Erinnerung

64.440 Namen

Bei der Einweihung der »Namensmauern«: Österreichs Kanzler Alexander Schallenberg Foto: bka

Alle waren sie da: der Kanzler, der Parlamentspräsident, die Verfassungsministerin, Vertreter der jüdischen Gemeinde, ja sogar Israels Minister für Diaspora-Angelegenheiten. Erschienen war aber vor allem auch Kurt Yakov Tutter, ohne den es sie nicht geben würde: die neue »Gedenkstätte für die in der Shoah ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Österreich«, kurz die »Shoah Namensmauern«.

Nach zwei Jahrzehnten zähem Ringen wurde sie am Dienstag, dem 83. Jahrestag der Novemberpogrome, mit einem Staatsakt eingeweiht. Es ist ein Oval aus Steinplatten, auf denen 64.440 Namen eingraviert sind – jene der namentlich bekannten österreichischen Opfer der Schoa.

Kurt Yakov Tutter ist eines der wenigen Wiener Kinder, die die Schoa überlebt haben. Er konnte nach Belgien fliehen und danach weiter nach Kanada. Von dort aus hat er für einen solchen Ort in Wien gekämpft. Dauerhaft niedergelassen hat er sich in Österreichs Hauptstadt aber nie wieder.

WIDERSTAND Lieder wurden gesungen am Dienstagabend, und Reden wurden gehalten. Wirklich etwas zu sagen hatte vor allem der heute 92-jährige Tutter. Er schilderte seine Erfahrung mit dem heutigen Österreich: Ein »Kasperl-Spiel« nennt Kurt Yakov Tutter die Gespräche mit einem Stadtrat über einen geeigneten Ort. Ein Gespräch, in dem er gewusst habe, dass sein Gegenüber gewusst habe, dass er wisse, dass es zu keinem Ergebnis kommen werde.

Nein, es war kein leichter Weg bis zur Eröffnung des Mahnmals. Es wurde um Orte gestritten, um die Finanzierung. Herausgekommen ist ein Kompromiss: Kurt Yakov Tutter hatte sich einen Ort nahe des Parlaments gewünscht. Geworden ist es der Park zwischen Nationalbank und dem Universitäts-Campus hinter der Votivkirche. Durchaus zentral – aber keinesfalls prominent.

Doch immerhin: Jetzt stehen die Namensmauern. »Mit der Errichtung dieser Gedenkstätte haben wir versucht, den Opfern ihre Namen und ihre Würde zurückzugeben«, sagt Kurt Yakov Tutter. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, nennt die Stätte einen »Meilenstein«. Viel zu lange habe Österreich in der Lebenslüge gelebt, erstes Opfer Nazideutschlands gewesen zu sein, sagt er. Das sei vorbei.

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