehören in vielen Gemeinden zum Feiern. Ihr angekündigtes Aus sorgte für Aufregung – nun kommen sie zurück

von Sophie Albers Ben Chamo  13.10.2026

»Imanuels Interpreten« (26)

Paul Simon: Der Brückenbauer

Seit den 60er Jahren schreibt und spielt der New Yorker Künstler Musik, deren Texte durchweg stark sind. Mehrere Generationen haben zugehört. Heute wird das jüdische Talent 85 Jahre alt

von Imanuel Marcus  13.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026 Aktualisiert