Ökologie

Wasser fürs Leben

Der Jordan ist ein wichtiges Reservoir für die Region. Wie geht Israel mit den knappen Ressourcen um?

von Ulrike Schleicher  20.04.2015 18:49 Uhr

Vom Kinneret bis zum Roten Meer: Der Wasserspiegel sinkt dramatisch. Foto: imago

Der Jordan ist ein wichtiges Reservoir für die Region. Wie geht Israel mit den knappen Ressourcen um?

von Ulrike Schleicher  20.04.2015 18:49 Uhr

In diesem Frühjahr hat es in Israel besonders viel geregnet. Die Wiesen sind grün, Blumen blühen, die Landschaften sehen aus wie frisch gewaschen. Vor allem, wenn man sich den Golanhöhen nähert, fühlt sich der Betrachter in europäische Landstriche versetzt. Ein bisschen wie die Schwäbische Alb, ein bisschen wie die Schweiz, sagen Touristen, und immer ist das Erstaunen aus ihren Worten zu hören: »Es ist viel grüner hier, als ich es mir vorgestellt habe.«

Man vergisst leicht, dass Israel in einer Region liegt, die zu den wasserärmsten der Erde gehört. Das geht nicht nur Touristen so, auch die Einwohner – so ist der Eindruck – können es nicht glauben. Wasser? Es ist immer verfügbar. Es fließt aus den Hähnen, in die Becken der Schwimmbäder, in die Brunnen der Stadtparks, und oft genug fließt es außer Rand und Band durch die Straßen der Städte: Wasserrohrbrüche sind an der Tagesordnung. Dann schießt das kostbare Nass oft stundenlang in hohen Fontänen aus dem Boden.

Anrainer Knapp siebeneinhalb Millionen Menschen leben in Israel von drei Wasserquellen – zwei liegen unterhalb der Mittelmeerküste und der Berge. Die dritte Quelle ist der Kinneret. Um keine der drei Ressourcen steht es gut. Seit Jahrzehnten werden sie geschröpft, allen Warnungen zum Trotz. »Das betrifft ganz besonders den Jordan«, sagt Gidon Bromberg bei einer Exkursion. Der hochgewachsene, schlanke Mann mit dem englischen Akzent ist Direktor der Umweltschutzorganisation Friends of the Earth in the Middle East (FoEME), die seit Jahren in Kooperation mit den Anrainern für den Schutz der Gewässer in der Region kämpft.

Er zeigt auf ein dünnes Rinnsal, das sich durch ein Tal im Zentrum Israels schlängelt. Oder das, was davon übrig ist. Manchmal verschwindet das Wasser ganz zwischen Schilf und anderen Wasserpflanzen. Wie die meisten Flüsse in der Region hat der Jordan Tiefststand – nicht nur im Sommer, es ist zum Dauerzustand geworden.

Auch das bemerken die Touristen. Etwa diejenigen, die sich am Unterlauf des Jordans bei Kasr el Jahud in der Nähe von Jericho taufen lassen wollen. Bei der Zeremonie werden neue Christen aus der ganzen Welt mit dem Kopf in eine braune Brühe getaucht. Die Warnungen von Umweltorganisationen sind Anlass für die Behörden, immer mal wieder Wasserproben zu entnehmen. 2010 etwa galt das Wasser als verseucht und gesundheitsgefährdend: Taufen wurden ausgesetzt.

Ökologische Folgen
Nicht nur Israel pumpt Wasser aus dem einst mächtigen Strom, ebenso tun es Jordanien und Syrien – wenn auch in geringeren Mengen. Der israelische National Water Carrier, die Wasserpipeline des Landes, die bis nach Eilat reicht, leitet zudem Wasser etwa aus dem Kinneret ab, das dem Jordan dann fehlt. Hinzu kommen ungeklärte Abwässer von den Palästinensern, Abwasser von mehr als 250.000 Jordaniern und Tausenden von Israelis.

Die hydrologischen und ökologischen Folgen für die Region sind verheerend. Deshalb forderten Umweltorganisationen mehr als zehn Jahre lang, mehr Wasser im Jordan zu belassen. 2013 hatten sie endlich Erfolg: Die israelische Wasserbehörde stimmte einem umfassenden Plan zu, den Fluss ökologisch zu sanieren. Nach 49 Jahren wurde die im Jordan fließende Wassermenge erhöht, indem man jetzt mehr Wasser aus dem Kinneret hineinfließen lässt. Seit 2014 sind es jährlich 30 Millionen Kubikmeter mehr als davor. Trotzdem war von Anfang an klar, dass dies nicht ausreicht. »Wir wissen, dass 30 Millionen Kubikmeter nicht genug sind«, bekannte dabei der Direktor der Wasserbehörde, Alex Kuschner, bei einer Pressekonferenz. »Doch das ist alles, was wir im Moment handhaben können. Den historischen Pegel des Flusses werden wir nicht wiederherstellen können.«

Am Ende der Kette liegt das Tote Meer. Dessen Wasserspiegel sinkt dramatisch – jedes Jahr um einen Meter. Nicht nur, dass ein Weltkulturerbe und eine Touristenattraktion damit bedroht ist – durch das Schrumpfen entstehen tiefe Löcher im Boden. Sie werden verursacht durch Hohlräume im Untergrund, die plötzlich einstürzen. Rund 4000 solcher Löcher gibt es inzwischen, und es werden täglich mehr, warnen Geologen und Umweltschützer.

pipeline Auch die vielen Hotelbauten nahe am Ufer des Toten Meeres sind davon bedroht. 2013 entstand deshalb die Idee, eine Pipeline vom Roten Meer zum Toten Meer zu bauen. Ein Mammutprojekt, dessen Verwirklichung Jordanien, die Palästinenser und Israel in einem von vielen als »historisch« bezeichneten Memorandum am 9. Dezember 2013 beschlossen haben. Bis Februar dieses Jahres lag das Projekt jedoch auf Eis. Nun soll es Schritt für Schritt umgesetzt werden.

Nach den Plänen sollen zunächst rund 230 Millionen Euro für den Bau von Kanälen und Pipelines bereitgestellt werden, die das Tote Meer mit dem Roten Meer verbinden und jenem so den fehlenden Wassernachschub verpassen. Die 200 Kilometer lange Leitung soll pro Jahr 100 Millionen Kubikmeter Wasser in den schwindenden Salzsee pumpen. Zudem soll nördlich des Touristenorts Akaba am Roten Meer eine neue Entsalzungsanlage gebaut werden, deren salzreiches Abwasser dann ebenfalls in diese Pipeline eingespeist und zum Toten Meer geleitet wird. FoEME und andere Umweltorganisationen kritisieren das Vorhaben jedoch: »Was hier gemacht wird, ist ein konventionelles Projekt zur Wasserentsalzung.« Da die Salzlake, die bei der Herstellung von Trinkwasser entsteht, möglicherweise ins Tote Meer geleitet werde, drohten »unumkehrbare Folgen«.

Die Gefahr einer Wasserknappheit ist altbekannt im Land. Gleichzeitig muss die gesamte Region jedoch immer mehr Menschen verkraften. »Ein Hauptproblem ist das Bevölkerungswachstum«, sagt Bromberg. Weitere Faktoren sind verringerte Niederschläge und der hohe Verbrauch der Landwirtschaft. »Die Hälfte des Wassers fließt in den Sektor, der nur noch ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Das ist erschreckend«, sagt Bromberg.

Wassereinsparung Aber Israel hat auch viel getan. So kam eine gemeinsame Studie der Welternährungsorganisation und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Jahr 2012 zu dem Ergebnis, dass Israel weltweit die Nummer eins beim wirtschaftlich sparsamen Einsatz von Wasser in der Landwirtschaft ist. In dem Bericht heißt es, Israel sei »weltweit führend in der Technologie der Tröpfchenbewässerung vor allem in Dürregebieten« und auch in anderen Technologien.

Die OECD-Studie stellte fest, dass die Landwirte in Israel noch vor 30 Jahren 70 Prozent aller Wasserquellen im Land verwendeten. Jetzt seien es nur noch 52 Prozent. Ein großer Anteil davon ist darüber hinaus wiederaufbereitetes Brauchwasser, also kein Grundwasser. Zu sehen ist das an Betrieben wie der Orly-Farm von Noam und Schachar Blum in der Nähe der Stadt Dimona im Süden des Landes. Dort werden Feigenkakteen gezüchtet, von denen nicht nur die süßen Früchte genutzt werden, sondern die gesamte Pflanze. Da selbst Kakteen durstig sind – ein Baum verbraucht im Jahr rund 800 Kubikmeter Wasser –, greift Schachar auf recyceltes Wasser zurück. Sogar pures Abwasser wird verwendet.

Ein Beispiel, wie Wissenschaft hilft, kostbares Trinkwasser zu sparen, ist die landwirtschaftliche Versuchsanstalt in der Nähe von Dimona, wo Kräuter, Paprika und viele andere Gemüsesorten zum Teil mit purem Salzwasser, das im Boden liegt, bewässert werden. Dass ausgerechnet die Wüste urbar gemacht wird, ist das politische Vermächtnis des Staatsgründers David Ben Gurion, der die Besiedelung der Negevwüste zur nationalen Aufgabe erkor – heute mehr denn je das Ziel der Regierung. Auch deshalb wird viel Geld in diese Forschung gesteckt.

Auch mit Entsalzungsanlagen – derzeit sind es drei – versucht Israel, seine Wasserprobleme zu lösen. Damit wird seit 2013 die Hälfte des Wasserbedarfs befriedigt. Zwei weitere Anlagen werden demnächst fertiggestellt. Sie sollen weitere 25 Prozent des Bedarfs stillen. Kampagnen zum Wassersparen, wie sie in trockenen Jahren wie 2014 ausgerufen werden, bringen hingegen wenig. »Solange das Wasser aus dem Hahn fließt, dringt der Wassermangel nicht ins Bewusstsein der Leute«, meint Bromberg.

Marode Leitungen So wie es aussieht, wird Israel dank neuer Technologien nicht so schnell auf dem Trockenen sitzen. Dieses Problem haben eher die Palästinenser im Westjordanland. Dort steht der Bevölkerung insgesamt weniger Wasser zur Verfügung. Ein Grund ist, dass die Autonomiebehörde kaum in die Reparatur der maroden Leitungen investiert und viel verloren geht.

Aber Wasser ist im Nahen Osten von strategischer Bedeutung. Zwar ist der Nahostkonflikt in erster Linie ein territoriales Problem. Der Streit ums Wasser sei jedoch eine wichtige Zusatzdimension, deren Bedeutung immer mehr zunimmt, meinen Experten. Eine Lösung des Wasserproblems sei eine notwendige Bedingung für die Beilegung des Konflikts, so das Fazit einer Studie der Deutschen Friedenskooperative.

In diesen Zusammenhang meist unbekannt ist die Idee, die schon zu Zeiten von Schimon Peres als Premierminister entstand, Nilwasser von Ägypten zu kaufen. Damit sollte, wie der Politikberater Aron Christian Kurt Kumar Sircar aus Berlin in einem Interview mit dieser Zeitung jüngst erzählte, der Bedarf von Grundwasserreserven aus dem Westjordanland minimiert werden. »Zudem sollte auch der Weg für eine Teilung frei gemacht werden«, sagte Sircar. Das Projekt sei jedoch an ideologischen Vorbehalten gescheitert. Wasser ist aus seiner Sicht Teil des Konflikts: »Wer den letzten Tropfen hat, überlebt.«

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