New York

40.000 gegen Facebook

Massenauflauf: So viele schwarze Hüte sah man im Stadion noch nie. Foto: getty

New York

40.000 gegen Facebook

Ultraorthodoxe warnen auf einer Großkundgebung vor dem Internet

von Eva C. Schweitzer  21.05.2012 18:37 Uhr

Schwarz, wohin das Auge blickt: Mehr als 40.000 ultraorthodoxe Männer sind am Sonntag im Citi Field zusammengekommen, dem Stadion des Baseballvereins New York Mets im Stadtteil Queens. Sie gehören verschiedenen Strömungen an, doch etwas eint sie: Sie wollen den Gefahren des Internets entgegentreten.

Schon Wochen vorher war in den charedischen Vierteln von Brooklyn auf Plakaten für die Kundgebung geworben worden. Und so war die Veranstaltung nicht nur ausverkauft, sondern die Organisatoren von der Gruppe Ichud Hakehillos Letohar Hamachane (sinngemäß: Union für die Reinheit) hatten sogar ein zweites Stadion gemietet, in dem auf Großleinwänden die Ansprachen übertragen wurden.

»schmutz« Während die Männer zuhörten und beteten – viele waren gelegentlich den Tränen nahe –, erklärten mehrere Rabbiner in einem provisorischen Betraum den Besuchern, wie sie ihre Kinder vor dem »Schmutz« des Internets bewahren können. »Das Volk Israel ist aufgestanden wie eine Löwin, die ihre Kinder beschützt«, sagte Rabbi Ephraim Wachsman, einer der Lehrmeister.

Er beklagte, dass das Internet die Kinder unaufmerksam und zerstreut mache. Ihre Sprache werde nachlässig und respektlos. Außerdem verschwinde die Sittsamkeit. »Das Internet ist oberflächlich und leer, es dreht sich nur um den Augenblick«, so Wachsman.

Rabbi Yechiel Meir Katz fand, nicht einmal Erwachsene seien integer genug, um zu entscheiden, was sie auf dem Bildschirm sehen dürften und was nicht. Rabbi Yisroel Avrohom Portugal sagte: »Dies ist ein Kampf gegen dunkle, negative Kräfte, bei dem Gott uns helfen wird.« Die größtenteils auf Jiddisch gehaltenen Reden wurden auf einem riesigen Bildschirm übertragen, mit englischen Untertiteln.

STAUNEN Über dem Stadion schwebte die Reklametafel »Let’s Go Mets« des meist glücklosen Baseballvereins. Die Angestellten der Sportarena, die sonst Männer in Baseball-Fankluft gewohnt sind, bestaunten die Besucher – während es für viele Charedim der erste Besuch in einem Baseballstadion war. Für die frommen Gäste hatte man zwei Reklametafeln, die unzüchtig gekleidete Frauen zeigten, mit weißem Plastik verhängt.

Vor der Arena warteten zahlreiche Reporter. Sie durften das Stadion nicht betreten, angeblich auf Weisung des Ministeriums für Innere Sicherheit. »Das Internet ist eine Sirene, die uns verführt«, sagte Eytan Kobre, der Sprecher der Veranstalter, zu den Reportern vor den Toren. »Es macht das Schlimmste in uns sichtbar.« Außer den Journalisten durften auch Frauen nicht ins Stadion, denn in der charedischen Community herrscht Geschlechtertrennung. Aus diesem Grund wurde die Veranstaltung in Turnhallen und Schulen übertragen, wo nur Frauen saßen.

zeitverschwendung In den Augen ultraorthodoxer Rabbiner lauern im Internet unzählige Gefahren: Zugang zu Pornografie, zu »unkoscheren« liberalen Ideen; und außerdem seien Social Media wie Facebook und Twitter nur Zeitverschwendung. Denn sie lenkten vom Studium der Tora und anderer religiöser Schriften ab – aber auch davon, Zeit mit der Familie zu verbringen. Es geht den Anführern der charedischen Community vor allem darum, Teenager – und da ganz besonders Mädchen – vom Internet fernzuhalten. So wurde es vor Kurzem in einer Mädchenschule verboten, Facebook zu nutzen. Schülerinnen, die es dennoch taten, mussten 100 Dollar Strafe zahlen.

Zwei Rabbiner stehen hinter der Initiative: Yisroel Avrohom Portugal, der Skulener Rebbe aus Borough Park, wo sehr viele Charedim leben, und Matisyahu Salomon, der Leiter von Beth Medrash Govoha in Lakewood im benachbarten Bundesstaat New Jersey. Die große charedische Gemeinde dort reguliert das Internet bereits. In den ultraorthodoxen Schulen und Bibliotheken der Stadt, die von Jugendlichen genutzt werden, sind die Computer nicht mit dem Netz verbunden.

Erwachsene dürfen nur dann Websites nutzen, wenn sie von den Rabbinern erlaubt sind und Geschäftszwecken dienen. Einige sehen auch das nur ungern. So berichtete am Sonntag ein Rabbiner von einem ultraorthodoxen Israeli, der aus geschäftlichen Gründen gezwungen sei, das Internet zu nutzen. Dies habe seine Jüdischkeit zerstört.

filter Die Industrie hat inzwischen auf die Bedürfnisse der Ultraorthodoxen reagiert: Es gibt heute koschere Smartphones, die Pornografie filtern oder die Internetnutzung auf bestimmte Seiten begrenzen, beispielsweise solche, die den Weg zu Synagogen oder koscheren Restaurants weisen. Auch die Veranstalter und Sponsoren der Großkundgebung am Sonntag sind einer Softwarefirma verbunden, die derartige Filter produziert und verkauft. So wurde im Citi Field auch für koschere Smartphones und Navigationsgeräte geworben.

Kritiker werfen den Charedim allerdings Heuchelei vor. Und das nicht nur, weil sie für die Werbung und Live-Übertragung der Großveranstaltung das Internet und Twitter genutzt haben. Sondern es gibt viele Firmen, die von Ultraorthodoxen geführt werden und Geschäfte im Internet machen, beispielsweise die Kameraläden an der West 47th Street in Manhattan oder auch der Marktführer B&H an der Ninth Avenue (wenngleich die Verkaufsfunktion auf deren Website am Schabbat stillgelegt ist).

Und so mancher Besucher der Großveranstaltung wurde gesichtet, wie er bei der Anreise in der U-Bahn sein Smartphone auspackte und E-Mails checkte, sobald der Zug aus dem Tunnel gekommen war.

Gegendemo Selbstverständlich gab es am Sonntag auch eine Gegendemonstration. Sie stand unter dem Motto »Das Internet ist nicht das Problem«. Ari Mandel, der Sprecher der Gegendemo, findet, die Rabbiner sollten sich lieber um die Fälle von sexuellem Missbrauch kümmern, die erst kürzlich in der charedischen Community Brooklyns bekannt wurden. »Dies ist eine viel größere Gefahr für Kinder als das Internet«, so Mandel.

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