Terror

Zurück zum Alltag

Surfer, Jogger, junge Paare mit Kinderwagen, arabische Teenager, die an Wasserpfeifen saugen, Hundebesitzer, Sonnenanbeter, Skateboard-Artisten, Lebenskünstler – auf der Strandpromenade Tajelet von Tel Aviv treffen sie sich alle. Die Meile zwischen dem Hafen im Norden und dem von Jaffa ist mehr als eine Strandpromenade. Sie ist Ausdruck der puren Lebenslust in der Mittelmeermetropole, die sich gern mit einer saftigen Orange vergleicht. Am Abend des 8. März rannte ein palästinensischer Terrorist über die Tajelet und stach jäh in die Blase der urbanen Unbeschwertheit.

Der 21-jährige Bashar Masalcha aus dem palästinensischen Dorf Kalkilia zückte plötzlich am Hafen von Jaffa, dem arabisch-jüdischen Teil der Stadt, ein Messer und ging auf Passanten los. Er verletzte den amerikanischen Touristen Taylor Force so schwer, dass dieser kurz darauf im Krankenhaus starb. Der 29-jährige Texaner war mit einer Gruppe von Studenten in Israel. Da der Terrorist zunächst von niemandem aufgehalten wurde, rannte er in Richtung Meer und verletzte weitere zehn Spaziergänger, vier von ihnen schwer. Darunter eine schwangere Frau und einen Besucher aus Russland.

Zwei Tage später, am Donnerstagnachmittag, ist auf den ersten Blick von den dramatischen Geschehnissen nicht mehr viel zu spüren. Stundenlang schrubbten Freiwillige der Hilfsorganisation ZAKA noch in der Nacht des Anschlages, um jede Spur menschlichen Blutes zu entfernen.

europa Die Sonne scheint, die Wellen wogen, und die Tajelet ist voller Menschen. Touristen knipsen die obligatorischen Selfies mit dem Mittelmeer im Hintergrund, Angestellte aus den nahe gelegenen Bürotürmen machen einen Verdauungsspaziergang, bevor sie sich wieder vor ihre Bildschirme setzen, Kinder klettern auf einem Gerüst. Eine Gruppe polnischer Touristen krempelt die Hosenbeine hoch und testet jauchzend die noch kalten Fluten. Auf die Frage, ob ihnen nicht mulmig zumute ist, an diesem Ort Spaß zu haben, antwortet eine Frau, dass so etwas überall auf der Welt passieren kann. »In Europa ist es mittlerweile in vielen Städten viel gefährlicher als hier. Da sterben viel mehr Menschen durch Terror.«

Das sieht der Generaldirektor im Tourismusministerium, Amir Halevy, genauso. Er teilte mit, dass die Zahlen der Besucher aus dem Ausland seit Beginn der als Messer-Intifada bezeichneten palästinensischen Gewaltwelle nicht zurückgegangen seien. »Der Tourismus in Israel wächst jedes Jahr – trotz des Terrors. In diesem Jahr haben die Menschen, noch mehr als in den Vorjahren, verstanden, dass es diese Probleme nicht nur in Israel gibt.« Auch Bürgermeister Ron Huldai lädt Besucher in seine Stadt. »Die Taten von Jaffa sind weitere in der langen Reihe grausamer Terroranschläge«, sagte er noch am selben Abend, »und es hat nicht den Anschein, dass sie bald aufhören werden.« Er bat Einheimische wie Gäste, mit ihrer normalen Routine weiterzumachen und sich vom Terror nicht unterkriegen zu lassen.

spielplatz Amos Michaeli balanciert einen Kaffee auf den Knien, während er auf die Wellen schaut. »Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es bedrückt mich nicht. Denn das tut es sehr. Ein Menschenleben ist verschwendet, andere wahrscheinlich für immer geschädigt. Meine Kinder spielen immer auf diesem Spielplatz«, erzählt der Programmierer und zeigt auf ein paar Rutschen und ein Karussell etwa 100 Meter entfernt.

Huldais Worte hält er nicht für Plattitüden, sondern für die einzig richtigen. »Denn Aufgeben gilt ja nicht«, sagt Michaeli und lacht gequält. »Dem Terror nachzugeben, ist keine Option. Wir Tel Aviver und alle Israelis müssen einfach so weitermachen wie bisher. Denn das ist unser Leben.«

Einer, für den sich nach dem Anschlag etwas geändert hat, ist Jischai Montgomery. Der als »guitar hero« in die Schlagzeilen geratene 26-Jährige wird in Tel Aviv gefeiert. Er zupfte gerade an den Saiten seiner Akustikgitarre, als er Schreie hörte. Sekunden später sah er den Terroristen auf sich zusprinten. »Ich fiel hin, und das verschaffte mir ein wenig Platz zwischen mir und dem Messer«, erinnert er sich. »Dann griff ich nach dem, was ich hatte: mein Instrument.« Montgomery schlug es dem Angreifer auf den Kopf, so kräftig er nur konnte. Der Schlag setzte den Attentäter zwar nicht außer Gefecht, doch er ließ von dem Musiker ab und rannte weg. Montgomery lief hinterher und rief »Terrorist«, um andere Menschen zu warnen. Einige Minuten später wurde der Attentäter von herbeigeeilten Freiwilligen der Polizei erschossen.

Spende Dass bei seiner Gegenwehr die Gitarre zu Bruch ging, war für Montgomery im Nachhinein nicht so schlimm. Denn mehr als einer half mit, ihm eine neue zu besorgen. Der Amerikaner Ed Dvir aus Philadelphia eröffnete eine Crowdfunding-Seite, auf der binnen 24 Stunden rund 5000 Dollar zusammenkamen. Dvir kündigte an, eine Gitarre zu besorgen und sie Montgomery persönlich zu überreichen, wenn er in Israel ist. Doch auch bis dahin muss der Straßenmusiker nicht aufs Spielen verzichten. Ein Musikgeschäft, das neben der Promenade eine Zweigstelle hat, überreichte ihm schon am Tag nach dem Anschlag ein nagelneues Instrument.

Die Tajelet ist gelebte Koexistenz – am Tag und in der Nacht. Auf dem Spielplatz des Charles-Clore-Parks schaukeln jüdische und arabische Kinder. Auf den Wiesen grillen arabische Großfamilien aus Jaffa neben chillenden Tel Aviver Teenagern in freizügigen Shorts und T-Shirts. Gewalt, verbal oder physisch, gibt es so gut wie nie.

Eines der Opfer von vergangener Woche ist Mohammed Wari. Der muslimische Computerspezialist lebt in Neve Zedek, dem Stadtteil östlich der Tajelet, der an Jaffa angrenzt. Er wurde durch einen Messerstich in den Hals verletzt. »Ich bin Opfer eines Attentats geworden«, postete der junge Mann am Tag darauf im Internet mit einem Foto von sich im Krankenhausbett. »Das ist wahrlich kein gutes Gefühl. Aber ich konnte den Täter wegstoßen und habe so glücklicherweise überlebt. Ich danke allen, die mich besucht haben und mir Genesung wünschen. Terror kennt keine Grenzen.«

Modschtaba Chamenei

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