Jom Haschoa

Wenn alles stillsteht

Zwei Minuten Stille in Israel am Jom Haschoa Foto: Flash 90

Zwei Minuten lang steht alles still. Es ist Jom Haschoa in Israel, der Tag, an dem in der gesamten Nation der Millionen von den Nazis Ermordeten gedacht wird. Als die Sirenen um Punkt zehn Uhr ertönen, verstummt für zwei Minuten alles im Land: die quietschenden Bremsen der Busse auf der Allenby-Straße in Tel Aviv, die Gespräche der Spaziergänger im Hajarkon-Park, die Bauarbeiten an Häusern und Straßen. Das Land hält inne, um an die Opfer des Holocausts zu erinnern.

Am Sonntagabend hatten die offiziellen Zeremonien begonnen. Wie in jedem Jahr fand die zentrale staatliche Gedenkfeier in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem statt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu fragte in seiner Rede, ob die Welt tatsächlich die Lektion des Holocausts gelernt habe und verwies in diesem Zusammenhang auf die aktuelle Gefahr, die vom Atomprogramm des Iran ausgehe.

Wahrheit Er gab zu bedenken, dass Staatsmänner aus aller Welt Jahre vor der Schoa die Zeichen der bevorstehenden Katastrophe nicht zu deuten wussten. Jene, die gewarnt hätten, seien nicht ernst genommen worden. »Die bittere Wahrheit, die tragische Wahrheit«, so Netanjahu weiter, »ist, dass sie die Zeichen nicht erkannt haben, weil sie sie nicht sehen und sich nicht damit auseinandersetzen wollten. Wie damals betrachten heute einige Irans nukleare Ambitionen als etwas, das man akzeptieren sollte. Wie damals machen sie einen historischen Fehler.«

Staatspräsident Schimon Peres zeigte zu Beginn seiner Rede das grausame Bild von den Erschießungen ungarischer Juden am Ufer der Donau. »Kinder wurden an ihre Mütter gefesselt, die Jungen an die Alten. Die Körper der Ermordeten wurden in das eiskalte Wasser geschubst. Die blaue Donau färbte sich rot und wurde zu einem fließenden Massengrab«, erklärte der Präsident dazu.

Anschließend machte er auf die Gefahren durch Antisemitismus und die wachsenden rechtsextremen Gruppen und Parteien aufmerksam. Seiner Meinung nach sei ein starkes Israel die beste Antwort auf diesen Terrorismus. »Lasst mich sagen, dass ich mit meinen 90 Jahren Erfahrung weiß, dass wir ohne Staat nach wie vor wie ein schwaches Volk leben würden. Doch als Nation können wir durch die historischen und gegenwärtigen Möglichkeiten wachsen.«

Zeremonie Sechs Überlebende und ihre Familien entzündeten Fackeln, um symbolisch an die sechs Millionen getöteten Frauen, Männer und Kinder zu erinnern. Am Tag darauf um 10.30 Uhr begann in Yad Vashem die Verlesung der Namen. Bei der Zeremonie »Jeder Mensch hat einen Namen« lesen israelische Bürger in der Halle der Erinnerung die Namen der Getöteten. Auch in der Knesset wird jedes Jahr auf diese Weise der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

Am Sonntagabend hatten sich Hunderte von Menschen zu einem »Marsch der Lebenden« auf dem Habima-Platz versammelt. Die Organisatoren von »Aviv Lenizolei Haschoa« (Frühling für Holocaust-Überlebende) wollen damit vor allem auf die Lebensbedingungen der Überlebenden aufmerksam machen. Gemeinsam färbten sie als Zeichen der Solidarität eine Hand in Gelb und marschierten auf dem Rothschild-Boulevard hinab bis zur Halle der Unabhängigkeit.

Zuversicht »Dies ist unsere letzte Chance als Gesellschaft, die verlorenen Jahre wiedergutzumachen und das Leben der Überlebenden besser zu gestalten«, rief Organisationsgründer Aviv Silberman. Die Teilnehmer hatten an diesem Abend Grund zur Zuversicht. Denn am selben Tag hatte die Regierung einem nationalen Plan zugestimmt, das Budget für die noch lebenden 193.000 Schoa-Opfer um 200 Millionen Euro jährlich aufzustocken.

»Es ist eine moralische Verpflichtung, dass diese Menschen den Rest ihres Lebens in Würde verbringen können«, erklärte Netanjahu. »Es ist die richtige Entscheidung«, meint auch Mor Levy, Enkelin von Schoa-Überlebenden. »Doch es ist eine Schande, dass es so lange gedauert hat, bis diese Hilfe endlich kam.«

Israel

Ein Toter und 24 Verletzte bei Explosion von Blindgänger

Ein mutmaßlicher Blindgänger explodiert in Nordisrael. Es gibt ein Todesopfer und zahlreiche Verletzte. Berichten zufolge waren Schüler und ein Lehrer in der Gegend gewandert

 12.10.2026

Korruption

Bestechungsring in der Vorstadt

Umschläge voller Bargeld, Luxusuhren und teure Autos: Der Bürgermeister von Kfar Saba und seine Frau sollen Geschäftsleuten gegen Zahlungen lukrative Aufträge verschafft haben. 17 Verdächtige wurden festgenommen

von Sabine Brandes  12.10.2026

Gesellschaft

Herzog: Gewalt übersteigt Kapazitäten der Polizei

Israels Präsident nennt die Kriminalität in arabischen Gemeinden eine Katastrophe. Die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten liegt bei nur zwölf Prozent

von Sabine Brandes  12.10.2026

Avi Gil (in Uniform), links von Benjamin Netanjahu

Explosives Interview

»Die Geiseln hätten früher zurückkehren können«

Der ehemalige Militärsekretär des Premiers, Avi Gil, erhebt schwere Vorwürfe: Warnungen vor dem 7. Oktober seien ignoriert, Abkommen aus politischen Gründen verhindert und Protokolle manipuliert worden. Netanjahu weist die Anschuldigungen zurück

von Sabine Brandes  11.10.2026

Nahost

IDF: Terrorinfrastruktur in Gaza zerstört

Israelische Armee und Sicherheitsbehörden haben nach eigenen Angaben im Gazastreifen Waffenlager, eine Raketenabschussrampe und eine Kommandozentrale zerstört. Verteidigungsminister Katz droht dem neuen Hamas-Chef

 11.10.2026

Passagiere am Flydubai-Schalter am Ben-Gurion-Flughafen Tel Aviv, 30. September

Vereitelter Terroranschlag

Flydubai-Passagiere wollen auf Hunderte Millionen klagen

Nach dem versuchten Anschlag an Bord des Fluges nach Tel Aviv bereiten Israelis Klagen gegen die Airline und möglicherweise mehrere Staaten vor

von Sabine Brandes  11.10.2026

Gesellschaft

Hamas-Massaker überschattet Israels Wahlkampf

Die meisten Israelis sehen den 7. Oktober als wichtigen Faktor für ihre Wahlentscheidung. Umfragen zeigen, dass weder Netanjahus Lager noch die Opposition die Mehrheit erhält

von Sabine Brandes  11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Nahost

Der Lieberman-Plan

Soll das Westjordanland neu verwaltet werden?

von Sabine Brandes  10.10.2026