Konversion

Übertritt in der Diaspora

Natan Sharansky, Leiter der Jewish Agency, will Gemeinden im Ausland helfen. Foto: Flash 90

Der Plan der Jewish Agency for Israel, eigene Rabbiner für Konversionen ins Ausland zu schicken, hat in Israel geteilte Reaktionen hervorgerufen. Während Konservative fürchten, der Plan könnte die Autorität des Oberrabbinats unterwandern, geht er manchen Liberalen nicht weit genug.

Am 24. Juni hatte der Vorstand der Jewish Agency beschlossen, eigene Konversionsgerichte einzurichten und orthodoxe Rabbiner ins Ausland zu schicken, um lokale Rabbiner bei Konversionen zu unterstützen. Die Agency wolle damit vor allem jenen Gemeinden helfen, in denen es nicht genügend Rabbiner gibt, sagte ein Sprecher. Mehrere Gemeinden, darunter auch deutsche, hätten darum gebeten.

»Unser Ziel ist es, dass die Konvertiten voll anerkannte Mitglieder des jüdischen Volkes werden«, sagte der Sprecher. Die Agency sei »ziemlich sicher«, dass die Konversionen vom israelischen Staat für den Zweck der Alija akzeptiert würden. Die heiklere Frage ist, ob die Konversionen auch vom israelischen Rabbinat anerkannt werden, das für seine strenge Auslegung der Halacha bekannt ist. »Das bleibt zu klären – aber wir sind hoffnungsvoll«, sagte der Sprecher. Für jene, die nach ihrem Übertritt nach Israel auswandern wollen, ist das eine wichtige Frage. Verweigert das Rabbinat ihnen die Anerkennung, können sie nicht in Israel heiraten, denn eine zivilrechtliche Ehe gibt es dort nicht.

Pinchas Tenenbaum, Sprecher des aschkenasischen Oberrabbiners David Lau, sagte der Jüdischen Allgemeinen, noch sei es zu früh, um die Initiative der Jewish Agency zu bewerten. »Wenn die Agency Rabbiner schickt, die vom Rabbinat anerkannt sind, unterstützen wir sie gern«, sagte er. »Wenn wir aber die Rabbiner nicht kennen, dann bekommen diejenigen, die konvertieren wollen, ein Problem, wenn sie nach Israel einwandern: Dann können sie hier nicht heiraten. Wenn die Jewish Agency den Juden weltweit etwas Gutes tun will, sollte sie sich also zuerst mit uns besprechen.« Der Sprecher der Jewish Agency hingegen betonte, es werde bereits ein »konstanter Dialog mit dem Rabbinat« geführt.

Assimilierung Schon jetzt hat der Plan harsche Reaktionen vonseiten der ultraorthodoxen Gemeinde provoziert. Wie die Zeitung Haaretz berichtete, beschrieb die charedische Zeitung Yated Ne’eman die Initiative als »gefährlich« und als einen Schritt, »der desaströse Assimilierung nach sich ziehen könnte«. Der Abgeordnete Uri Maklev von der Partei Vereinigtes Tora-Judentum nannte die geplanten Konversionen laut Haaretz eine »gefährliche Prozedur, die darauf basiert, die Übertrittskandidaten zu täuschen und zu betrügen«.

Yakov Gaon, Vize-Präsident der Organisation Tzohar, ein Zusammenschluss orthodoxer Rabbiner, sagte dagegen der Jüdischen Allgemeinen: »Wir begrüßen grundsätzlich jede Initiative, die die jüdische Identität und die Einheit der Juden stärkt – sofern sie im Einklang mit der Halacha steht.« Die Tzohar-Rabbiner führen keine eigenen Konversionen durch, werben aber dafür, orthodoxe Übertritte »weniger bürokratisch, dafür freundlicher und angenehmer« zu gestalten.

Dem Reformrabbiner Uri Regev, Direktor der Organisation Hiddush, die sich für religiösen Pluralismus in Israel einsetzt, geht die Initiative jedoch noch nicht weit genug. »Die Jewish Agency will liberalere orthodoxe Rabbiner entsenden und damit die liberaleren Kräfte innerhalb der Orthodoxie stärken«, sagte Regev auf Nachfrage. »Doch damit unterstützt sie nur die Orthodoxie, anstatt sich für echten religiösen Pluralismus einzusetzen. Alle wichtigen Strömungen des Judentums müssen endlich als gleichberechtigt anerkannt werden.«

Offiziell Im Gegensatz zum orthodoxen Rabbinat genießen Reform- und konservatives Judentum in Israel keinen offiziellen Status. Dabei identifizieren sich nach Angaben des israelischen Zentralbüros für Statistik nur 13 Prozent aller jüdischen Israelis als ultraorthodox; 35 Prozent beschreiben sich als säkular, weitere 24 Prozent als traditionell, aber nicht religiös. Kaum überraschend deshalb, dass 89 Prozent aller säkularen Israelis 2014 in einer Umfrage von Hiddush sagten, sie seien unzufrieden mit dem Rabbinat. Und in jüngster Zeit häufen sich Anzeichen dafür, dass immer weniger von ihnen bereit sind, ihren Unmut herunterzuschlucken.

Nach Angaben der Organisation Tzohar umgeht über ein Drittel aller säkularen Israelis die religiöse Hochzeit und heiratet stattdessen im Ausland. Um diesen Trend aufzuhalten, bietet Tzohar alternative Hochzeiten in Israel an, laut Eigenbeschreibung zwar im Einklang mit den halachischen Gesetzen, aber »zugeschnitten auf säkulare Paare« – und außerhalb der Kontrolle des Oberrabbinats.

Im vergangenen Herbst hatte sogar die damalige Regierung versucht, das Monopol des Oberrabbinats aufzuweichen: Sie beschloss ein Gesetz, das es städtischen Rabbinern erlauben sollte, eigene Konversionsgerichte zu gründen. Damit sollte vor allem Einwanderern aus der früheren Sowjetunion der Übertritt erleichtert werden.

Denn rund 400.000 von ihnen werden derzeit vom Rabbinat nicht als jüdisch anerkannt – eine Situation, die der frühere Mossad-Chef Efraim Halevy gegenüber der Jerusalem Post als »nationalen Notfall« beschrieb. Seit den Neuwahlen im März jedoch liegt die Reform auf Eis – und solange zwei ultraorthodoxe Parteien in der Regierungskoalition sitzen, sind zumindest von politischer Seite keine weiteren Vorstöße zu erwarten.

Avi Gil (in Uniform), links von Benjamin Netanjahu

Explosives Interview

»Die Geiseln hätten früher zurückkehren können«

Der ehemalige Militärsekretär des Premiers, Avi Gil, erhebt schwere Vorwürfe: Warnungen vor dem 7. Oktober seien ignoriert, Abkommen aus politischen Gründen verhindert und Protokolle manipuliert worden. Netanjahu weist die Anschuldigungen zurück

von Sabine Brandes  11.10.2026

Nahost

IDF: Terrorinfrastruktur in Gaza zerstört

Israelische Armee und Sicherheitsbehörden haben nach eigenen Angaben im Gazastreifen Waffenlager, eine Raketenabschussrampe und eine Kommandozentrale zerstört. Verteidigungsminister Katz droht dem neuen Hamas-Chef

 11.10.2026

Passagiere am Flydubai-Schalter am Ben-Gurion-Flughafen Tel Aviv, 30. September

Vereitelter Terroranschlag

Flydubai-Passagiere wollen auf Hunderte Millionen klagen

Nach dem versuchten Anschlag an Bord des Fluges nach Tel Aviv bereiten Israelis Klagen gegen die Airline und möglicherweise mehrere Staaten vor

von Sabine Brandes  11.10.2026

Gesellschaft

Hamas-Massaker überschattet Israels Wahlkampf

Die meisten Israelis sehen den 7. Oktober als wichtigen Faktor für ihre Wahlentscheidung. Umfragen zeigen, dass weder Netanjahus Lager noch die Opposition die Mehrheit erhält

von Sabine Brandes  11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Nahost

Der Lieberman-Plan

Soll das Westjordanland neu verwaltet werden?

von Sabine Brandes  10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026

Luftfahrt

Wer kontrolliert die Flüge nach Israel?

Nach dem vereitelten Anschlag auf einen Flydubai-Flug gerät das israelische Sicherheitssystem für ausländische Airlines unter Druck

von Sabine Brandes  08.10.2026