Natur

Zwischenstopp im Hula-Tal

Sanft bewegt sich die schwarz-weiße Wolke über den Erdnussfeldern. Immer im Kreis herum. Bei näherem Hinsehen wird deutlich: Hier handelt es sich um kein Wetterphänomen, sondern um Weißstörche, die in thermischen Aufwinden über den Feldern schweben. Zu Hunderten sind sie heute in Obergaliläa, um eine Rast einzulegen. Die Flugsaison der Zugvögel im Hula-Tal hoch oben im Norden Israels hat begonnen.

Jedes Jahr überquert eine halbe Milliarde der verschiedensten Arten dieses einzigartige Naturparadies und macht es damit zur »geschäftigsten Zugvögel-Straße der Welt«. Einmal im Herbst, wenn die Vögel die kalten europäischen Gefilde verlassen, um in Afrika zu überwintern, und ebenso auf ihrem Rückweg, wenn sie sich im Frühjahr wieder in Richtung Heimat bewegen.

VIELFALT Vogelfreunde und Ornithologen verfallen geradezu in Ekstase, während sie die gefiederten Besucher beobachten und studieren. Vor der Corona-Pandemie reisten Beobachter aus der ganzen Welt an, um das besondere Naturschauspiel zu bestaunen.

Denn es gibt hier eine weltweit einzigartige Vielfalt: von Störchen über Flamingos, Pelikane, Kormorane bis zu Silberreihern, Eisvögeln und Kranichen. Letztere landen jedes Jahr zu Hunderttausenden im Hula-Tal. Insgesamt sind es mehr als 400 Spezies, einige von ihnen vom Aussterben bedroht, darunter beispielsweise der Schwarzstorch. Heute gilt das Hula-Tal als eine der führenden Vogelbeobachtungsstationen der Welt.

Israel, der kleine Nahoststaat, der praktisch als Landbrücke zwischen den Kontinenten liegt, ist wie geschaffen für eine Pause. »Denn das Klima ist immer bestens für die Vögel«, erklärt der Vogelexperte des Parks den Gästen auf der großen Aussichtsplattform, die über den See gebaut ist, »und zudem gibt es Futter en masse.« Unter den ersten Ankömmlingen befinden sich die pinkfarbenen Flamingos und die Pelikane. »Nicht alle, aber die meisten landen hier und machen Rast auf ihrer anstrengenden weiten Reise«, erklärt er.

Das Vogelrestaurant umfasst eine Fläche von 70 Hektar, auf der rund 200 Tonnen Mais verteilt werden.

Dann lassen sie sich auf den umliegenden Feldern nieder und machen hauptsächlich eines: fressen. Daher findet die Ankunft der ersten fliegenden Boten zum Ende des Sommers nicht immer zur Freude der Landwirte statt.

FUTTER Besonders hungrig sind die Kraniche, die in großen Gruppen anreisen. In der Vergangenheit richteten sie dabei riesigen Schaden auf den umliegenden Feldern an, die sie teils völlig leer fraßen. Schließlich ist es die letzte Rastmöglichkeit vor der Sahara-Wüste, deren Überfliegen im Durchschnitt fünf Tage dauert – ohne jegliche Möglichkeit für die Aufnahme von Futter oder Wasser.

Doch das Kranich-Projekt, ins Leben gerufen vor rund 20 Jahren als Gemeinschaftsaktion des Jewish National Fund, der Umweltschutzorganisation SPNI sowie der Behörde für die Entwicklung Galiläas, füttere die Vögel regelmäßig, lässt der Experte wissen.

Das Vogelrestaurant umfasst eine Fläche von 70 Hektar, auf der rund 200 Tonnen Mais verteilt werden. »Den Kranichen und anderen Vögeln schmeckt es hier so gut, dass die große Mehrzahl von ihnen darauf verzichtet, bei den Landwirten im Umland einzukehren.«

ARCHITEKTUR Detaillierte Informationen zu den gefiederten Zeitgenossen gibt es jetzt im neuen Besucherzentrum des Keren Kayemeth LeIsrael (KKL) am Eingang des Hula-Tals. Das lichtdurchflutete großzügige Gebäude besticht schon von Weitem durch seine Architektur: Mit seinem schrägen Dach, das komplett mit Gras bepflanzt ist, scheint es, als wachse es aus dem Boden, und passt sich stimmig in die Natur ein. Vom Ausguck oben auf dem Dach ist das gesamte Tal zu überschauen. An klaren Tagen ist der Berg Hermon zu sehen.

In den beiden Stockwerken ist jede Menge über das Hula-Tal und seine Bewohner zu erfahren. Die interaktiven Stationen bieten ein Lernquiz, erklären die Vögel der Gegend und die Migrationsrouten. Das topografische Modell des Tals illustriert die Geschichte des Sees. Im Auditorium wird ein 3D-Film gezeigt, zudem gibt es ein Café und einen Souvenir-Shop. Hinter dem Besucherzentrum werden Fahrräder und Golfkarts verliehen, mit denen man im eigenen Tempo durch das Naturparadies fahren kann.


Jedes Jahr überquert eine halbe Milliarde Zugvögel das Hula-Tal.


Familie Rothman ist den weiten Weg aus der Nähe von Jerusalem gekommen. »Und es hat sich gelohnt«, findet Vater Avi. »Wir verbringen in den Sukkotferien drei Tage in Obergaliläa, doch die Zeit reicht kaum, um hier alles zu sehen.« Er und seine Söhne seien Vogelfans und hätten lange gewartet, um das neue Zentrum zu besuchen. »Wir sind so froh, dass es jetzt endlich geöffnet ist.«

SIMULATOR Der achtjährige Noam möchte die Welt einmal aus der Vogelperspektive sehen und dabei sanft durch die Lüfte gleiten. Das ist möglich auf dem Simulator, der die Flugroute und die Bewegungen eines Zugvogels virtuell erleben lässt. Nachdem Noam nach seinem Flug durch die Lüfte wieder »gelandet« ist, strahlt er über das ganze Gesicht. »Wow«, ruft er, »ich war wirklich ein Kranich!«

Langsam geht der Tag im Hula-Tal zu Ende. Während die Sonne hinter den Hügeln verschwindet, sinken die Temperaturen, und die Störche bewegen sich langsam im Gleitflug gen Boden. Hier finden sie das, worauf sie gewartet haben: die schmackhaften Reste auf den Erdnussfeldern. Heute schlagen sie sich die Bäuche voll – und morgen machen sie sich wieder auf die Reise. Bis zum nächsten Frühjahr.

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