Jerusalem

Zions neuer Zug

High-Tech-Verkehrsmittel für die antike Stadt: Jerusalemer Straßenbahn Foto: Sabine Brandes

Noch darf niemand Platz nehmen. Doch die Schonbezüge auf den Sitzen sind schon abgezogen. »Ein gutes Zeichen«, meint Alice Bogrash und schmunzelt. »Letzte Woche war das Plastik noch drauf.« Während sie an einem Eiskaffee auf der JaffaStraße im Herzen Jerusalems nippt, rauschen die silbernen Wagen an ihr vorbei. Die junge Frau folgt dem Gefährt mit ihren Augen. »Testfahrten«, raunt sie, »die laufen schon seit Monaten. Aber wann jemand einsteigen darf, steht wohl in den Sternen.« Skeptisch beäugen die Menschen den Zug, der dieser Tage alle paar Minuten durch die Mitte der Straßen rollt. Kaum jemand mag mehr daran glauben, dass er tatsächlich bald seinen Betrieb aufnimmt. Doch das Datum steht. An diesem Freitag, am 19. August, soll es in der ersten Straßenbahn Jerusalems heißen: »Einsteigen bitte, die Türen schließen«.

Start Nach einer Dekade Planungs- und Bauzeit sowie fünf Jahren voller Verspätungen soll es nun endlich so weit sein: »Wir wissen nichts mehr von einer Verschiebung«, betont die Pressesprecherin des Betreibers CityPass, Mali Cohen-Breier, »allerdings kann man das bei einem derartigen Projekt nicht ganz genau wissen. Das letzte Wort haben die Behörden.« Für CityPass, ein französisch-israelisches Konsortium, bleibt es bis jetzt beim 19. August. Israelische Medien berichteten indes am Montag, dass auch dieser Start aller Voraussicht nach nicht eingehalten wird. Angeblich gäbe es Probleme beim Kontrollsystem. Der Betreiber wollte das nicht bestätigen.

Ob sich die Türen am Freitag für Passagiere öffnen oder nicht – zweifellos sieht der Zug gut aus, wenn er sanft durch das Zentrum gleitet. Von der französischen Firma Ashtrom entworfen und gebaut, schimmern die Waggons silbrig in der Sonne. Ein High-Tech-Zug für eine antike Stadt. Es ist jedoch nicht nur die Bahn, die plötzlich durch Jerusalem fährt. An zahlreichen Stellen wurde die Stadt grundlegend verändert. Wie beispielsweise in der Jaffa-Straße. Einst lauter, hektischer Schandfleck voller Autos und röhrender, stinkender Busse, ist sie nun eine elegante Fußgängerzone ohne jeglichen Verkehr. Plötzlich stellen Cafés und Restaurants Tische und Stühle auf den Bürgersteig, das Herz der Stadt lädt zum Verweilen ein. »Wundervoll«, findet Bogrash, »für diese Verschönerung allein hat sich das Warten gelohnt. Endlich sieht es hier aus wie im Zentrum einer Hauptstadt.«

Kritik Nicht jedermann indes findet Gefallen am Konzept. Ladeninhaber klagen, dass sie ihre Waren nur noch mit Schwierigkeiten ausladen können. Außerdem wetterten verschiedene Stadtplaner, statt einen extrem teuren Zug zu bauen – die Gesamtkosten werden auf fast vier Milliarden Schekel (800 Millionen Euro) geschätzt –, hätte man das umfassende Busnetz wesentlich kostengünstiger erweitern und verbessern können.

Doch jetzt ist er da. Manchmal klingelt er, um Fußgänger zu warnen, »hier kommt ein Zug«. Elegant und leise setzt er dann seinen Weg auf den Schienen in Richtung Herzlberg fort. Das Fahrtziel steht in drei Sprachen angeschrieben: Hebräisch, Arabisch und Englisch. »Die Straßenbahn ist für alle Bewohner und Besucher Jerusalems da«, so Cohen-Breier, »ein einziges Verkehrsmittel für die Gleichheit aller Einwohner«. Noch ist er nicht so schnell wie avisiert, da die Synchronisation der Ampelanlagen nicht einwandfrei funktioniert. Generell soll der Straßenbahn jedoch Vorfahrt vor allen anderen Verkehrsmitteln eingeräumt werden. Derzeit sind erst 20 der geplanten »Smarten Ampeln« aufgestellt, weiß die Sprecherin. Dadurch dauert die Gesamtfahrzeit statt 42 noch 60 Minuten. »In den nächsten Monaten werden die restlichen installiert, dann ist die Bahn nicht nur praktisch und bequem, sondern auch noch richtig schnell.«

Die Entstehung der ersten Straßenbahn Jerusalems verlief eher langsam und holprig. Das Management glich einer wilden Berg-und-Tal-Fahrt, keiner sanften Geradeausstrecke. Bei der Bevölkerung Jerusalems – und insbesondere den Bewohnern und Geschäftsinhabern entlang der Strecke – sorgten die ewigen Verschiebungen für Unmut und Skepsis. Bei manchen schürten sie regelrechten Hass.

»Jahrelang haben wir den Preis für die Unfähigkeit der Behörden bezahlt«, meckert Jossi Katz, der an einem Stand auf dem Mahane-Jehuda-Markt verkauft. »Anstatt uns Kunden in Scharen zu bringen, sind sie uns in Scharen weggeblieben. Die ganze Gegend hier war jahrelang eine katastrophale Baustelle, die Leute hatten keine Lust mehr, herzukommen. Wir haben nicht einen Schekel Kompensation bekommen, sondern nur Lügen und Ausreden.«

Auch brodelte die Gerüchteküche um den »leichten Zug«, wie er im Hebräischen genannt wird. Es werde getrennte Abteile für Männer und Frauen geben, um es den ultraorthodoxen Bewohnern der Stadt recht zu machen, befürchteten viele. Der Oberste Gerichtshof hatte im Januar dieses Jahres entschieden, dass die »koscheren Buslinien«, in denen Männer vorne und Frauen hinten sitzen, zwar legal seien, diese Regelung jedoch in keinem Fall erzwungen werden dürfe. »Wird Geschlechtertrennung gewünscht, darf es ausschließlich freiwillig geschehen«, erläuterten die Richter damals. Die Frau von CityPass macht deutlich, dass die Straßenbahn derzeit keinerlei Geschlechtertrennung in ihren Zügen vorsieht.

Strecke Ob Mann oder Frau – schon jetzt kann man Fahrscheine an den Automaten der Haltestellen kaufen. 6,40 Schekel (circa 1,30 Euro) kostet die Fahrt mit der Bahn von A nach B. Das Ticket erlaubt sogar das Umsteigen in einen Bus. »Bis die anderen Netze fertig sind, werden die Fahrgäste noch auf Busse angewiesen sein«, gibt Cohen-Breier zu bedenken. Bislang existiert die Strecke Nummer eins vom Stadtteil Pisgat Zeev bis zum Herzlberg mit 23 Stationen auf 14 Kilometern. Darunter sind die Stadtverwaltung, das Zentrum mit Jaffa-Straße und Mahane Jehuda sowie die zentrale Busstation zu erreichen. Auch fährt sie über die viel diskutierte Saitenbrücke des spanischen Designers Santiago Calatrava. An der Endstation Herzlberg gibt es eine Park-and-ride-Einrichtung.

Letztendlich soll ein Netz von insgesamt acht Strecken die Stadt durchziehen. Die Realisierung jedoch ist reine Zukunftsmusik. Drei der derzeitigen Stopps liegen im arabischen Teil, in Ost-Jerusalem. Besondere Sicherheitsvorkehrungen gäbe es dort nicht. »Wir haben gewöhnliche Haltestellen in allen Teilen der Stadt, und in jedem Zug fährt eine Sicherheitsperson mit«, sagt die Sprecherin.

»Zum Glück«, meint Lisa David-Zarfati. Die Inhaberin der Boutique Schai-Kong an der Jaffa-Straße muss mit einem mulmigen Gefühl kämpfen, wenn sie den Zug vor den Fenstern vorbeifahren sieht. »Ich hoffe, er ist auch wirklich sicher«, sagt sie besorgt, kann sich aber gleichzeitig einer gewissen Vorfreude nicht erwehren. »Wir haben fast zehn Jahre darauf gewartet, viel gelitten, die Geschäfte liefen schlecht.« Doch David-Zarfati fügt hinzu, dass sie im Herzen Optimistin sei. »Jetzt ist es an der Zeit, sich über die Straßenbahn zu freuen und endlich einzusteigen.«

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