Der Tod zweier Babys in einer nicht lizenzierten Tagesstätte im Jerusalemer Stadtteil Romema hat Israel erschüttert und eine Welle aus Trauer, Wut und politischen Spannungen ausgelöst. Die vier Monate alte Leah Goloventzitz und der sechs Monate alte Aharon Katz wurden am Montagmorgen leblos in einer völlig überfüllten Betreuungseinrichtung gefunden, die ohne Genehmigung betrieben wurde.
Insgesamt wurden 53 Babys und Kleinkinder von Rettungsdiensten aus den Räumlichkeiten evakuiert, viele von ihnen mit Symptomen von Dehydrierung, Atemnot und Überhitzung. Die Umstände, unter denen die Kinder betreut wurden, werfen schwerwiegende Fragen auf. Nach Angaben der Polizei und medizinischer Einsatzkräfte befand sich die Tagesstätte in mehreren miteinander verbundenen Wohnungen.
Dort sollen Dutzende Säuglinge gleichzeitig untergebracht gewesen sein. Augenzeugenberichten zufolge schliefen einige Babys auf Matratzen, die unter Toiletten, in Schränken oder in schlecht belüfteten Nebenräumen platziert waren. Die Ermittler gehen derzeit davon aus, dass ein defektes Heizsystem in Kombination mit Überbelegung zu extremer Hitze führte. Diese könnte zum Tod der Babys beigetragen haben. Die genauen Todesursachen sind bislang nicht offiziell bestätigt.
Gegen mindestens zwei Betreuerinnen wird ermittelt
Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln derzeit gegen mindestens zwei Betreuerinnen wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und schwere Vernachlässigung. Gleichzeitig wächst der öffentliche Druck auf Politik und Aufsichtsbehörden, systemische Versäumnisse vor allem in der ultraorthodoxen Gemeinde nicht länger zu ignorieren.
Insgesamt wurden 53 Kinder in verschiedene Krankenhäuser in Jerusalem eingeliefert, darunter das Shaare-Zedek-Hospital. Dort teilte die Klinikleitung später mit, dass 27 Babys und Kleinkinder nach einer Nacht zur Beobachtung in gutem Zustand wieder nach Hause entlassen wurden. Unklar blieb zunächst, wie viele Kinder weiterhin stationär behandelt werden mussten oder in andere Kliniken verlegt worden waren. Ärzte beschrieben die Situation als »außergewöhnlich belastend« – nicht nur wegen der Anzahl der Betroffenen, sondern auch wegen ihres sehr jungen Alters.
Während die Familie Katz auf die Freigabe des Leichnams ihres sechs Monate alten Sohnes Aharon – liebevoll Ari genannt – wartete, nahm seine Mutter Hani Katz in einer herzzerreißenden Nachricht in den sozialen Medien Abschied von ihm.
Hani Katz: »Und ist der Himmel dort oben nicht zu weit für ein winziges Baby, das gerade einmal krabbeln kann?«
»Wie, Herr des Universums, kann man ein Kind würdigen?«, schrieb sie und fragte, was die »süßen Seelen im Paradies der Babys« tun würden. »Zeichnen dort Engel? Sitzen lachende Mütter im Kreis? Und ist der Himmel dort oben nicht zu weit für ein winziges Baby, das gerade einmal krabbeln kann?«
Besondere Aufmerksamkeit erregte der Fall, als bekannt wurde, dass unter den evakuierten Babys auch ein Urenkel des langjährigen ultraorthodoxen Knesset-Abgeordneten Meir Porush der Partei Vereintes Tora-Judentum war. Kritiker werfen führenden Vertretern der ultraorthodoxen Parteien seit Langem vor, strukturelle Missstände in ihren eigenen Gemeinden zu ignorieren, während sie gleichzeitig politischen Einfluss ausübten, um staatliche Kontrollen in diese abzuwehren.
Parallel zur medizinischen und polizeilichen Aufarbeitung kam es zu heftigen Protesten. Charedische Extremisten lieferten sich in Jerusalem und Beit Schemesch teils gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei. Auslöser war die Entscheidung der Behörden, die beiden verstorbenen Babys zu obduzieren. Für viele streng religiöse Juden stellt jede Manipulation an einem Leichnam eine schwere Entweihung dar. Die Eltern der Kinder sprachen sich gegen die Autopsien aus und legten zusammen mit der Rettungsorganisation Zaka Berufung ein.
Ein Richter des Jerusalemer Magistratsgerichts hatte zuvor zugunsten der Behörden entschieden und argumentiert, dass die Obduktionen für die strafrechtlichen Ermittlungen unerlässlich seien. Sie sollen klären, ob fahrlässige Tötung vorliegt und ob systemische Mängel – etwa durch Hitze, mangelnde Belüftung oder Vernachlässigung – zum Tod der Kinder führten.
Gewalttätige Ausschreitungen gegen Obduktionen
In der Nacht zum Dienstag kam es zu Ausschreitungen, bei denen Demonstranten Mülltonnen anzündeten, Straßen blockierten und Einsatzkräfte angriffen. Dabei waren Sprechchöre zu hören, die den Tod der Babys mit der aktuellen Debatte über die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe in Verbindung brachten. Parolen wie »Das ist wegen der Armee« oder »Der Staat tötet unsere Kinder« richteten sich gegen die Regierung und deren Bestrebungen, mehr Charedim zum Militärdienst heranzuziehen. Mehrere führende ultraorthodoxe Rabbiner und Politiker griffen diese Argumentation auf und machten staatliche »Verfolgung« für das Unglück verantwortlich.
Die Polizei machte in einer ungewöhnlichen Verurteilung klar: »Die gewalttätigen Ausschreitungen von Gesetzesbrechern und die Blockierung von Verkehrswegen verdienen uneingeschränkte Verurteilung und stellen Straftaten dar, die Menschenleben gefährden und in einer schweren Katastrophe enden könnten.«
Im Zentrum der Debatte steht inzwischen auch ein lange bekanntes, aber selten offen diskutiertes Problem: illegale Kindergärten und Tagesstätten in charedischen Gemeinden. Seit Jahren warnen Fachleute davor, dass zahlreiche Betreuungseinrichtungen ohne Lizenz, ohne ausreichende Sicherheitsstandards und ohne staatliche Aufsicht betrieben werden. Oft handelt es sich um private Wohnungen, in denen weit mehr Kinder untergebracht sind, als erlaubt wäre. Kontrollen seien schwierig, da Eltern aus religiösen oder sozialen Gründen Behörden misstrauten und Probleme so gut wie nie meldeten.