Herr Biton, Sie sind ehemaliger Chef der israelischen Luftabwehr. Wie effektiv ist das israelische Luftabwehrsystem in den ersten Kriegstagen gewesen?
Das israelische Luftabwehrsystem besteht aus mehreren Ebenen, die jeweils gegen bestimmte Arten von Bedrohungen ausgerichtet sind – und alle diese Schichten greifen ineinander. Davidʼs Sling ist für Mittelstreckenraketen, Drohnen und Marschflugkörper zuständig. Das Arrow-System zielt auf Langstreckenraketen ab. Iron Dome fängt Kurzstreckenraketen und Artilleriegeschosse ab. Und alle diese Schichten sind miteinander verbunden. Bislang sind die Ergebnisse gut. Hundertprozentige Sicherheit gibt es aber nie.
Nach der Tragödie von Beit Schemesch, bei der am Sonntag neun Menschen durch einen Raketenangriff ums Leben kamen, meinen einige Beobachter bereits, dass Israels Raketenabwehr versagt habe. Was sagen Sie dazu?
Dem kann ich nicht zustimmen. Schauen wir uns die Zahlen an: Nehmen wir an, der Iran feuert 20 taktisch-ballistische Raketen ab, und wir fangen fünf davon nicht ab. Nehmen wir nun einen anderen Fall: Eine einzige Rakete wird abgeschossen, und wir fangen sie nicht ab. Das wäre vergleichbar, aber statistisch völlig anders. Statistiken funktionieren nicht mit kleinen Zahlen. Unsere kumulative Abfangquote liegt in der Regel bei durchschnittlich 85 Prozent. Am Ende ist das eine andere Frage. Die meisten ankommenden Raketen werden abgeschossen. Aber manchmal kommt eine durch – wegen der Flugbahn, eines technischen Problems oder eines menschlichen Fehlers. Was ich sagen kann: Unsere Luftabwehr ist hervorragend. Und der Iran verfügt über keine innovativen Waffen, die Israel erreichen könnten, ohne dass wir sie abfangen könnten.
Im Gegensatz zum Zwölf-Tage-Krieg im Juni vergangenen Jahres, als der Iran Dutzende Raketen gleichzeitig auf Israel abgefeuert hat, gab es zuletzt weniger Raketen auf einmal, dafür häufiger hintereinander. Ist das eine Änderung der Taktik – oder hat der Iran keine anderen Optionen mehr?
Wir haben es hier nicht mit einfachen Kurzstreckenraketen zu tun, sondern mit taktisch-ballistischen Raketen. Im letzten Konflikt hat der Iran nicht nur ballistische Raketen eingesetzt, sondern auch Drohnen und Marschflugkörper – und alle haben Israel ungefähr gleichzeitig erreicht. Eine ballistische Rakete braucht etwa zehn Minuten, eine Drohne mehrere Stunden. Das war also koordiniert geplant.
Der Iran verfügt über keine innovativen Waffen, die Israel erreichen könnten, ohne dass wir sie abfangen könnten.
Fällt es dem Iran jetzt schwerer, viele Raketen gleichzeitig abzufeuern?
Israel und die USA haben die Lufthoheit über dem iranischen Luftraum – das ist die erste Einschränkung. Die zweite ist, dass die israelische Luftwaffe und die US-Streitkräfte aktiv Abschussrampen angreifen. Das macht es deutlich schwieriger, mehr als nur wenige Raketen gleichzeitig zu starten. Aber es gibt noch einen weiteren wichtigen Faktor.
Welchen?
Ich glaube, dass Teheran neben diesen operativen Einschränkungen auch strategisch rechnet: Wie viele Raketen kann man sich leisten, einzusetzen, wenn dieser Krieg länger als ein paar Tage dauert? Der Iran muss nicht nur auf Israel schießen, sondern auch auf arabische Länder in der Region. Seine Vorräte reichen nicht für alle Fronten gleichzeitig. Aber es gibt noch einen weiteren Ansatz: Der Iran versucht, viele Ziele in ganz Israel mit hoher Frequenz und rund um die Uhr unter Beschuss zu halten. Das ist beunruhigend: Wir müssen immerzu zwischen Schutzräumen und dem Alltag wechseln: rein, raus, rein, raus. Das ist die operative Logik dahinter: einerseits die Munitionsbeschränkung, andererseits der Versuch, uns den ganzen Tag in Schutzräumen zu binden.
Wie groß ist die Bedrohung durch iranische Drohnen, die es am Sonntag sogar geschafft haben, in den Luftraum Jerusalems einzudringen?
Wir kennen die iranischen UAVs, die unbemannten Luftfahrzeuge. Es sind mehr als Drohnen: Sie sind deutlich größer und müssen rund 2000 Kilometer zurücklegen. Der erste Weg, damit umzugehen, ist die Luftwaffe, also eine Luft-zu-Luft-Bekämpfung. Ein Kampfjet ist wie ein Elefant, und die UAVs sind dagegen die kleinen Mäuse. Wenn trotzdem einige weiterfliegen, greift die nächste Abwehrebene: unsere Luftabwehrsysteme. Mit diesen UAVs haben wir kein grundsätzliches Problem – wir können damit umgehen.
Mit sehr hoher Effektivität können wir auch diese kleinen Ziele abfangen.
Auch mit den Drohnen der Hisbollah?
Die Hisbollah-UAVs sind eine andere Kategorie. Sie sind sehr klein, fliegen in geringer Höhe und versuchen, unseren Radarsystemen zu entgehen. Manchmal halten sie sich lange in der Luft. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sie zuerst zu entdecken, dann zu verfolgen und schließlich abzufangen. Dafür setzen wir inzwischen neue Systeme ein, darunter Laser. Mit sehr hoher Effektivität können wir auch diese kleinen Ziele abfangen. Aber der erste Schritt ist immer: entdecken und verfolgen.
Das neue Laserabwehrsystem Iron Beam wurde im Dezember vergangenen Jahres vorgestellt. Ist es bereits im Einsatz?
Ja, wir haben es vor einigen Monaten in Betrieb genommen. Bereits im vergangenen Jahr gab es echte Einsatzerprobungen, nicht im Labor, sondern unter realen Bedingungen, auf einem realen Schlachtfeld.
Könnte es sein, dass das Mullah-Regime, wenn es wirklich mit dem Rücken zur Wand steht, auch Raketen mit unkonventionellen Sprengköpfen auf Israel abfeuert? Ist Israel darauf vorbereitet?
Das Mullah-Regime im Iran hat stets angestrebt, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln. Aber selbst in diesem Szenario ist unser System in der Lage, die Raketen in sehr großer Höhe abzufangen.
Wenn wir wissen, dass etwas bevorsteht, versuchen wir, es vorher zu eliminieren.
Und wenn chemische Waffen eingesetzt werden?
Dann gilt dieselbe Logik. Wenn man einen chemischen Sprengkopf in der Exo-Atmosphäre abfängt, ist die Gefahr irrelevant.
Die Luftabwehr ist kostspielig und verbraucht viel Munition. Wie lange kann Israel den Angriffen aus dem Iran und von der Hisbollah standhalten?
Wenn man mit ballistischen Raketen konfrontiert ist, gibt es im Grunde drei Ansätze. Erstens: der präventive Erstschlag. Wenn wir wissen, dass etwas bevorsteht, versuchen wir, es vorher zu eliminieren. Zweitens: die Luftverteidigung, die eingehende Salven abwehrt. Drittens: die aktive Jagd auf Abschussrampen durch die Luftwaffe. Das ist ein ständiges Austarieren. Die wirtschaftliche Rechnung ist nicht so einfach wie »teure Abfangrakete gegen billige Angriffsrakete«. Die eigentliche Gleichung lautet: Was kostet ein Abfangversuch im Vergleich zu dem Schaden, den wir damit verhindern? Wenn die Schäden durch nicht abgefangene Raketen enorm wären, würde sich der Einsatz der teuren Abfangrakete lohnen. Deshalb produzieren wir vom ersten Kriegstag an kontinuierlich mehr Munition.
Mit dem ehemaligen Chef der israelischen Luftabwehr sprach Detlef David Kauschke.