Archäologie

Unbekannte Künstler

Gehörnte Tiere und andere Darstellungen sind an drei megalithischen Dolmen-Fundstellen im Norden Israels gefunden worden – acht Jahre nach der Entdeckung von Gravuren an der Decke eines riesigen Dolmen, einer aus mehreren großen Steinblöcken bestehenden Grabstätte.

Die Archäologen Gonen Sharon vom Tel-Hai College und Uri Berger von der israelischen Antikenbehörde sagen, dass sie wahrscheinlich aus der Zeit zwischen 2450 und 2000 v.d.Z. stammen – eine Periode, die als »die dunkle Periode der Bronzezeit« bezeichnet wird. Die Datierung erfolgte aufgrund eines einzigen Bronzemessers, das nördlich von einer der Grabanlagen gefunden wurde. Die Zusammensetzung der Bronze aus Kupfer und Arsen sei typisch für diese Periode.

dolmen Dolmen sind auch aus anderen Teilen der Welt bekannt. Die berühmteste Ansammlung befindet sich im englischen Stonehenge, wo riesige tonnenschwere Felsbrocken kreisförmig angeordnet sind. Deren mutmaßlich ritueller Sinn bleibt den Forschern jedoch bis heute verborgen. Alle diese Dolmen haben gemein, dass niemand weiß, wer die Erbauer sind.

Einzelne Bauern oder Jäger aus vorgeschichtlicher Zeit hätten weder die Kraft noch die Fähigkeit gehabt, riesige Steine mit so viel Gewicht zu bewegen. Monumentale Bauten der Menschheit, von den Pyramiden über Stadttore bis hin zu den riesigen Kathedralen, konnten nur wohlorganisierte Gruppen zustande bringen: Völker, Staaten oder Religionsgemeinschaften. Im Falle der Dolmen fehlt aber jeder Hinweis auf eine namentlich bekannte »Kultur«.

Die Jahre zwischen 2450 und 2000 v.d.Z. gelten als »dunkle Periode« der Bronzezeit.

Die Dolmen in diesem Teil des Landes bestehen aus Steinkreisen, die eine einzige Kammer umgeben, im Durchschnitt ein mal zwei Meter groß, wobei der Durchmesser des Steinkreises bis zu zehn Meter betrug. Ihre Datierung ist unbekannt, da die bisher entdeckten – und durch moderne Bauweise zerstörten – Kammern der Dolmen leer waren, möglicherweise auch aufgrund von Plünderungen oder Vandalismus in der Antike. Aber sie stammen offenbar, wie die anderen Dolmen, aus der mittleren Bronzezeit, sagt Sharon.

ERBAUER Auf Dolmen im Norden Israels entdeckte Kunst könnte jetzt auf die verlorene Kultur der Erbauer hinweisen. Gefunden wurden schon Abbildungen mit gehörnten Tieren und Bechern, die in die Decke der monumentalen Strukturen aus der Bronzezeit geschnitzt sind. Diese Becher sind mit ihrer Öffnung nach unten abgebildet, hätten also keine Flüssigkeit aufnehmen können. Vielleicht zeugen sie von einer mächtigen, unbekannten Nomadenzivilisation, wie Archäologen meinen.

Es gibt Tausende Dolmen in der südlichen Levante, hauptsächlich in Israel, Jordanien und Syrien. Aber sie sind im Allgemeinen ungeschmückt. Felskunst aus dieser Zeit ist in den nördlichen Gebieten Israels so gut wie unbekannt – obwohl die Negevwüste im Süden von Felskunst durchsetzt ist. Wie an anderen Orten können auch diese Dolmen mit der Felskunst nicht genau datiert werden.

Ein neuer Bericht von Gonen Sharon und Uri Berger, kürzlich im Fachmagazin »Asian Archaeology« veröffentlicht, beschreibt die drei neu entdeckten Dolmen, die das Team als megalithische Grabbauten aus großen, aufeinander gelegten Felsen ohne Zementierung zwischen ihnen definiert.

hauptgräberkammer Tatsächlich wurde der erste verzierte Dolmen 2012 zufällig in Shamir gefunden. Sharon besuchte die Stätte mit seinen Kindern an einem Schabbat, ging in die dortige Hauptgräberkammer und schaute zur Decke hinauf, erzählte er der Tageszeitung »Haaretz«. Es scheint, dass das vorher noch niemand getan hatte.

Nun wurden auch Wanddekorationen an einem Dolmen in Meshushim gefunden. In Kiryat Shmona wurde ein Dolmen mit einem einzigartig bearbeiteten Deckstein gefunden, dem großen Felsen auf der Spitze.

Der Stein sieht einem menschlichen Gesicht ähnlich. In die Decke der Dolmen in Umm el-Kalha und Shamir wurden zudem funktionsunfähige »Becher-Markierungen« eingraviert.

HÖRNER Zu den Tierabbildungen erläutern die Archäologen, dass zwei der Tiere einander gegenüberstehen. Das eine sei ein männliches Tier, deutlich erkennbar, und das andere wohl weiblich. Das eine hat einen gestreiften Körper, der an einen Kudu erinnert, obwohl seine Hörner nicht mit denen der afrikanischen Antilope vergleichbar sind.

Die Forscher merken an, dass die abgebildeten Hörner unterschiedlich gestaltet sind und deshalb möglicherweise nicht der gleichen Tiergattung zuzuordnen seien. Ein ähnliches gestreiftes Horn-Huftier war auch auf einer anderen Kammerwand eingraviert.

Niemand kann sagen, welche Kultur die Wanddekorationen geschaffen hat.

Man muss schon genau hinsehen, um die künstlerischen Motive in den Golan-Dolmen zu erkennen. Dies ist die erste bekannte zoomorphe Felskunst, die im Norden Israels und in levantinischen Dolmen gefunden wurde, obwohl solche Zeichnungen in der Felskunst der gesamten Negevwüste im Süden Israels weit verbreitet sind.

Die dritte Felskunsttafel in Meshushim zeigt abstrakte Formen: von Rechtecken umschlossene Kreuze.

Sharon Ganor erwähnt noch ein anderes unbekanntes Phänomen der Geschichte des Landes. Die Besiedlung und das dörfliche Leben in Israel haben möglicherweise schon vor 15.000 Jahren oder noch früher begonnen. Die ersten richtigen Städte in Israel entstanden in der frühen Bronzezeit, die vor etwa 5000 Jahren begann – zum Beispiel Jericho und Megiddo.

STÄDTE Doch dann, am Ende der Frühbronzezeit, wurden die großen Städte aufgegeben. »Wir wissen nicht, warum. Die Städte der frühen Bronzezeit waren verlassen, und die Megastädte der mittleren Bronzezeit waren noch nicht etabliert«, sagt Sharon. »Wir sehen keine nennenswerten Siedlungen in der Gegend. Was finden wir? Wir finden Dolmen.« Die stammen aus der Zeit zwischen 2450 und 2000 v.d.Z., der mittleren Bronzezeit – ebenjener »dunklen Periode«.

Bis vor Kurzem gingen die Gelehrten davon aus, dass die Dolmen, monumental, aber unbehauen von ländlichen Nomaden errichtet wurden. Aber Sharon glaubt nicht, dass es überhaupt ein gesetzloses »dunkles Zeitalter« gab. Er meint, die bloße Existenz dieser fantastischen Bauwerke, geschmückt oder nicht, sei ein Zeichen für Organisation; für eine gewaltige Anstrengung, bei der möglicherweise nicht Tausende, doch mindestens 100 Menschen zusammenkamen und gemeinsam arbeiteten.

Das große Rätsel, welches Volk denn die Erbauer waren, bleibt also weiterhin ungelöst.

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