Karriere

»Wir sind die Mehrheit«

Zipi Livni am 1. Januar 2019 in der Knesset Foto: Flash 90

Ein bekanntes Gesicht wird bei den kommenden Wahlen nicht mehr dabei sein: Zipi Livni, einstige Außen- und Justizministerin, Weggefährtin von Ariel Scharon, einstige Taube des Likud und Gründerin der Partei Hatnua, zieht sich aus der Politik zurück. »Ich könnte mir nicht verzeihen, wenn die Stimmen der Menschen, die an meinen Weg glauben, verschwendet wären«, sagte sie am Montag.

Jüngste Umfragen zeigen, dass ihre Partei bei der Wahl am 9. April wahrscheinlich nicht die Hürde von 3,25 Prozent erreichen würde, die nötig ist, um in die Knesset einzuziehen. In diesem Fall wären die abgegebenen Stimmen wertlos. Das jedoch wolle sie auf keinen Fall. »Wir sind keine rechthaberische Minderheit. Wir sind die Mehrheit«, gab Livni sich noch immer kämpferisch und forderte die Wähler auf: »Verlangt eine klare Ansage von den Politikern! Gebt euch nicht damit zufrieden, dass es ist, wie es ist! Ihr könnt es ändern!«

FRIEDEN Gut sah sie aus auf ihrer letzten Pressekonferenz als Politikerin, erholt und entspannt, so, als wäre ihr eine schwere Last von den Schultern gefallen. Dabei sei es ihr in den vergangenen Jahren besonders schlecht gegangen, gab sie sich verletzlich. »Die Trennung von den Palästinensern ist unumgänglich, um den Staat Israel zu erhalten«, machte sie hier noch ein letztes Mal klar und fügte hinzu, dass sie ihre komplette politische Karriere in diesem Sinne gestaltet habe. Für diese Überzeugung musste sie den Preis bezahlen, sagte sie. »Denn das Wort ›Frieden‹ ist heute in Israel anstößig geworden.«

In der letzten Zeit hatte sie verstärkt über die Gefährdung der Demokratie gesprochen und ihren Kampagnenslogan entsprechend formuliert.

In der letzten Zeit hatte sie verstärkt über die Gefährdung der Demokratie gesprochen und ihren Kampagnenslogan entsprechend formuliert: »Die Einzige für Demokratie«. Die innere Stärke, weiter zu kämpfen, habe sie, es fehle jedoch an der politischen Macht, diese Vision allein in die Tat umzusetzen. »Ich verlasse die Politik, aber ich werde es nicht zulassen, dass die Hoffnung auf den Frieden Israel verlässt.«

Livni, geboren 1958, ist mit dem Werbefachmann Naftali Spitzer verheiratet und hat zwei Söhne. Aufgewachsen als Tochter von Aktivisten der jüdischen Untergrundorganisation Irgun kam sie schon als Kind mit Politik in Berührung. Nach ihrem zweijährigen Armeedienst ließ sie sich vom israelischen Geheimdienst Mossad anheuern. Es ist mehr als 30 Jahre her, doch noch immer hängt ihr eine gewisse Aura des Geheimnisvollen an. Niemand weiß genau, was sie in den vier Jahren als Agentin in Paris getan hat. Livni selbst verliert kein Wort darüber.

Auch ihr Privatleben hält sie weitgehend unter Verschluss. Bekannt ist nur, dass sie in ihrer Freizeit Schlagzeug spielt, seit jungen Jahren Vegetarierin ist und Jura studierte. Sie gilt nicht unbedingt als einfacher Charakter, und die einzig bekannte tiefgehende Freundschaft, die sie in den langen Jahren ihrer politischen Laufbahn schloss, war mit Isaac Herzog, mit dem sie auch politisch ein Bündnis einging. Wenig charmant kommentierte die linksliberale Tageszeitung Haaretz: »Aber Herzog würde sich auch mit Dracula anfreunden.«

KADIMA In die Knesset kam Livni 1999 als Mitglied des Likud – jener Partei, die schon ihre Eltern gewählt hatten. Später nahm Ariel Scharon sie mit in die Zentrumspartei Kadima, die es heute nicht mehr gibt. Es folgte eine Karriere, wie sie steiler kaum hätte sein können: Innerhalb von sieben Jahren schaffte es die heute 60-Jährige bis zur Außenministerin und Chefunterhändlerin bei den Gesprächen mit den Palästinensern. Als oberste Diplomatin Israels genoss sie großes Ansehen in der ganzen Welt. Insgesamt diente sie auf acht ministerialen Posten. Keine israelische Frau hat je mehr innegehabt.

2013 saß sie als Justizministerin in der Regierung von Benjamin Netanjahu und leitete eine neue Runde der Verhandlungen mit den Palästinensern. Doch im Dezember des Folgejahres wurde sie nach einer Reihe von politischen Disputen mit dem Ministerpräsidenten zusammen mit Yair Lapid, der dem Finanzministerium vorsaß, aus der Koalition geworfen, als Netanjahu Neuwahlen wollte. 2015 tat sie sich mit der Arbeitspartei (Awoda) zusammen und ging als Zionistische Union in die Wahlen. Ein Zusammenschluss, der sich lohnte. Mit 24 Mandaten war die Union die zweitstärkste Kraft. Und doch schaffte sie es nicht in die Regierung.

RESPEKT Lange galt Livni als mächtigste Frau des Landes seit Golda Meir. Und sie war eine, die die Fäden gern hinter den Kulissen zog. Doch wenn es darauf ankam, machte sie stets ihren Mund auf. Dafür war sie bekannt. Und dafür zollen ihr Weggefährten an diesem Tag Respekt.

Livni diente auf insgesamt acht Ministerposten.

Stav Shaffir von der Arbeitspartei meinte, es sei »im Interesse der Rechten, dass eine mutige Frau wie Livni vom Sockel gestoßen wird«. Und auch Schelly Jachimowitsch nannte sie mutig. »Die israelische Politik verliert eine wertvolle und bedeutsame Person.« Livni sei wahrscheinlich die letzte deutliche Stimme, die heute noch über Frieden und Verhandlungen mit den Palästinensern spreche. »Und zwar aus ernsthafter Sorge um die Integrität eines jüdischen und demokratischen Staates«, war die Botschaft von Eitan Cabel von der Arbeitspartei. Er nannte Livni »eine wahre Partnerin des zionistischen Lagers«.

Nur wenige Wochen, nachdem Awoda-Chef Avi Gabbay sie vor laufenden Kameras ohne Warnung schasste und das Bündnis brachial aufkündigte, hat Livni die Kontrolle wieder übernommen. Und zwar, indem sie sie aufgibt. Zum Abschied schreibt Haaretz über sie: »Zipi Livni war wohl der beste Premier, den Israel nie hatte.«

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