Jerusalem

Tatsachen, Tratsch und Treife

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu kämpft um eine weitere Amtszeit. Foto: Flash 90

Der eine fischt am rechten Rand, der andere fantasiert über einen Regierungswechsel und wieder andere drohen mit Treif. Wenige Stunden, bevor die Wahllokale ihre Pforten öffnen, holen die Kandidaten der verschiedenen Parteien noch einmal kräftig zum Schlag gegen ihre Gegner aus.

Premier Benjamin Netanjahu versucht, seine Wiederwahl nicht nur mit bloßen Worten zu sichern, sondern mit Tatsachen – so man seinen Wahlkampfversprechungen Glauben schenken mag.

WÄHLER Erst erkennt er einen illegalen jüdischen Outpost auf palästinensischem Gebiet an, dann ruft er zwei Tage vor den Wahlen (fast) zum umfassenden Krieg gegen die Hamas in Gaza auf, und nun will er sogar Teile der Palästinenserstadt Hebron annektieren. Und stellt dabei sicher, dass die potenziellen Wähler von Rechtsaußen aufmerksam zuhören.

Die Kandidaten der verschiedenen Parteien holen noch einmal kräftig zum Schlag gegen ihre Gegner aus.

Nach Medienberichten sei sogar bereits der Vorsitzende des Wahlkomitees, Richter am Obersten Gerichtshof Hanan Melcer, darüber informiert worden, dass der Urnengang wegen eines Krieges vielleicht verschoben werden müsse. Netanjahu habe den als Reaktion auf den Raketenanschlag in Aschdod ausrufen wollen, bei dem er von der Bühne flüchten musste.

ZUSTIMMUNG Allerdings habe Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit Netanjahu daran erinnert, dass er die Zustimmung des Sicherheitskabinetts einholen müsse, bevor er das Land in einen Krieg führt. Danach war die Idee so schnell vergessen, wie sie aufgekommen war. Auch hätten sich verschiedene Mitglieder des Sicherheitsestablishments gegen einen Krieg ausgesprochen.

Netanjahus Opponent, der ehemalige Stabschef Benny Gantz von der Zentrumsunion Blau-Weiß, twitterte nach dem Bekanntwerden des Vorhabens: »Er hat den Verstand verloren und will uns in einen Krieg zerren, um die Wahlen zu verschieben. Das passt zum Drehbuch von House of Cards, nicht zum Staat Israel«.

Sein Kollege im Bündnis, Yair Lapid von Jesch Atid, äußert sich in einem Artikel in der Onlinezeitung »Times of Israel« mit dem Titel »Stellt euch eine neue Realität vor«. Da beschreibt er detailliert seine Wunschvorstellung, wie eine Knesset mit einer neuen Regierung aussehen könnte. Ohne ultraorthodoxe Parteien, ohne Nationalreligiöse und ohne Netanjahu. Die sitzen dann nämlich auf den Bänken der Opposition.

Lapid schreibt: »Netanjahu kommt spät. Er sieht noch grauer aus als sonst … Er hält einen dicken Ordner in der Hand … Darin sind alle Anklagen und die Aussagen, darunter auch der U-Boot-Skandal. Er setzt sich und beginnt zu lesen.«

»Das passt zum Drehbuch von ›House of Cards‹, nicht zum Staat Israel«, sagt Herausforderer Benny Gantz.

AUSGELAUGT Auch jede Menge Tratsch wabert am letzten Tag durch die Flure der Knesset. Angeblich wolle der amtierende Finanzminister Mosche Kachlon, früher Kachlon, jetzt Likud, nach den Wahlen seinen Hut nehmen. Er fühle sich unterfordert. Quellen hätten der Linksliberalen Zeitung verraten, dass der Politiker »ausgelaugt« aussehe.

Die Vorsitzende der Rechtsunion Yamina, Ayelet Shaked, ließ sich am selben Tag über den Ministerpräsidenten »und seine engsten Kreise« aus. Sie würden sie irrational hassen und ihr aus den falschen Gründen keine politischen Erfolge gönnen. Netanjahu wolle Yamina daher »klein, armselig und machtlos« halten.

Wer dieser Kreis sei, ließ Shaked offen. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass besonders Netanjahus Gattin Sara Netanjahu eine extreme Antipathie gegen Shaked hegt.

Einer, dem die Rhetorik im Wahlkampf zu weit geht, ist der einstige Bürgermeister von Jerusalem, Nir Barkat. Obwohl er für den Likud im Parlament sitzt, stimmt er mit vielen feindseligen Aussagen des Premiers über seine Kontrahenten nicht überein: »Das ist nicht mein persönlicher Stil.« Allerdings meint er, dass sich beide Seiten in diesem Wahlkampf zu extrem ausdrücken.

Einer, dem die Rhetorik im Wahlkampf zu weit geht, ist der einstige Bürgermeister von Jerusalem, Nir Barkat.

Die ultraorthodoxen Parteien haben damit keine Probleme. Auf einer Veranstaltung der charedischen Partei Vereintes Tora-Judentum in Bnei Brak bei Tel Aviv, bei der um die 50.000 Anhänger aufliefen, verglich ein Redner die säkularen Politiker mit dem biblischen Erzfeind »Amalek«.

SEFARDEN Auch Vertreter der frommen Sefardenpartei Schas nehmen kaum ein Blatt vor den Mund. Der stellvertretende Finanzminister Yitzhak Cohen warnte Wähler, in jedem Fall für die Religiösen zu stimmen, denn die Säkularen würden Treif essen. Zumindest der russischstämmige Avigdor Lieberman von Israel Beiteinu, der nach Cohens Aussagen »am Schabbat einkaufen und Schweinefleisch verspeisen« würde.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Buchara-Synagoge von Jerusalem rief Vorsitzender und Innenminister Arie Deri noch einmal all seine Anhänger auf, wählen zu gehen. Doch nicht etwa, weil es eine demokratische Pflichtübung sei, sondern weil es zur Erlösung führen könne.

»Noch niemals hat es Wahlen im Monat Elul gegeben«, tönte er von der Bühne. »Gott hat uns damit das Größte gegeben, was passieren kann. Jeder, der den Monat Tischrei unbeschadet erleben will, muss es tun.« Denn es ginge um nichts Geringeres als die Ehre des Allmächtigen.

Außerdem, so Deri weiter, wollten Gantz und seine Union Blau-Weiß nicht nur eine säkulare Einheitsregierung bilden, »sondern dazu noch eine aschkenasische – so Gott uns helfe«.

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  17.04.2026

Herzliya

Studie: Mit diesen Methoden mehr Erfolg auf Dating-Apps

Eine wichtige Erkenntnis der Untersuchung: Es kommt weniger darauf an, was man über sich preisgibt, als wie man es tut

 17.04.2026

Umfrage

Waffenruhen mit Iran und Hisbollah: Israelis pessimistisch

Weniger als 40 Prozent sagen, sie hätten die erfolgten Militäreinsätze unterstützt, wenn ihnen die Entwicklungen im Voraus bekannt gewesen wären

 17.04.2026

Studie aus Israel

KI treibt Arbeitslosigkeit bei Programmierern und Verkäufern nach oben

Bei Programmierern gehen zwischen 12 und 20 Prozent des jüngsten Anstiegs der Erwerbslosigkeit auf den Einsatz künstlicher Intelligenz zurück

 17.04.2026

Bildung im Krieg

Israel lockert Abiturprüfungen wegen Kriegslage – Sonderregeln für den Norden

Die Maßnahmen schließen eine »flexiblere Berechnung« von schulischen Leistungen mit ein

 17.04.2026

Nahost

Details zur Waffenruhe zwischen Israel und Libanon veröffentlicht

Ein Sechs-Punkte-Plan soll zunächst zehn Tage lang für Ruhe sorgen. Die Einzelheiten

von Imanuel Marcus  17.04.2026

Nahost

Trump verkündet zehntätige Waffenruhe im Libanon

Zuvor habe es Gespräche mit Israels Premier Netanjahu und Libanons Präsidenten Aoun gegeben

 16.04.2026 Aktualisiert

Hintergrund

Hickhack um Friedensgespräche - und eine zehntägige Feuerpause

Nachdem Präsident Trump direkte Verhandlungen erzwingen wollte, setzte er sich schließlich mit einem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah durch

von Sabine Brandes  16.04.2026

Kriminalität

Israel geht gegen kriminelle arabische Clans vor

Die israelische Polizei geht landesweit gegen vorwiegend arabische organisierte Verbrecherstrukturen vor

von Sabine Brandes  16.04.2026