Zeitgeist

Trend statt Trödel

Als Unterlage dienen ein paar Zeitungsseiten. »Israel Hayom«, denn die gibt es umsonst. Obendrauf liegt ein kaum definierbarer Haufen aus roten Streifen, vergilbtem Weiß und Karos in Grün. Gelegentlich geht ein potenzieller Käufer in die Knie und wühlt in dem Berg. »Hakol be chamesch«, ruft die Frau mit der heiseren Stimme wie ein Mantra, »alles für fünf«.

Direkt hinter ihr führt eine Stufe in eine Boutique – Kleider, Hosen und Röcke hängen auf Bügeln. Auch sie sind secondhand, doch mit Schildern versehen: Chanel, Cartier und Co. »Alles echt Vintage«, preist die Verkäuferin an und lächelt verführerisch. Die Preise hier sind kaum mehr Flohmarktniveau: 100 Schekel und aufwärts.

Statt Trödel und Tand gibt es auf dem berühmten Schuk Hapischpeschim in Jaffa immer mehr Trendiges. Seit geschätzten zwei Jahren verdrängen zusehends Boutiquen, Restaurants und Bars die ursprünglichen »Löcher in den Wänden«. Hier stapelten die Händler ihre Ware, oft nach Kategorien getrennt, bis unter die Decke. Eingefleischte Flohmarktjäger wussten: In den staubigen Bergen voller Geschirr, Lampen, Kabel, Besteck und Sonstigem verbirgt sich so manches Schätzchen. Man muss nur tief genug graben.

Mischung Auf der Rabbi-Hanina-Straße, die herunter zum Straßenflohmarkt führt, hat der Zeitgeist vollends Einzug gehalten. Originale Lädchen gibt es kaum mehr. Stattdessen »Urban Sushi« und eine Charcuterie, in der sich gut betuchte Kunden an Tischen mit weißen Leintüchern niederlassen. »Es hat so viel Flair, mitten im Flohmarkt zu speisen«, sagt eine Dame und schiebt ein Stück ihres Entrecotes in den Mund. »Diese Mischung aus Alt und Neu finde ich wahnsinnig inspirierend.«

»Von wegen Flair«, ereifert sich Chezi, »hier ist gar nichts mehr authentisch, alles nur noch neu.« Der Tel Aviver betreibt eine Schreinerei um die Ecke. Noch. Denn eigentlich dürfte er gar nicht mehr hier sein. »Die Stadtverwaltung hat meine Betriebserlaubnis nicht erneuert. Ich bin also praktisch illegal.« Nach 41 Jahren auf dem Flohmarkt. Lizenzen bekämen nur noch Mode- läden und Restaurants, meint er. Sein Urteil zur schleichenden Modernisierung des alten Marktes: »Authentizität ade!«

Verständigung Meirav Hatav, Filmemacherin und gelegentliche Verkäuferin in einer der Boutiquen, kann überhaupt nichts Schlechtes daran finden: »Es kommen immer mehr junge Leute ins alte Jaffa, und das ist grandios.« Sie selbst ist vor anderthalb Jahren von Tel Aviv hinübergezogen und fühlt sich pudelwohl. Viele Ecken der Metropole nebenan seien gänzlich versnobt, meint sie. »Aber Jaffa ist stylisch und cool. Es ist eine interessante Mischung aus Altmodisch und Hip.«

Außerdem gefällt ihr, dass Araber und Juden gemeinsam in einem Viertel wohnen. »Verständigung ist die Zukunft unseres Landes, und ich fühle, dass ich hier dazu beitragen kann. Nicht immer nur reden, sondern wirklich etwas tun.« Die junge Jüdin wohnt in einem Mietshaus, in dem sonst ausschließlich arabische Familien leben.

Freunde und Bekannte würden über ihre Begeisterung manchmal den Kopf schütteln, doch Hatav weiß: »Jaffa hat heute alles zu bieten, was sich junge Leute wünschen. Eine lebendige und interessante Szene, viele Möglichkeiten zum Ausgehen, und dazu noch immer bezahlbar.«

Nicht mehr für alle. Dutzende der alten Läden sind bereits leer geräumt, an vielen prangen Schilder »Zu vermieten«. Jedes Jahr würden die Mieten steigen, klagt Mordi Eres. »Für die meisten von uns Veteranen kommt bald das Aus – oder ist schon da.« Der Trödelhändler hätte gern, wenn alles beim Alten bleiben würde. Doch auch wenn er von Dutzenden antiker Uhren umgeben ist, weiß er, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.

Es ist ruhig an diesem Sonntagnachmittag. Eres ist sicher, dass die Käufer aufgrund der Barszene wegbleiben. »Die Leute kommen nur noch abends her, tagsüber läuft nicht mehr viel.« Außerdem würden die meisten durch die Tatsache vergrault, dass alles teurer werde. Die Speiselokale sprechen eine andere Sprache. Im »Lev Haschuk«, dem neuen Eckcafé, das sich das »Herz des Marktes« nennt, ist kaum ein Platz frei. Auch das »Puah«, das einst als Café im Miniformat begann und sein Areal ständig erweitert, ist voll besetzt.

Möbel Einige der Alteingesessenen wollen das Feld nicht räumen und versuchen, sich der Veränderung anzupassen. Wie Josef Bechatzer. Nach Angaben auf der silbrig-weißen Visitenkarte existiert das Geschäft bereits seit 1964, erst seit letztem Jahr allerdings in diesem Aufzug. Die Kunden spazieren durch eine enge Gasse in einen Hinterhof, der noch immer voller alter Sachen steht.

Doch heute ist nichts mehr von einer Staubschicht überzogen. Alles ist entsprechend der gehobenen Ansprüche von Kunden mit dicker Brieftasche aufgearbeitet – und mit einheitlichen Preisschildern versehen. »Die Möbel sind ausschließlich Unikate«, gibt eine Verkäuferin in Designerzwirn zu verstehen, »die von unseren Möbeldesignern in Handarbeit umgestylt worden sind.« Einzelstücke waren die Hocker, Schränkchen und Regale früher auch. Damals allerdings hießen Designer noch Tischler.

Schreiner Chezi will nichts von Anpassung wissen. Er geht demnächst in den Ruhestand. »Ich habe keine andere Wahl«, resümiert er und lässt sich in den gelben Polstersessel fallen, der auf der Straße vor seiner Werkstatt steht. Mit der Zigarette im Mundwinkel lässt er seinen Blick die Straße hinuntergleiten. »Chic sehen sie schon aus, die neuen Läden. Aber im Innern ist es leer. Kein Herz dabei.«

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