Galiläa

Terrortunnel im Norden

Aktion »Northern Shield«: Die Armee hat nahe Metulla mit den Arbeiten begonnen. Foto: Flash 90

Für die Bewohner des israelischen Nordens ist es ein Albtraumszenario. Wie die Regierung in den vergangenen Tagen bekannt gab, gräbt die schiitische Terrormiliz Hisbollah Tunnel unter der Grenze zwischen dem Libanon und Israel. »Terrortunnel«, wie Regierungschef Benjamin Netanjahu deutlich machte. Sie seien, so der Premier, mit einem Ziel gegraben worden, »unschuldige israelische Männer, Frauen und Kinder zu attackieren und zu ermorden«.

Dies sei eine grobe Verletzung der Resolution Nummer 1701 des UN‐Sicherheitsrats. »Es ist ein mutwilliger Akt der Aggression, der völlig inakzeptabel ist.« Die grenzüberschreitenden Terrortunnel seien mit direkter Unterstützung und Finanzierung aus dem Iran erbaut worden, so der Ministerpräsident am Abend nach dem Auftakt der Aktion mit dem Namen »Northern Shield« (Nördlicher Schutz). Die Armee hat mit der Zerstörung der unterirdischen Gänge begonnen.

Das Militär veröffentlichte am Montagabend zudem Tonaufnahmen, die Geräusche von Grabungsarbeiten der Hisbollah im südlichen Libanon wiedergeben sollen. Die Aufnahmen der seismischen Aktivität wurden von einer multidisziplinären Einsatztruppe der Armee, genannt »das Labor«, aufgenommen. Diese Gruppe wird speziell dazu eingesetzt, die Tunnel der vom Iran unterstützten Hisbollah zu enttarnen und zu zerstören. Die IDF geht davon aus, dass sie angelegt wurden, um in einem zukünftigen Krieg mit Israel Teile von Galiläa einzunehmen.

AUFKLÄRUNG Die Armee ist bereits seit fünf Jahren mit Aufklärungsarbeiten in dieser Gegend beschäftigt, nachdem Einwohner in der Nähe des israelisch‐libanesischen Grenzgebiets von Grabungsgeräuschen berichtet hatten. Doch sie hatte lange nichts entdeckt. Bis vor wenigen Tagen, als die Einsatztruppe zwei Tunnel fand, die vom libanesischen bis in israelisches Territorium reichten. Am Dienstag wurde bekannt, dass ein dritter Tunnel entdeckt wurde. Einer von ihnen lag südlich der Stadt Metulla, die genaue Lage des zweiten unterirdischen Ganges werde aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht. Man wisse, dass weitere Tunnel existieren, und arbeite derzeit daran, auch diese zu finden.

Nach dem Krieg mit Gaza von 2014, in dem die Tunnel der Hamas eine der Hauptgefahren darstellten, machten sich die Experten der Armee erneut daran, auch den Norden des Landes zu untersuchen. Sie fanden tatsächlich Hinweise und bildeten »das Labor«, unter anderem mit Spezialisten der technologischen und geheimdienstlichen Abteilungen. Der Leiter der Einheit, aus Sicherheitsgründen nur als »G« bezeichnet, erläutert: »Wir haben unser Wissen aus dem Süden mit in den Norden gebracht. Wenn wir Leute aus verschiedenen unserer Bereiche zusammenbringen, kommen wir recht schnell zu Ergebnissen.« Nach dem Zerstören der ersten Tunnel ist die Armee derzeit vorrangig damit beschäftigt, die Grenzregion zu beobachten.

Die Annahme, dass die Aktion nicht länger als einen Monat dauern werde, sei allerdings überholt, hieß es in einer Stellungnahme. Zwar liege man mit der Identifizierung im Zeitplan, doch die Zerstörung nehme mehr Zeit in Anspruch, als ursprünglich angenommen. Die IDF geht davon aus, dass die Hisbollah keine direkte Konfrontation sucht, solange die Zerstörung der Gänge von israelischem Territorium ausgeht.

ZIVILISTEN Suzy Klein, pensionierte Krankenschwester, lebt in der nördlichen Kleinstadt Naharija. Ein Teil ihrer Familie wohnt in Metulla nahe der libanesischen Grenze. »Ich habe mich immer gefragt, wie die Menschen an der Grenze zum Gazastreifen es aushalten, mit der Bedrohung zu leben, die von diesen Tunneln ausgeht. Ich finde den Gedanken daran schier unerträglich. Und jetzt geschieht das bei uns. Es ist schrecklich. Wenn ich daran denke, dass meine Enkelkinder in die Schule gehen, die wenige Hundert Meter von der Grenze entfernt ist, wird mir angst und bange.«

»Das Labor«, ein multidisziplinäres Einsatzteam, enttarnt die Anlagen.

Einer der Tunnel sei unter einem Haus in einem Wohngebiet im Süden des Libanon entdeckt worden. Für Netanjahu ist dies ein weiteres Beispiel dafür, wie die radikalislamistische Organisation gleich zweifache Kriegsverbrechen verübt: »Sie nehmen Zivilisten ins Visier, während sie sich hinter Zivilisten verstecken. Dies muss lautstark von allen Nationen verurteilt werden, denen Frieden, Freiheit und die Menschenwürde wichtig sind.«

SANKTIONEN Netanjahu hatte in Brüssel mit dem amerikanischen Außenminister Mike Pompeo über die Tunnel der Hisbollah gesprochen und über mögliche Sanktionen gegen die Terrororganisation diskutiert. Anschließend beriet er sich mit UN‐Generalsekretär António Guterres und sprach am Telefon mit Russlands Präsident Wladimir Putin über die Gefahr, die von den Tunneln ausgeht. Die beiden einigten sich, dass sich Sicherheitsteams beider Länder bald treffen und die Problematik diskutieren werden.

Netanjahu sandte auch eine Botschaft an das libanesische Volk: »Die Hisbollah gefährdet Ihr Leben. Die Menschen opfern ihr eigenes Wohl den aggressiven Zielen des Iran. Jerusalem macht die libanesische Regierung für alle Terroraktivitäten gegen Israel verantwortlich, die von Ihrem Land ausgehen. Israel wird alles Notwendige tun, um sein Volk zu schützen und seine Grenzen zu sichern.«

Zwar hatte der libanesische Präsident Saad el‐Din al‐Hariri generell seine Verpflichtung gegenüber der UN‐Resolution betont, doch aktuell äußern sich libanesische Politiker nicht. Ebenso hüllt sich Hisbollah‐Chef Hassan Nasrallah in eisernes Schweigen. Sein Stellvertreter Scheich Naim Qassem ließ am vergangenen Wochenende nur wissen, dass seine Organisation Raketen besitze, die jeden Ort in Israel treffen können. Das allerdings wissen die Israelis schon lange.

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