Jerusalem

Streiten statt beten

In diesem Bereich soll die Gebetszone für Männer und Frauen eingerichtet werden. Foto: Flash 90

Statt in Stein gemeißelt zu sein, könnte die geplante Reform an der Kotel zum zahnlosen Papiertiger verkommen. Denn nur wenige Tage nach der historischen Entscheidung der Regierung, eine gemischte Zone an der Westmauer in Jerusalems Altstadt einzurichten, in der Frauen und Männer gemeinsam beten dürfen, wird der Plan von ganz verschiedenen Interessengruppen förmlich in der Luft zerrissen.

Mit 15 zu fünf Stimmen hatte das Kabinett die Neuerung verabschiedet, die für die nicht-orthodoxen jüdischen Gemeinden aus dem In- und Ausland extrem bedeutsam ist. Bislang gilt strikte Geschlechtertrennung. Nicht einmal anschauen dürfen sich Männer und Frauen durch die blickdichten Zäune der voneinander abgetrennten Gelände.

Der Plan beendet einen Jahrzehnte andauernden Streit zwischen Reform- und konservativen Juden auf der einen sowie dem ultraorthodoxen Establishment, das die Kotel verwaltet, auf der anderen Seite. Ausgearbeitet wurde er vom Leiter der Jewish Agency, Natan Sharansky, und dem damaligen Kabinettssekretär Avichai Mandelblit. Reform- und konservative Bewegungen sowie die Aktivistinnen von Woman of the Wall mit ihrer Anführerin Anat Hoffman unterstützten ihn von Anfang an.

Rabbiner Der gemischte Bereich soll am Robinsonbogen am Südende der Mauer eingerichtet werden. Eine willkommene Reform vor allem für die Frauenrechtlerinnen, die lange für einen egalitären Platz am heiligsten Ort des Judentums gekämpft hatten. Und ein riesengroßer Dorn im Auge der extrem Frommen, die jeglichen Vorstoß in Richtung Pluralismus am wichtigsten Ort des gesamten Judentums stets – teils handgreiflich – bekämpft haben.

Die ultraorthodoxe Schas-Partei, die den Religionsminister stellt, will definitiv nicht diejenige sein, die für Reformer und Konservative den Weg an die Kotel ebnet. Doch der Minister hat das letzte Wort. Und David Azoulay hat bereits klargemacht, dass er dafür nicht in die Geschichtsbücher kommen, sondern den Vorschlag an die geistlichen Oberhäupter der Sefardenpartei weiterleiten wird. Und da kann vieles geschehen.

Auch der aschkenasische Oberrabbiner David Lau ist alles andere als begeistert. Vor allem, weil das Oberrabbinat in keiner Weise in die Entscheidung miteinbezogen war. Sein Urteil zu dem Vorhaben ist knapp und unmissverständlich: »Ein Fehler!«

Archäologen Doch sind es mitnichten nur religiöse Hardliner, die das Vorhaben lieber heute als morgen ad acta legen würden. Die regierungstreue Zeitung Israel Hayom schrieb: »Die Gefahr besteht, dass die Neuerung auf endlose Zeit verschoben wird und praktisch für immer in den Aktenschränken verstaubt.«

Denn auch viele renommierte Archäologen äußern ihre Bedenken. Sie gehen davon aus, dass die geplante rund 1000 Quadratmeter große Zone »die für das jüdische Volk bedeutendste archäologische Stätte beschädigen wird«. Neun bekannte Altertumsforscher verfassten einen Brief an Premierminister Benjamin Netanjahu, darunter der Leiter der Ausgrabungen der Tunnel an der Kotel, Dan Bahat, der Chef des Archäologischen Rates in Israel, Ronny Reich, und Eilat Mazar vom Archäologischen Institut der Hebräischen Universität.

Der Bereich im archäologischen Park am Fuße der Westmauer sei ein drastischer und zerstörerischer Schlag gegen die einzige oberirdische Stelle, an der heute noch die Vernichtung des heiligen Ortes zu erkennen ist, argumentiert Mazar. »Genau auf diesen 20 Metern, auf denen die Bet-Plattform errichtet werden soll, liegen die Steine, die von der Destruktion zeugen, als der Tempelberg abgerissen wurde.«

Imame Und auch der Waqf mischt sich ein. Die islamische Stiftung, die die muslimischen Heiligtümer rund um die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg verwaltet, will ebenfalls keinerlei Änderungen akzeptieren. Und zwar mit dem fadenscheinigen Argument: »Der Plan ändert den Status quo und wird die gesamte Gegend judaisieren«, so der Waqf. Und wenn sich zudem Jordanien zu Wort meldet, wie bereits zuvor im Fall der brüchigen Mughrabi-Brücke, die bis heute nicht renoviert wurde, dann hat das Vorhaben kaum eine Chance, je in die Tat umgesetzt zu werden. Wie die Vergangenheit bereits mehr als einmal gezeigt hat, kann an diesem spannungsgeladenen Ort das Bewegen jedes noch so kleinen Steins zu einem massiven Gewaltausbruch führen.

Doch selbst einige Aktivistinnen sprechen sich gegen den Plan aus. Eine Splittergruppe, die sich »Original Women of the Wall« nennt, meint, dass ihr Begehren, als Frauen mit Torarolle und Gebetsschals an der Kotel zu beten, durch eine abgetrennte Plattform gerade nicht möglich gemacht wird. Obwohl Anat Hoffman die Einwände dieser Frauen versteht, macht sie klar, dass es nicht mehr darum gehe, im sprichwörtlichen Bus nicht mehr nur hinten zu sitzen: »Denn wir bekommen einen ganz eigenen Bus. Und zwar einen mit vollem Tank.«

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