Umwelt

»Wie in Tschernobyl«

Wegen der Belastung durch Asbestmüll nur scheinbar ein idyllisches Städtchen: Naharija im Norden Israels Foto: Flash 90

Vor einer Weile dachten die Menschen im Küstenstädtchen Naharija, sie könnten aufatmen. »Keine Produktion und Verwendung von Asbest mehr«, lautete ein neues Gesetz. Doch sie sollten nicht zu tief Luft holen. Denn der Tod wabert durch das Gefilde.

Zwar stehen die Maschinen in Israels einziger Asbestfabrik, Eitanit, bereits seit 1997 still, doch das krebserzeugende Material hat den Ort fest im Griff. »Es ist in der ganzen Stadt«, weiß Orit Reich, Gründerin und Vorsitzende der Vereinigung für die Qualität von Leben und Umwelt in Naharija (AQLEN).

Vor einem Jahr kam die gute Nachricht: Nach Jahren der Verhandlungen setzte das Parlament durch, das Asbest müsse aus der Region entsorgt werden. Auch die Übernahme der Kosten war verankert: Der Staat und die lokalen Behörden sollten die Hälfte übernehmen, die andere der Verursacher. Zwar stand der Name der Firma nicht geschrieben, doch es war klar, dass es sich um Eitanit‐Bauprodukte handelte. Bis heute klagt das Unternehmen vor Gericht, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.

GIFTIG Man hätte nichts von der Gefahr gewusst, argumentiert Eitanit, das von 1952 bis 1997 produzierte. »Unsinn«, kontert Keren Halperin‐Musseri, Anwältin der Umweltorganisation Adam, Tewa ve Din. »Zuerst dachte man, das Material sei nur für die Arbeiter in direktem Kontakt schädlich, doch bereits in den 50er‐Jahren gab es Erkenntnisse, dass es auch in der Umwelt hochgradig gesundheitsgefährdend ist.« Die erste Verbindung zu Asbest nach einer Krebsdiagnose wurde bereits 1964 hergestellt. Bei Eitanit liefen die Fließbänder noch Dekaden weiter.

Naharija ist ein bildhübsches Städtchen im Norden, gegründet von Einwanderern aus Ungarn und Deutschland. Gepflegte Häuschen und Gärten, eine schöne Promenade charakterisieren die 50.000-Einwohner-Stadt. Doch der Schein trügt gewaltig: »Luft, Wasser und Boden in der Stadt und ihrer Umgebung sind verseucht durch die weitreichende Verbreitung von Asbestmüll«, steht auf der Homepage von AQLEN geschrieben.

Wie es dazu kam? Reich, die in Naharija aufgewachsen ist, erinnert sich, dass die Fabrik ihren Angestellten früher den Abfall mitgegeben hat. Die Menschen hätten ihn mit Zement gemischt und für die Verstärkung von Wegen und Mauern, Schulen, Häusern und Ställen benutzt. Auf diese Weise gelangte das giftige Material in sämtliche Gegenden der Stadt.

AUSSICHTSLOS Als das Bewusstsein wuchs, dass Asbest eine ernsthafte Gefahr für die Gesundheit darstellt, begannen die Bewohner mit ersten Säuberungsaktionen. »Und erhielten weder Hilfe von der Firma noch vom Staat.« Doch das Aufräumen stellte sich als pure Sisyphusarbeit heraus. Reich: »Es befand sich nicht nur in einigen Wegen, sondern an jeder nur denkbaren Stelle.«

AQLEN wurde vor zwölf Jahren ins Leben gerufen, als es hieß, in direkter Nähe zu einer Asbest‐Müllhalde solle ein Kinderspielplatz gebaut werden. Diese erste Aktion von Reich und ihren Mitstreitern war der Startschuss für die Aufklärung über die Verseuchung der gesamten Region Westliches Galiläa.

Für viele jedoch wird jedwede Handlung zu spät sein. Denn der Krebs, den das Asbest erzeugt, ist einer der tödlichsten. Reich ist sicher: »Bei den Krankheitsraten ist Naharija so schlimm wie Tschernobyl.« Hunderte von Arbeitern der Asbestfabrik seien bereits verstorben, viele jung. Und auch die Angehörigen bekamen die Auswirkungen zu spüren. Die feinen Partikel des Materials hingen an der Kleidung der Beschäftigten, die sie mit nach Hause brachten. »Die Menschen hier leben in ständiger Angst, denn dieser Krebs kann sogar noch nach 40 Jahren auftreten.«

GRENZWERTE Experten unterstützen Reichs These. Schon im Jahr 2009 erklärte das nationale Krebsregister des Gesundheitsministeriums Naharija zum Ort mit dem zweithöchsten Aufkommen von Mesotheliomen weltweit. In der betroffenen Region liegt die Rate bei 5,72 pro 100.000 Menschen, in Tel Aviv im Vergleich dazu bei 0,55.

Das Mesotheliom ist eine relativ rare und tödliche Krebsform, die fast ausschließlich bei Menschen auftritt, die Asbest ausgesetzt waren. Mediziner gehen davon aus, dass die Krankenzahl in den kommenden Jahren steigen wird, da die Inkubationszeit durchaus auch mehrere Jahrzehnte betragen kann.

Neben dem enormen Krebsrisiko fanden Wissenschaftler der Universität Haifa kürzlich heraus, dass Asbest ernsthafte genetische Veränderungen in Tieren und Menschen hervorrufen kann. Rachel Ben‐Schlomo und Uri Schanas kamen in Tests mit Ratten zu dem Ergebnis, dass die Berührung mit der Substanz zu einer höheren Wahrscheinlichkeit von genetischen Mutationen führt. Neben den tragischen Auswirkungen für die Gesundheit der Bewohner kämen wirtschaftliche hinzu, erläutert AQLEN, denn die bekannten Probleme würden Touristen von Naharija und der gesamten Region fernhalten.

KLAGE Vor einer Weile klagte Eitanit gegen die Implementierung des Gesetzes, welches die Aufräumarbeiten festsetzt – und verlor. Nun zog das Unternehmen vor den Obersten Gerichtshof mit dem Antrag, das Gesetz gänzlich annullieren zu lassen.

Dennoch haben die staatlichen Entsorgungsarbeiten mittlerweile begonnen. Halperin‐Musseri erklärt: »Asbest muss mit derselben Sorgfalt behandelt werden wie radioaktives Material. Die Arbeiter müssen spezielle Schutzanzüge tragen und besondere Vorsicht walten lassen. Das Material wird in Spezialbehältern zu Sondermülldeponien transportiert. Das ist sehr schwierig und kostspielig.« Wie lange die Arbeiten dauern werden, sei völlig offen.

Naharijas Bewohner sind alles andere als beruhigt. Denn das, was aus der Erde geholt wird, gibt allen Grund zur Sorge. »Es kommt viel mehr hoch, als ursprünglich angenommen«, so Halperin‐Musseri. »Das Asbest ist überall.« Man wisse ja, dass die Gegend niemals komplett frei von dem Gift sein werde, fügt Reich hinzu. »Doch zumindest hätten wir erwartet, dass die Verursacher ihren Teil der Verantwortung übernehmen und für die Ungerechtigkeit bezahlen, die sie den Anwohnern zugefügt haben.«

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