Konflikt

Tage voller Angst

»Wie im Krieg«: das Haus von Moshe Agadi, der in Aschkelon ums Leben kam Foto: Flash 90

Es knallte und krachte den ganzen Tag, die komplette Nacht und den nächsten Tag darauf ebenso. Nadav Amar lebt in einer Wohnung im südlichen Teil von Aschkelon, wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt. »Wir hören hier alles, die Raketen auf Israel und die auf Gaza auch.« Wir – das sind er, seine Frau Moran und die vier Monate alten Zwillingsmädchen Tahal und Thalia. »Es war wie im Krieg – und zwar direkt an der Front.«

Innerhalb von zwei Tagen feuerten Hamas und Palästinensischer Islamischer Dschihad (PID) mehr als 700 Raketen, Israel flog rund 300 Vergeltungsangriffe. Vier Menschen starben bei dieser Eskalation der Gewalt auf israelischer Seite, mehr als 20 auf palästinensischer. Nach zwei Tagen war es vorbei, und Ruhe kehrte wieder ein. Doch die Menschen im Süden fragen sich, wie lange es diesmal dauern wird, bis es wieder knallt. Dass es passieren wird, darüber sind sich alle einig.

Sirene »Ein normales Leben kann man so nicht führen«, meint Amar und erzählt von dem schlimmsten Moment. »Wir waren bei meinen Eltern in Aschdod zu Besuch und gingen am Samstagmorgen mit unseren Babys in den Park.« Plötzlich schrillte die Sirene los. 40 Sekunden bis zum Einschlag. »Meine Frau und ich haben unsere Babys aus den Kinderwagen gerissen, sind in das nächste Gebäude gelaufen und haben uns ins Treppenhaus gestellt. Wir haben alles zurückgelassen, die Kinderwagen, die Taschen. Es war ein grauenvoller Moment, der uns völlig überrascht hat.«

Doch die Menschen im Süden fragen sich, wie lange es diesmal dauern wird, bis es wieder knallt.

Doch Amar hat sich nicht nur um sein eigenes Leben und das seiner Familie gesorgt. »Es waren so viele ältere Menschen im Park, viele mit Gehhilfen, die es nirgends hingeschafft haben. Keiner konnte ihnen helfen. Das ist ein Bild, das ich noch lange im Kopf haben werde.«

Am Sonntag, als es einige Stunden ruhig war, fuhr das Paar nach Aschkelon zurück. »Und da begann das Chaos erst richtig. Bumm, bumm, bumm ging es im Sekundentakt – es hörte nicht mehr auf. Wir liefen rein und raus aus dem Sicherheitsraum, und manchmal schafften wir es nicht rechtzeitig.« Also blieben sie irgendwann gleich ganz drinnen, die Mädchen schliefen in ihrem Kinderwagen, die Eltern auf dem Boden.

Wir erwarten, dass das Kabinett und der Premierminister die Armee nicht zurückhalten werden.Tomer Galan, Bürgermeister von Aschkelon

15 SEKUNDEN Denn hier haben die Menschen nur 15 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Wenn irgendwo in der Nähe eine Rakete einschlägt, bebe das ganze Haus. Einmal krachte ein Geschoss nur wenige Meter entfernt auf einen Parkplatz, ein zweites Mal in ein 300 Meter entfernt gelegenes Feld. »Moran und ich stehen unter Druck, vor allem, seit die Babys da sind. Früher hatte ich keine Angst um mich, aber jetzt habe ich Angst um sie«, gibt der 28‐jährige Büroangestellte zu. Und nach der Waffenpause? »Es ist eine Ruhe vor dem Sturm. Sie ist nicht echt, und wir vertrauen ihr nicht.«

Der Bürgermeister von Aschkelon, Tomer Galam, sieht das genauso. Als er die Familie des getöteten Moshe Agadi besuchte, erklärte er »Die Stadt Aschkelon durchlebt gerade die unangenehmsten Erfahrungen. Ich habe dem Premierminister die Gefühle der Bevölkerung mitgeteilt, die nach einer umfassenden Aktion ruft, damit wir nicht alle drei Monate so leben müssen. Die andere Seite sollte nicht die Agenda vorgeben können.« Man sollte ihnen einen harten Schlag versetzen, damit sie wüssten, dass man in der Weise nicht mit Israel umgehen kann. »Diese Situation kann so nicht weitergehen. Wir erwarten, dass das Kabinett und der Premierminister die Armee nicht zurückhalten werden«, sagte Galam weiter.

Waffenstillstand Doch seine Worte verhallten wohl im Nichts. Zu sehr war Premier Benjamin Netanjahu unter Druck. Der Unabhängigkeitstag stand kurz bevor, auch die Eurovision. Nach zwei Tagen gab es einen Waffenstillstand – wieder einmal ausgehandelt von Ägypten. Am Montagmorgen erklärte das Heimatfront‐Kommando der israelischen Armee, dass alle »Restriktionen zum Schutz ab 7 Uhr aufgehoben« seien. Das Bildungsministerium ließ alle Schulen und Kindergärten im Süden wieder öffnen.

Angeblich sei diese Pause, an deren Ausarbeitung auch der UN‐Beauftragte Nickolay Mladenov und die Regierung Katars mitgearbeitet haben sollen, möglich geworden, nachdem Israel mit besonders harter Vergeltung in Form von massiven Luftangriffen und der gezielten Tötung von ranghohen Hamas‐Offiziellen gedroht hatte. Nachrichtenagenturen berichten, dass einige Blockademaßnahmen des Gazastreifens gelockert wurden und monatliche Geldtransfers aus Katar erlaubt werden.

Die Hamas hatte die Überweisung von
30 Millionen Dollar noch vor dem Beginn
des muslimischen Fastenmonats Ramadan gefordert.

Die Hamas hatte die Überweisung von 30 Millionen Dollar noch vor dem Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan gefordert. Am Dienstag ließ das Außenministerium des arabischen Landes wissen, man habe 480 Millionen Dollar »für die Brüder in Gaza und das Westjor­danland bereitgestellt«.

Zustände »Das Geld bewirkt hoffentlich etwas Gutes«, meint der Bruder von Nadav, Itzik Amar. »Früher habe ich gedacht, sie sollen die Anführer in Gaza kaputt bomben. Dann ist Ruhe.« Doch mittlerweile habe er seine Meinung geändert, denn es habe ja nichts gebracht. »Es sind Menschen, die dort in schlimmen Zuständen leben. Und sicher wollen uns nicht alle töten. Wir müssen dabei helfen, dass es ihnen besser geht. Wenn sie Arbeit und Beschäftigung haben, bauen sie vielleicht keine Raketen.« Man sehe es am Westjor­danland, meint er. »Die Palästinenser dort beschießen uns nicht mit Raketen.« Die Verbesserung der Situation in Gaza sei die einzig wirksame Langzeitlösung. Wenn es aber so weitergehe, sei es schlicht unerträglich.

Düstere Aussagen, die mittlerweile viele Experten teilen. Zumindest, bis eine Lösung am Verhandlungstisch gefunden ist. Während sich Regierungschef Benjamin Netanjahu in den zwei Tagen des Kämpfens so gut wie nicht äußerte, meldeten sich nach dem Waffenstillstand seine neuen Koalitionspartner zu Wort.

Die Verbesserung der Situation in Gaza sei die einzig wirksame Langzeitlösung.

Knesset Der radikale Knessetabgeordnete vom Jüdischen Haus, Bezalel Smotrich, ließ auf Twitter wissen, dass »die Auseinandersetzung mit 700 toten Terroristen hätte enden müssen«. Auch Yair Lapid von der Opposition (Union Blau‐Weiß) ist mit dem Ausgang nicht zufrieden. Er kritisierte den Premier scharf für seine »totale Unterwerfung« gegenüber der Hamas.

Der Chef der Arbeitspartei, Avi Gabbay, begrüßte das Ende der Gewalt zwar, hatte aber scharfe Worte für den Ministerpräsidenten. »Nachdem Netanjahu 20 Jahre lang die Hamas gestärkt hat, entschied er jetzt, auch den Islamischen Dschihad zu unterstützen. Dieser hat an den Verhandlungen in Kairo teilgenommen, als sei er ein gleichberechtigter Partner.« Ohne eine langfristige politische Lösung aber, warnt Gabbay, »ist die nächste Eskalation nur eine Frage der Zeit«.

Eltern Der Ingenieur Itzik Amar lebt in Aschdod und hat ebenfalls das vergangene Wochenende mit seiner Frau und den Kindern Yehali und Jonathan im Schutzraum verbracht. Seine Tochter würde mit achteinhalb Jahren alles genau mitbekommen und verstehen, sagt er. »Sie hatte furchtbare Angst und wollte das Haus nicht mehr verlassen.«

Eine schwierige Situation für die Eltern, die sich sorgen, dass die Angriffe zu psychischen Problemen bei ihren Kindern führen. »Wir wollen nicht weg. Alles ist hier, unsere Familien, Freunde, es ist unser Zuhause. Wir können nur erklären, dass uns im Haus nichts passieren kann und die Soldaten uns beschützen.«

Itzik Amars Tochter hatte furchtbare Angst und wollte das Haus nicht mehr verlassen.

Ganz sicher ist er sich selbst allerdings nicht. »Auf dem Weg vom Supermarkt nach Hause hörte ich plötzlich die Sirene. Ich hielt an und legte mich hinter meinen Wagen in den Schmutz. Der Einschlag war nicht allzu weit entfernt. Ich spürte, wie ich regelrecht vom Boden gedrückt wurde«, erinnert er sich.

Die Sirenen heulten immer wieder auf: sechs‐, sieben‐, achtmal. »Und immer wieder dieses Knallen. Das war die nackte Angst um mein Leben.«

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