Tel Aviv

Warten auf die Straßenbahn

Bau der unterirdischen Station an der viel befahrenen Kreuzung Allenby Ecke Yehuda Halevi Street Foto: Flash 90

Mit viel Tamtam ist der Beginn der Bauarbeiten von Tel Avivs erster Stadtbahn eingeläutet worden. Zwar sollen die Züge nicht vor 2021 fahren, doch schon jetzt schreibt der geplante Light Rail Geschichte. Denn die Staus, die durch die Bauarbeiten entstehen werden, könnten historische Ausmaße erreichen, prophezeit die Verkehrspolizei.

Am Sonntag begannen die ersten Arbeiten. Anfangs waren die Bauarbeiter zwar lediglich mit dem Aufstellen von Straßensperren und Warnschildern beschäftigt, »doch es wird zu einem Verkehrschaos führen«, ist Yoram Ochajon, stellvertretender Leiter der Verkehrsabteilung der Bezirkspolizei, überzeugt. Die Straßenkreuzungen, die abgesperrt werden, liegen an den Hauptverkehrsadern der Metropole.

chaos Beim Bau der ersten Linie – der »roten« –, die von Petach Tikwa über Bnei Brak, Ramat Gan, durch Tel Aviv bis nach Jaffa, Bat Jam und Holon im Süden führen wird, werden Staus erwartet, die weit über Tel Avivs Stadtgrenzen hinausreichen. Ochajon erklärte, die Verstopfung werde sich durch die Stadt über die Schnellstraße 4 bis nach Netanja (30 Kilometer nördlich von Tel Aviv) ziehen. Auch im Süden kommt es seiner Einschätzung nach zu Behinderungen bis nach Aschdod (40 Kilometer entfernt) und im Osten bis ins 38 Kilometer entfernte Modiin.

Gebaut wird die Bahn, inklusive Schienensystem, von der Firma NTA Metropolitan Mass Transit System. Die rote Linie wird außerhalb der Stadt oberirdisch und im Zentrum von Tel Aviv neun Stationen als U-Bahn verkehren. Die unterirdische Strecke verläuft auf elf Kilometern. In sechs Jahren sollen die Bahnen ihren Betrieb aufnehmen und vor allem Pendler aus den Vororten ins Zentrum und wieder nach Hause bringen. Insgesamt sind acht Linien geplant.

Viele Tel Aviver sehnen sich nach einer Erleichterung in ihrer von Staus und chronischem Parkplatzmangel geplagten Stadt. Zahlreiche Interessengruppen fordern seit Jahren ein besseres Nahverkehrssystem.

Doch nun werden erst einmal die Bulldozer in einer der meistbefahrenen Gegenden im Zentrum der Mittelmeerstadt anrücken: auf der Allenby Street, Ecke Yehuda Halevi. In 30 Meter Tiefe soll hier eine 100 Meter lange U-Bahn-Station entstehen. Die Dauer der Bauarbeiten allein an dieser Stelle wird auf mindestens vier Jahre geschätzt.

Knotenpunkte Etwa zwei Wochen später soll die Maariv-Kreuzung zwischen Menachem Begin und Carlebach Street für den Privatverkehr gesperrt werden. Hier erwartet die Verkehrspolizei besonders drastische Auswirkungen. Denn für den Bau der Untergrundstation wird die Maariv-Brücke abgebaut, die über eine der meistbefahrenen Kreuzungen Tel Avivs führt.

Allerdings sollen die Bauarbeiten nach und nach begonnen werden, erklärt die Verkehrspolizei, »damit nicht das totale Verkehrschaos ausbricht«. Im Oktober geht es weiter an der Arlosoroff Street, im Dezember folgen die Straßen Jabotinsky und Ben Gurion in Ramat Gan. Die ganz großen Staus sind in den ersten Tagen ausgeblieben, »doch das«, so die Behörde, »war vorauszusehen«. Im Moment sind Ferien in Israel, viele Menschen sind im Urlaub. »Die großen Probleme werden nach den Hohen Feiertagen im Oktober kommen, da sind wir sicher.«

Etwas Entlastung sollen zusätzliche Buslinien der städtischen Gesellschaft Dan schaffen, die seit Sonntag verkehren. Angestellte verteilen an und um die betroffenen Straßen Flugblätter mit den geänderten Routen. Auch die israelische Bahngesellschaft hat angekündigt, zusätzliche Züge einzusetzen. 160 eigens abgestellte Beamte der Polizei überwachen zudem ab sofort den Verkehr im Zusammenhang mit dem Bau der U-Bahn.

Geschäfte Neben den Scherereien, die den Pendlern entstehen, sorgen sich auch die ortsansässigen Gewerbetreibenden. Eine ganze Gruppe von ihnen zog vor zwei Wochen vor das Bezirksgericht in Tel Aviv und bat vorab um eine Schadensersatzregelung. Doch die Richter winkten ab mit der Begründung: »So ist das nun einmal, wenn man mitten in der Stadt lebt und ein Geschäft hat.«

Dabei hatte sogar der Minister für öffentliche Sicherheit, Gilad Erdan (Likud), in Erwägung gezogen, den Baubeginn nicht zu genehmigen. Er kritisierte das Verkehrsministerium scharf für Versäumnisse bei der Vorbereitung der Arbeiten. Zum einen sei der Mangel an »Park and Ride«-Möglichkeiten als Ersatz für den Wegfall von Parkplätzen im Zentrum gravierend. 36 große Parkplätze außerhalb der Stadt sind geplant, bislang indes nur vier mit insgesamt 3500 Stellplätzen geöffnet. Viel zu wenig für die etwa 500.000 Menschen, die täglich ins Zentrum fahren. Hinzu kommt die extreme Belästigung für die Anwohner.

Doch am Ende erklärte Erdan, die Verzögerung der Bauarbeiten würde noch viel gravierendere Auswirkungen haben, und gab der Bahn grünes Licht. »Die Arbeiten am Tel Aviver Light Rail werden in vollem Umfang und in präziser Abstimmung mit der Polizei durchgeführt, um den Zeitplan einzuhalten«, so der Minister.

Yoram Ochajon und seine Kollegen vom Verkehrsministerium gehen an die Bauarbeiten heran wie an eine generalstabsmäßige Operation: »Wir appellieren an die Bevölkerung, auf öffentliche Verkehrsmittel auszuweichen. Es ist genauso wie beim Besuch des Papstes oder des amerikanischen Präsidenten: Einfach alles wird geändert.«

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