Thriller

Wahn in der Altstadt

Israel im deutschen Fernsehen: Das sind meist Bilder von explodierenden Raketen im Gazastreifen, von Unruhen im Westjordanland und von fremden religiösen Bräuchen. Die vielen anderen Seiten des Landes kennt der TV‐Zuschauer meist nicht. Diese Überlegung hatte Manfred Hattendorf, Redakteur beim Südwestrundfunk (SWR) in Baden‐Baden, vor etwa fünf Jahren.

Er beschloss, nach einem Thema für einen Film zu suchen, das »Israel in der Hauptrolle authentisch und spannend« zeigt. Das Ergebnis dieser Überlegung: Das Jerusalem‐Syndrom, ein Thriller, der nächste Woche in der ARD zu sehen ist.

Den ganzen Mai über wurde in Israel an mehreren Orten gedreht, darunter in Jerusalem, Nazareth und dem wunderschön gelegenen Salesianerkloster Bet Gemal. Am Set tummelten sich etliche israelische Statisten, 19 israelische und fünf deutsche Schauspieler, eine deutsche und eine israelische Produktionsfirma, israelische Maskenbildnerinnen, ein deutsches Kamerateam, deutsche Regieassistenten und ein israelischer Regisseur.

Es ist die bislang größte Koproduktion zwischen den beiden Ländern. Das Budget beläuft sich auf rund zwei Millionen Euro. Ein Betrag, der die Israelis erstaunt, für die Deutschen jedoch normal ist. »Das ist üblich für Dreharbeiten im Ausland«, sagt Hattendorf.

Partner Wer in Israel einen Film machen will und kompetente Partner sucht, trifft unweigerlich bestimmte Leute: Da ist zum einen der Regisseur Dror Zahavi, der seit Jahren erfolgreich in Deutschland arbeitet. Der 54‐Jährige hat sein Handwerk mit einem Stipendium an der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf« in der damaligen DDR gelernt, arbeitete dann als Filmkritiker in Israel und ging zur Zeit der Wende wieder nach Berlin zurück. Seitdem dreht er Fernsehserien wie Alarm für Cobra 11, Doppelter Einsatz und auch Filme – darunter Alles für meinen Vater, in dem es um einen arabischen Selbstmordattentäter geht, der durch die Liebe geläutert wird. »Zahavi ist der geeignete Mann für diese Dreharbeiten«, sagt Hattendorf.

Dann entschied sich der SWR, den Film nicht selbst zu produzieren, sondern einer Firma den Auftrag zu erteilen. »Da kam Oliver Berben ins Spiel.« Der 41‐jährige Sohn der Schauspielerin Iris Berben hat einen israelischen Vater und ist mit beiden Ländern vertraut. »Ich war in den Schulferien mit der Zionistischen Jugend Deutschlands oft hier«, erzählt er. Heute hat Berben eine Wohnung in Tel Avivs pittoreskem Wohnviertel Neve Zedek und koproduziert mit seiner Firma »Moovie – The Art of Entertainment« auch Filme.

Psychiatrie Berben hatte die Idee, einen Thriller um das berüchtigte Jerusalem‐Syndrom herum zu entwickeln, bei dem geistig gesunde Menschen urplötzlich religiösen Wahnvorstellungen verfallen und sich mit Protagonisten aus der Bibel identifizieren. »Ich habe vor ein paar Jahren darüber recherchiert und mit dem Leiter der Psychiatrie in Kfar Schaul in Jerusalem gesprochen«, sagt Berben. Dieses für Jerusalem einzigartige Phänomen habe ihn fasziniert.

Don Bohlinger und Martin Rauhaus haben daraus ein Drehbuch entwickelt, das die Geschichte von Ruth (Jördis Triebel) erzählt. Die Deutsche sucht in Israel nach ihrer hochschwangeren Schwester Maria (Leonie Benesch), die sich für die Muttergottes hält und vom Anführer einer fundamentalistischen christlichen Sekte für dessen fanatische Pläne missbraucht wird. In der Geschichte ist alles enthalten, was zu einem Thriller gehört – Verstrickungen, Geheimnisse und Mord. Ungewöhnlich für eine deutsche Produktion: Der Film ist nicht vollständig synchronisiert, hebräisch gesprochene Passagen bleiben erhalten, die Übersetzung wird in Untertiteln gezeigt.

Locations Ein Stall unterhalb des Klosters Beit Gemal bei Bet Schemesch, ein uraltes Gebäude, dient im Film als die Geburtskirche in Bethlehem. Eine einfache Zelle im Kloster soll die Klinik Kfar Schaul sein – Gadi Levi hat diese Locations, wie es in der Filmsprache heißt, ausgesucht und sich um die Genehmigungen gekümmert. Er ist stellvertretend für den erkrankten Zvi Shpilman hier, dem die Firma »Israfilm Motion Pictures« gehört, die mitproduziert.

Was Levi besonders freut: Er hat für den Thriller ein altes Haus in Jaffa als Drehort aufgetan, das seit Jahren leer steht, weil die notwendige Renovierung zu teuer ist. »Es ist wunderschön, aber wer es mietet, muss viel Geld an die Stadt bezahlen.« Bürgermeister Ron Huldai habe ihm das Haus günstig gegeben: »Weil die Deutschen hier sind und es eine gute Werbung für die Stadt ist.«

Der kleine Mann mit dem Bart achtet darauf, dass auf dem Set alles planmäßig läuft. So ist Levi zusammen mit seinem deutschen Pendant Chris Evert verantwortlich dafür, dass das Budget eingehalten wird. »Die Leute dürfen also nicht zu viel essen«, scherzt er. Er arbeitet zum ersten Mal mit Deutschen an so einer großen Produktion. »Wir lernen voneinander.«

Dreharbeiten sind langwierig. Für wenige Minuten Film braucht man oft stundenlange Vorarbeit. Nebenher jedoch haben die Vertreter beider Länder Zeit, einander kennenzulernen. Gespräche entstehen, Geschichten werden erzählt. So wie die von Maskenbildnerin Sigalit Grau und ihren Großeltern, die noch vor Ausbruch des Krieges aus Berlin flüchten konnten. Ein Mitglied der SA half ihnen dabei. Die Deutschen lauschen gebannt. Das Leben ist oft spannender als jeder Thriller.

»Das Jerusalem‐Syndrom«. Mit Jördis Treibel, Benjamin Sadler, Leonie Benesch, Clemens Schick, Yotam Ishay, Shredi Jabarin u.a. Mittwoch, 11. Dezember, 20.15 Uhr, ARD

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