Israel

Wer bremst, verliert

Der Bürgermeister von Tel Aviv heißt Ron Huldai. Aber wirklich regiert wird die Stadt von anderen. Die eigentlichen Chefs sind die Motorräder, Taxis und Fahrräder. Sie liefern sich tagtäglich auf den vollgestopften Straßen Tel Avivs einen unerbittlichen Kampf um die Vorfahrt, überholen die unzähligen Busse gern auch rechts und wissen: Wer zuerst bremst, verliert.

Aber während sich die Taxis und Motorräder am Ende eines Tages auf Parkplätzen und in Tiefgaragen ausruhen, wissen die Fahrräder oft nicht wohin. Es gibt einfach zu wenige Fahrradständer für zu viele Fahrräder. Sogar der Hund wird mit dem Fahrrad in einem Korb am Lenker transportiert. Und Kinder. Eines vorne. Eines hinten. Möbel. Blumen. Pizza.

Tel Aviv ist in in verkehrstechnischer Hinsicht das Hanoi des Nahen Ostens.

ERFINDERISCH Tel Aviv ist in dieser Hinsicht das Hanoi des Nahen Ostens. Und da Not bekanntlich erfinderisch macht, ketten die Fahrradfahrer ihre Räder an den unmöglichsten Plätzen mit der unglaublichsten Technik fest. Das Fahrrad einfach nur so mit dem Schloss gesichert an einer Hauswand abzustellen, ist ausgeschlossen, es sei denn, man will es dringend loswerden.

In Tel Aviv wird alles mitgenommen, was am Fahrrad nicht niet‐ und nagelfest ist, sogar die Sattelbezüge, die man in Deutschland ungefragt als Werbung bekommt. Hier hingegen nimmt man die »mobilen« Teile vom Rad mit in die Wohnung oder ins Restaurant oder an den Strand. Lenker, Sattel, Motor vom E‐Bike. Wenn es der Fahrradbesitzer nicht tut, kommt ein anderer, der sich der Sache annimmt …

Aber wie immer in der optimistischsten Stadt der Welt, gibt es nun etwas, was eine Première sein dürfte: Tel Aviv hat seine erste Bike‐Galerie. Das Wort »Galerie« führt ein wenig in die Irre. Es handelt sich nicht um Fahrradkunst oder Fotografien von der Tour de France. Die Bike‐Galerie ist ein Parkhaus für Fahrräder in einem Parkhaus für Autos. Genau gesagt im »Levinstein Tower«, einem beeindruckenden Hochhaus, in dem sich Anwälte, Kreative aus Werbeagenturen und Steuerberater ein Stelldichein geben.

Hier wird alles mitgenommen, was am Fahrrad nicht niet‐ und nagelfest ist, sogar die Sattelbezüge.

ANSAGE Aber auch die fahren Fahrrad, weswegen der Architekt Oded Shabat mitten in der Tiefgarage seine Bike‐Galerie baut. »Der Auftrag ist genauso simpel wie anspruchsvoll«, erklärt Shabat. »So viele Halterungen wie möglich, um Fahrräder anschließen zu können, ohne Parkplätze für Autos zu okkupieren – eine klare Ansage, nicht wahr?«

Und wie macht man das? »Man nutzt die komplette Fläche UND die Höhe.« Der Architekt verwendet massive Metallhalterungen, Nieten, Schrauben, kombiniert luftige Gitter mit Neonleuchten, silberfarbene Fahrradhalter und lässt alles schweben, wie man es von Galerien in Wohnräumen kennt. »Empore« ist ein anderes Wort für diese futuristische Konstruktion, aber Galerie klingt irgendwie mehr nach Tel Aviv.

Die Bike‐Galerie im Levinstein Tower ist derzeit die beste Adresse zum Parken für Räder.

»Ich mag Metall, es ist ein sehr solides Material, die Metallgitter sind so montiert, dass man die stufenartige Bewegung der Galerie sieht, und die Platten am Boden sind ein Kompromiss für Frauen«, erklärt der Architekt. »Wer Highheels trägt, kann schlecht über Gitter balancieren, also braucht es eine praktische Lösung, die nicht das Gesamtbild ruiniert.« Nun gibt es einen Steg in der Mitte der Galerie, auf dem man auch auf 15 Zentimeter hohen Stilettos bequem sein Fahrrad ganz nach hinten schieben kann.

KONKURRENZ Und es wird nicht lange dauern, dann sind die Plätze in der Bike‐Galerie begehrter als die für die Autos drumherum. Denn während sich morgens und abends die Autofahrer durch den Berufsverkehr quälen, huschen die Fahrradfahrer einfach an ihnen vorbei. Wenn die Zeit knapp ist, auch mal auf dem Bürgersteig.

Ausleihstationen für Räder sprießen wie Pilze aus dem Boden, Konkurrenz machen ihnen die Elektroroller, die man nicht hört und die man sich mit Hilfe einer Handy‐App ausborgt. Aber während die Roller einfach auf dem Bürgersteig abgestellt werden können, muss man sein Fahrrad anschließen.

Die Bike‐Galerie im Levinstein Tower ist derzeit die beste Adresse zum Parken für Räder. Und wie alles, was neu und fancy ist in Tel Aviv, wird es umgehend Nachahmer geben. Und vielleicht steigen ja noch mehr Tel Avivis aufs Rad um. Denn selbst wenn die Suche nach einem Fahrradständer mühselig und gelegentlich auch mal erfolglos ist, so hat man ja immer noch die Option, sein Rad mit in die Wohnung zu nehmen und über Nacht auf dem Balkon zu parken. Mit einem Auto? Unmöglich!

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