Jom-Kippur-Krieg

Trauma der Nation

Erfahrung einer Generation: Szene aus dem Film »Kippur« Foto: Haifa Film Festival

Für Avi war 22 Jahre lang alles in bester Ordnung. Er heiratete, wurde Vater, arbeitete, vergnügte sich, lebte sein Leben. Doch dann brach sich der Schmerz mit aller Macht seine Bahn. »Und von einem Tag auf den anderen war nichts mehr, wie es einmal war«, sagt seine Frau. Avi ist Veteran des Jom-Kippur-Kriegs, war Gefangener in Ägypten.

Vor 40 Jahren erlebte Israel seinen überraschendsten und grausamsten Krieg. Noch heute quält das Trauma die ganze Nation. Rund 2800 Soldaten fielen damals im Gefecht, weitere 8000 wurden verletzt. 293 Israelis gerieten in syrische oder ägyptische Kriegsgefangenschaft und waren dort schlimmster Folter ausgesetzt.

Viele Betroffene schweigen noch heute über ihre Erlebnisse. Avi und seine Familie aber wollen reden. Auf einer Konferenz von Natal, dem israelischen Traumazentrum für die Opfer von Krieg und Terror, berichteten sie nun darüber, wie die Geschehnisse von damals ihr tägliches Dasein beeinflussen. »Wir hatten unser schönes Leben mit drei Kindern und Enkelkindern«, berichtet Avis Ehefrau, die stellvertretend für viele Frauen der Veteranen spricht. »Und dann veränderte sich mein Mann praktisch über Nacht.« Ständig sei er seitdem von Schmerz und Angst verfolgt worden. »Und alles war plötzlich anders.«

Nachdem bei Avi Flashbacks, Schlaflosigkeit und Wut mehr und mehr sein Leben bestimmten, konnte seine Frau ihn überreden, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es wurde »Complex PTSD« diagnostiziert, eine extreme Form der posttraumatischen Belastungsstörung. Avi ist noch heute in Behandlung.

Auslöser »Oft sind es besondere Daten oder Ereignisse, die die alten Wunden wieder aufreißen«, weiß Orly Gal, Leiterin von Natal. »Es kann ein Jahrestag wie dieser sein, Gedenkzeremonien im Fernsehen oder auch ein Film wie Waltz with Bashir über den Libanonkrieg. Dann klingeln unsere Telefone von der Hotline fast pausenlos.«

Zahava Solomon, psychiatrische Epidemiologin von Natal, hat in den vergangenen Jahren grundlegende Untersuchungen über die Auswirkungen von Kriegsgefangenschaft, insbesondere während des Jom-Kippur-Kriegs, veröffentlicht. Sie wies in ihren umfassenden Studien nach, dass ehemalige Kriegsgefangene sehr häufig unter »Complex PTSD« leiden.

Anders als die gewöhnliche posttraumatische Belastungsstörung, die unter anderem Albträume und Stress hervorrufen kann, führt diese Form der Störung nicht selten zu »fundamentalen und tiefgreifenden Persönlichkeitsveränderungen«, sagt sie. Salomon verglich bei ihrer Forschung Veteranen des Jom-Kippur-Kriegs mit Probanden, die außerdem in Feindeshand gerieten. Ihr Ergebnis: »Das Trauma der Gefangenschaft ist schwerwiegend, es ist dauerhaft und wiederkehrend, die Auswirkungen sind zerstörerisch.«

Um das Bewusstsein für dieses dauerhafte Leiden zu schärfen, startete Natal zum Jahrestag des Krieges eine Aufklärungskampagne. An Kreuzungen, Haltestellen und auf Bussen im ganzen Land fragen dieser Tage schlichte Plakate mit schwarzer Schrift: »73 – schon vorbei?«

Schweigen Dass das Trauma für die Betroffenen noch lange nicht vorbei ist, weiß man bei Natal genau. Orly Gal: »Es gehört zu ihrem Leben und dem ihrer Familien dazu.« Oft sei es für Außenstehende fast unglaublich, was sich noch vier Jahrzehnte später bei den Veteranen und ihren Angehörigen abspiele.

Deshalb setzt sich Natal seit 15 Jahren dafür ein, die Langzeitfolgen des Kriegs öffentlich zu machen, mit persönlicher psychologischer Unterstützung, Aufklärungskampagnen, Informationsbroschüren, Büchern, Konferenzen und Forschung. »Schweigen ist der falsche Weg«, ist Gal überzeugt. »Dass Natal das Bewusstsein auf die Auswirkungen der Kriege lenkt, hilft nicht nur den Betroffenen selbst – es hilft, unsere ganze Gesellschaft zu heilen.«

Doch nicht alle wollen reden. Viele haben die Verwundungen tief in ihrer Seele eingegraben, sprechen mit niemandem darüber. »Denn lange galt es in unserer machistischen Gesellschaft als inakzeptabel, sich über seelische Verletzungen zu äußern«, weiß die Chefin des Traumazentrums. Erst die jüngsten Generationen der Kriegsveteranen, etwa aus dem zweiten Libanonkrieg, gingen offener damit um und holten sich schneller Hilfe. »Und meist können sie so ein völlig normales Leben führen.«

Viele Männer, die damals gekämpft haben, schweigen aber bis heute. Wie Chezi W. Als Offizier war er monatelang im Krieg, die meiste Zeit im Sinai. Doch seine Ehefrau spricht. »Mein Mann war ein lebenslustiger Geselle«, erzählt sie, »der ständig mit seinen Kindern Unsinn angestellt hat.« Als er aus dem Krieg zurückkehrte, sei er nicht mehr derselbe gewesen. »Er verschanzte sich hinter seiner Arbeit und schwieg die meiste Zeit. Auf Fragen zu dem Thema reagierte er mit völliger Abschottung – und das ist bis heute so geblieben.«

Filme Wie tief das Trauma des Krieges ist, in dem Israel von den arabischen Feindmächten überrascht wurde, zeigt in den kommenden Tagen auch das Filmfestival in Haifa. Als Sonderthema beschäftigen sich gleich mehrere Filme mit dem Jom-Kippur-Krieg. Darunter ist Der vermeidbare Krieg von Amit Goren. Die vierteilige Dokumentation zeigt »den Frühling der Gleichgültigkeit, den Sommer der Illusionen, den Herbst des Unglaubens und den Winter der Tränen«.

Auch der im In- und Ausland bekannte Filmemacher Amos Gitai war 1973 dabei. Seine Erfahrungen verarbeitete er 2000 im Film Kippur. Als Mitglied einer siebenköpfigen Sanitätseinheit wurde der spätere Regisseur damals in einem Helikopter über den Golanhöhen abgeschossen. 20 Jahre später traf er sich mit den anderen Männern seiner Einheit an derselben Stelle wieder. Heute, 40 Jahre danach, betrachtet Gitai diese Reise als »Erkennen der Narben bei den Überlebenden und Erinnerung an das Trauma«.

Manche aus der Generation des Krieges, weiß Natal-Leiterin Gal aus vielen Gesprächen, wünschten sich, sichtbare Wunden zu haben, statt die seelischen Verletzungen mit sich herumtragen zu müssen. »Ein Überlebender sagte einmal zu mir: ›Ich hätte lieber einen Arm im Krieg verloren. Dann würde man wenigstens sehen, dass mir etwas Schreckliches widerfahren ist.‹«

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