Schmerz

Unser Kind

Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: Itay Chen mit seinen Eltern Ruby und Hagit Foto: privat

Am Morgen nach dem 7. Oktober klopfte es an unsere Tür. Es war sechs Uhr. Wir wussten, dass es die Armee ist. Wenn sie vor deiner Tür steht und dein Sohn vermisst wird, willst du nicht öffnen. Du willst diese Nachricht nicht erhalten. Denn du weißt, es wird die schrecklichste Botschaft deines Lebens sein. Irgendwann schlossen wir auf. Sie sagten uns, dass Itay eine Geisel in Gaza sei. Am liebsten hätten wir uns bedankt, dass wir diese Nachricht erhielten – und nicht die andere.

Am Tag des Grauens verloren wir um neun Uhr morgens in all dem Chaos, das ausgebrochen war, den Kontakt zu ihm. Wir suchten nach ihm, doch er stand auf keiner Totenliste, war in keinem Krankenhaus zu finden. Später gab die Armee an, dass sein Aufenthaltsort in Gaza festgestellt wurde. Seitdem gilt er als »missing in action«, und wir haben kein einziges Lebenszeichen von ihm erhalten.

Itay ist in unserer Familie der Mittelpunkt

Itay ist 19. Wir wohnen in Netanya im Norden Israels, in der Nähe des Strandes, so wuchs er auf, in einem schönen Leben. Er ist unser mittlerer Sohn, das Sandwichkind. Unser ältester, Roy, ist 22 und Alon, der jüngste, 13. Itay hält in unserer Familie alles zusammen, er verbindet alle Mitglieder, ist in jeder Hinsicht der Mittelpunkt.

Er engagiert sich ehrenamtlich in der Jugendarbeit in seiner Stadt, spielt Basketball in der israelischen Jugendliga, geht oft in Kletterhallen, singt gern und erfindet immer neue Regeln für Spiele. Er ist anders als seine Brüder, ein mutiges Kind, das Unabhängigkeit sucht und sich mit seinen Hobbys manchmal auch in Gefahr bringt.

Unsere Vorfahren sind Schoa-Überlebende. Itays Großmutter mütterlicherseits kam aus Bad Reichenhall. Der Großvater väterlicherseits stammt aus einem ukrai­nischen Dorf. Über Italien und das damalige Palästina gelangte er in die USA. Schließlich landeten wir alle in Israel und ließen uns in Netanya nieder.

Wir sind eine internationale Familie, haben unsere Kinder so erzogen, dass sie Menschen respektieren, ganz gleich, welche ethnische Herkunft oder Religion sie haben. Schließlich leben alle auf diesem Planeten zusammen. Und wir müssen uns immer daran erinnern, dass wir Menschen sind – egal, woher wir kommen. Auch unser Sohn, der Soldat Itay, ist ein Mensch und muss als solcher behandelt werden.

Mehr Druck der internationalen Gemeinschaft auf die Hamas

Wir wünschen uns, dass die internatio­nale Gemeinschaft mehr Druck auf die Hamas ausübt, damit das Rote Kreuz die Geiseln endlich besuchen darf. Das ist ein Muss! Alle Menschen müssten aufstehen, sagen: »Bis hierher und nicht weiter« und von ihren Regierungen fordern, dass sie etwas tun, zum Beispiel Sanktionen gegen die Terrororganisation verhängen, so wie es Deutschland mit dem Verbot aller Hamas-Aktivitäten im Land getan hat.

Wir haben kein einziges Lebenszeichen von ihm erhalten.

Es ist uns wichtig, zu betonen, dass Itay bei der Armee in einem Schutzmodus war. Er hat gemeinsam mit seiner Einheit Dörfer bewacht, seine Basis lag im Kibbuz Nahal Oz. Die Soldaten waren keine Aggressoren, die in ein Land einmarschiert sind, sie haben auch keine besetzen Gebiete verteidigt. Nein! Sie haben Kibbuzim in unserem Land Israel beschützt.

Zurzeit dreht sich in unserer Familie alles um Itays Befreiung. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um ihn nach Hause zurückzuholen. Wir sind ständig unterwegs, um auf sein Schicksal aufmerksam zu machen, auch in den USA, denn wir alle haben die amerikanische Staatsbürgerschaft. Von dort kommt viel Hilfe. Unsere Jobs ruhen derzeit – wir sind unseren Arbeitgebern sehr dankbar, dass sie uns das ermöglichen.

Unterstützung in der schweren Zeit

Nicht nur unsere Familie vermisst Itay jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Sein Schicksal berührt viele. Das lassen uns Menschen von überallher wissen, die uns ansprechen, besuchen und schreiben. Es ist eine riesengroße Unterstützung in dieser für uns so schweren Zeit. Am ersten Tag schon kam die Bürgermeisterin von Netanya zu uns und sagte: »Ich bin für euch da.« Zu wissen, dass die Gemeinschaft mit uns ist, dieses Gefühl gibt uns viel Kraft und lässt uns durch die schrecklichen Tage kommen. Deshalb stehen wir jeden Morgen auf.

Vor Kurzem war ein besonderer Tag, an dem Itay noch schmerzlicher vermisst wurde: Die Barmizwa von Alon, seinem jüngeren Bruder, stand vor der Tür. Zunächst wussten wir nicht, wie wir damit umgehen sollten, doch dann wurde uns klar, dass Alon diesen besonderen Tag in guter Erinnerung behalten muss. Also beschlossen wir, die gesamte Gemeinde, die uns unterstützt, in unsere Synagoge einzuladen. Jeder, der mit uns in Verbindung sein wollte, sollte mit uns Alons Barmizwa begehen. Und sie kamen! Es war überwältigend, so viele Menschen waren bei uns, mehr, als in das Gebäude passten. Darunter viele, die jahrelang keine Synagoge mehr betreten hatten.

Wir sind glücklich für die freigelassenen Geiseln, ihre Angehörigen und dass die Familien wieder zusammengeführt werden. Wir wollen, dass sie alle in Freiheit sind. Jeder und jede Einzelne von ihnen. Und wir wollen Itay zurück. Er ist das Zentrum unseres Lebens. Er ist aus unserer Mitte herausgerissen worden – er fehlt uns so sehr.

Itay ist Soldat. Aber er ist auch ein Kind. Unser Kind, unser Baby, das in großer Gefahr ist. Was weiß man schon mit 19 Jahren von der Welt? Es ist unfassbar, als Eltern nicht zu wissen, wo das eigene Kind ist. Nicht zu wissen, ob es mit anderen Personen oder ganz allein ist. Ob es leidet. Dieses Gefühl ist mehr als Schmerz. Es ist etwas, wofür es kein Wort im Wörterbuch gibt.

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