Israel

Taten statt Worte

Tausende demonstrierten in Tel Aviv gegen Homophobie und Hass. Foto: Flash 90

Sie demonstrierten in Jerusalem, Tel Aviv, in Beer Sheva und Haifa. Tausende gingen am Samstagabend in den Städten Israels auf die Straßen, um ihre Stimmen gegen die gewalttätigen Attacken der vergangenen Tage zu erheben.

Am Donnerstag waren sechs Menschen bei der Gay Pride Parade in Jerusalem von einem charedischen Extremisten niedergestochen worden, am Morgen darauf starb bei einem Brandanschlag von wahrscheinlich jüdischen Terroristen ein 18 Monate altes palästinensisches Baby. Seine Familie schwebt noch immer in Lebensgefahr.

Entsetzen Nach dem Mord an dem Jungen brachen in verschiedenen Orten im Westjordanland Unruhen aus. Die israelische Armee arbeitet eng mit den palästinensischen Sicherheitsbehörden zusammen, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu telefonierte mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, um sein Entsetzen über die feige Tat auszudrücken. Netanjahu unterstrich, dass er alles tun wolle, um die Mörder dingfest zu machen. »Terror ist Terror, egal von welcher Seite er kommt«.

Ein Opfer der Gay Pride Parade erlag seinen Verletzungen am Sonntag. Der Angreifer Yischai Schlissel hatte 2005 schon einmal auf der Parade in Jerusalem auf Teilnehmer eingestochen, war zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Erst vor drei Wochen war er aus dem Gefängnis freigekommen. Und stach bei der nächsten Gelegenheit sofort wieder zu.

Sicherheit In Tel Aviv waren nach Angaben der Polizei mehr als 10.000 Menschen zusammengekommen, um gegen Rassismus und Homophobie zu demonstrieren. Auf der Kundgebung im Gan Meir sprach neben Oppositionsführer Isaac Herzog und dem ehemaligen Präsidenten Schimon Peres auch der Onkel des getöteten Ali, Nasser Daoubasa: »Netanjahu schickt uns sein Beileid. Wir aber wollen vom Verteidigungsminister und der Armee, dass die Sicherheit in unseren Dörfern wiederhergestellt wird. Wir wollen ein Ende des Leids unseres Volkes. Vor Ali gab es Mohammed Abu Kheidar – und wir wissen nicht, wer als Nächstes an der Reihe ist. Wir wollen, dass die Feuer aufhören.«

Der 17-jährige Abu Kheidar aus Ostjerusalem war im vergangenen Sommer von jüdischen Jugendlichen entführt und als Racheakt bei lebendigem Leib verbrannt worden, nachdem drei israelische Teenager von der Hamas getötet worden waren.

In Haifa gingen Hunderte auf die Straßen. Einige trugen Schilder wie: »Es ist keine Rache – es ist Mord« und »Israelische Regierende sind Kindesmörder«.

Lebensgefahr »Flammen reißen unser Land in den Abgrund«, sprach Präsident Reuven Rivlin in Jerusalem vor Tausenden. »Flammen der Gewalt, des Hasses und des verzerrten Glaubens«. Rivlin hatte – wie andere Politiker, darunter Herzog und Netanjahu – die Familie Daoubasa im Krankenhaus in Tel Aviv besucht. Mutter Reem und Alis vierjähriger Bruder Ahmed schweben mit schwersten Brandverletzungen noch immer in Lebensgefahr.

»Ich habe sie schweigend besucht, voller Scham, voller Angst vor der Macht des Hasses«, erzählte Rivlin, »Voller Scham, dass es in einem Land, das die Morde von Schalhevet Pass, der Fogel-Familie, Adele Biton, Eyal, Gilad, Naftali und Mohammed gesehen hat, noch immer Menschen gibt, die nicht zögern, die Flammen zu entzünden und ein Baby zu Tode brennen zu lassen. Die den Hass und den Terror schüren.« Er forderte seine Landsleute auf, »den Weckruf als Anlass zu nehmen, Israel nicht zu einem Zelotenstaat, nicht zur Anarchie werden zu lassen«.

Terror In Tel Aviv rief vor allem die Opposition dazu auf, den ständigen Worten des Entsetzens endlich Taten folgen zu lassen. Herzog forderte von der Regierung, den »jüdischen Terror genauso wie den islamistischen Terror zu behandeln«. Es sei genug geredet und dann wieder zur Routine übergegangen worden.

Die Chefin der Linkspartei Meretz, Zehava Gal-On, verglich den jüdischen Terror mit dem des Islamischen Staates (ISIS) und wandte sich an die Regierungsparteien: »Wir wollen eure Gewissensprüfungen und eure Verurteilungen nicht. Es gibt eine Verbindung zwischen der Gewalt in (der jüdischen Siedlung) Beit El, der Morde von Douma und der Attacke auf der Gay Parade. Netanjahu hat die Aufwiegelung gegen Araber und Linke perfektioniert.«

Schimon Peres sagte, dass er zwar stolz sei, hier mit so vielen gleichgesinnten Menschen zu stehen, zeigte sich jedoch gleichzeitig beschämt, »dass Israel einen solch dunklen Abgrund« erreicht habe. »Die Masken sollen heute fallen. Alle, die die Gay Pride Parade eine ›Parade der Untiere‹ nennen, sollen sich nicht wundern, dass Messer gegen 16-Jährige gezückt werden. Jene, die gegen arabische Bürger Israels Stimmung machen, sollen sich nicht wundern, wenn Kirchen und Moscheen in Flammen aufgehen und am Ende ein Baby verbrannt wird.«

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