Corona

Zurück ins Leben

Israelische Schulen in Zeiten von Corona Foto: Flash 90

Es ist nur eine Werbung für einen Müsliriegel. Und doch steht der Slogan exemplarisch für die derzeitige Stimmung im Land: »Back to life« – zurück ins Leben. Das empfinden viele Israelis nach den weitreichenden Lockerungen der Beschränkungen, die in den vergangenen Wochen wegen des Corona-Ausbruchs eingeführt worden waren.

Es wird schneller wieder aufgemacht als zuvor gedacht. Immer wieder verschiebt die Regierung die Termine für eine Öffnung nach vorn. Zunächst hieß es, dass die Schulen erst Mitte Juni wieder vollständig funktionieren sollten. Jetzt gehen die Kinder und Jugendlichen aller Jahrgangsstufen bereits seit Sonntag wieder zur Schule.

Viele Israelis finden, dass die Maßnahmen zu hart waren.

Die Zahl der Infizierten belief sich nach Angaben des Gesundheitsministeriums Anfang dieser Woche auf insgesamt etwas mehr als 16.600. Rund 3000 Fälle sind noch aktiv, 55 Menschen befinden sich in kritischem Zustand. 272 Israelis sind an den Folgen des Coronavirus gestorben. Innerhalb von 24 Stunden gab es in diesen Tagen rund zehn Neuinfizierungen.

Der ehemalige Gesundheitsminister der ultraorthodoxen Partei Vereinigtes Tora-Judentum, Yaakov Litzman, erklärte nach seinem Wechsel ins Wohnungsbauministerium, dass es »zu viel Panik« in Sachen Corona gab. »Als mein Generaldirektor sagte, er habe Angst, Zehntausende werden sterben, rief ich während des Regierungstreffens: ›Das ist völlig übertrieben‹«, erinnerte sich Litzman während eines Radiointerviews. »Der Ministerpräsident akzeptierte diese Übertreibung und stellte sich auf die Ängste ein.« Er wolle sich dennoch nicht über ihn beschweren, denn »die Situation ist hervorragend«. Man würde über jede verlorene Seele weinen, »aber alles in allem waren es 250«.

REGELN Ariel Schechter aus Karkur im Norden des Landes hat sich während des Lockdown strikt an die Regeln gehalten. »Es waren Vorgaben der Regierung, die bricht man nicht einfach.« Dennoch findet der Vater von zwei Kindern, dass viele Maßnahmen zu extrem gewesen sind. »Man muss die Menschen nicht mit Ausgangssperren bestrafen und sie behandeln wie wilde Tiere, die sich nicht benehmen können. Das erinnert mich zu sehr an Diktatur.«

Auch das völlige Schließen der Geschäfte ärgerte ihn. »Meiner Meinung nach war vieles überstürzt. Fragt sich eigentlich jemand, was geschieht, wenn ein Viertel der Menschen keinen Job hat? Wie sollen sie ohne Arbeit überleben, wenn die Lebenshaltungskosten ohnehin viel zu hoch sind?«

Angestellte, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, haben je nach Alter und Familienstand anderthalb bis knapp sechs Monate Anspruch auf Arbeitslosengeld. Das liegt bei 70 bis 75 Prozent ihres letzten Gehalts. Man muss jedoch in den vergangenen eineinhalb Jahren mindestens elf Monate beschäftigt gewesen sein. Ladeninhaber und Freiberufler erhalten diese Unterstützung nicht. Immer wieder haben sie demonstriert und Hilfe von der Regierung gefordert, die nach wie vor eher zögerlich fließt.

TISCHE Um die Arbeitslosigkeit im Gastronomiebereich einzudämmen, hat das Gesundheitsministerium in Übereinstimmung mit den Kollegen im Wirtschaftsressort jetzt bestimmt, dass es die Restaurants, Cafés und Bars im ganzen Land zu Beginn der kommenden Woche öffnen lässt. In der letzten Ankündigung hatte es geheißen, dass dies erst Ende Mai geschehen werde. Restaurants müssen Tische mit einer Entfernung von eineinhalb bis zwei Metern aufstellen, die Körpertemperatur der Gäste am Eingang prüfen und Desinfektionsmittel aufstellen. Außerdem müssen alle Besucher den Platz vorher reservieren.

Der scheidende Wirtschaftsminister Eli Cohen erklärte: »Wir müssen diese Schritte einleiten, wenn die Sterblichkeit so gering ist. Dies ermöglicht es Zehntausenden von Angestellten und Arbeitern, eine Beschäftigung zu haben. Damit bringen wir die Wirtschaft einen Schritt nach vorn.«

AKTION Vereinzelt hatten Inhaber am vergangenen Wochenende Tische und Stühle auf die Straße gestellt, um Leute zu beköstigen und nicht nur Essen zum Mitnehmen anzubieten. Einer von ihnen war Omer Miller, dem die beliebte Hamburger-Kette »Susu & Sons« in Tel Aviv gehört. Trotz seiner illegalen Aktion ließ sich kein Ordnungshüter bei ihm blicken.

Der Bürgermeister der Metropole am Mittelmeer war einer der Ersten, die sich für die Öffnung einsetzten. Ron Huldai hatte bereits vor der Ankündigung der Ministerien erklärt, er wolle auch ohne Regierungsbescheid die Lokale aufmachen. Er hatte den Generaldirektor Moshe Bar Siman-Tov angefleht: »Sie müssen das Bildungssystem und die Restaurants öffnen, sonst gibt es 70.000 Menschen ohne Job in Tel Aviv. Für das Wohl Israels, tun Sie es!«

Ron Huldai, der Bürgermeister Tel Avivs, war einer der Ersten, die sich für die Öffnung einsetzten.

Auch Synagogen werden wieder aufgemacht, derzeit muss noch draußen vor der Tür gebetet werden. Vertreter des Nationalen Sicherheitsrats, des Gesundheits- und Innenministeriums einigten sich auf die Richtlinien, dass ein Sitz zwischen zwei Anwesenden frei bleiben muss, die Beter ihre eigenen Gebetbücher mitbringen und Masken tragen müssen. Ein spezieller »Corona-Gabbai« soll die Regeln überwachen.

ALLTAG Susan Rose ist New Yorkerin und lebt mit ihrem israelischen Lebensgefährten in Tel Aviv. Sie ist am Samstag an den Strand gekommen, um der Enge ihrer Wohnung zu entfliehen. Beide arbeiten im Homeoffice und haben ihre vier Wände in den vergangenen zwei Monaten kaum verlassen.

»Ich bin froh, dass ich zu dieser Zeit in Israel und nicht in den USA war«, meint sie. Zwar seien einige Regeln auch hier verwirrend gewesen, »doch es war kein Vergleich zu dem völlig chaotischen Gebaren der US-Regierung«. Sie ist der Auffassung, dass die extremen Maßnahmen Jerusalems richtig waren.

Trotz der geringen Zahl der Neuinfektionen hat sie Sorge, dass sie sich noch anstecken könnte. »Ich bin Asthmatikerin und kann eine Lungenerkrankung wirklich nicht gebrauchen. Aber ich bin so gut informiert, dass ich weiß, eine Ansteckung im Freien ist relativ unwahrscheinlich.« In geschlossenen Räumen vermeide sie Menschenansammlungen immer noch.

Die 28-Jährige freut sich auf die Zeit, die kommt, und ist sicher, »dass wir alle das Alltägliche und Schöne jetzt viel mehr zu schätzen wissen. Ich habe mich noch nie so gefreut, auf mein Rad zu steigen und zum Meer zu fahren«.

Deutsche Sprache, deutsches Bier: Im Liebling-Haus in Tel Aviv wurde alles gekostet.

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