Tel Aviv

Strandblick ohne Schandfleck

Das Areal des berühmten Architekten Yaakov Rechter wurde von der Bevölkerung nie richtig angenommen. Foto: Sabine Brandes

Sie ragen wie Pilze aus dem Boden. Giftige. Unter diesen Sonnenschirmen aus grauem Beton findet kaum jemand mehr Schatten. Stattdessen suchen jene, die sich auf den Kikar Atarim verirren, meist schnell das Weite. Dabei ist der Platz direkt am Meer eine Top-Adresse in einer der teuersten Metropolen der Welt: Tel Aviv. Nach einem Jahrzehnt der Beratungen könnte die Erneuerung des Platzes in die Tat umgesetzt werden. Ein freier Blick aufs Meer ist das Ziel.

Zumindest, wenn es nach einer Initiative von Anwohnern geht. Die meisten von ihnen wohnen auf dem charmanten Ben-Gurion-Boulevard, wo auch das Stadthäuschen des Namensgebers und Staatsgründers liegt. Die Menschen hier wollen vor allem eines: Zugang zum Strand und den Blick auf das Meer, das praktisch vor ihrer Haustür liegt.

plateau Momentan ist der Strand allerdings noch verbaut. Denn der Platz ist nicht nur hässliches Sammelsurium aus Beton-­Ungetümen wie Treppen, Pavillons, Ti­schen, Bänken und Blumenkübeln, sondern liegt zudem auf einem Plateau über dem Straßenniveau. Geplant vom berühmten und ausgezeichneten israelischen Architekten Yaakov Rechter im damals modernen Stil des Brutalismus wurde er 1975 fertiggestellt.

Der Platz ist ein hässliches Sammelsurium aus Beton­-Ungetümen wie Treppen, Pavillons, Ti­schen, Bänken und Blumenkübeln

Eigentlich sollte er den Flanierboulevard Ben-Gurion mit der Promenade am Strand verbinden und gleichzeitig zum Verweilen und Ausgehen einladen. Geschäftsarkaden, Pavillons mit Cafés, halbrunde Bänke und Tische mit eingravierten Brettspielen sowie ein großer Hotelkomplex versprachen viel. Und hielten nichts.

verfall Zwar war der Kikar Atarim Anfang der 80er-Jahre mit der größten Diskothek im Nahen Osten, dem Kolosseum, einer der bekanntesten Plätze der Stadt. Wirklich angenommen wurde er von der Bevölkerung dennoch nicht. Kurz nach Schließung des Tanztempels, der in einer gläsernen Rotunde untergebracht war, verfiel der Platz in rasanter Geschwindigkeit.

Als sich kriminelle Banden in den Läden einnisteten und Schutzgeld erpressten, verzog sich ein anständiger Inhaber nach dem anderen. Da konnte auch die 1A-Lage nicht mehr helfen. Eine der prominentesten Gegenden verkam zum städtischen Schandfleck Nummer eins. Heute stehen fast alle Läden leer, der Platz ist gänzlich verwahrlost.

Jahrzehntelang sagte die Stadtverwaltung zur Zukunft des urbanen Fleckens kein Wort. Sogar als vor wenigen Jahren die Strandpromenade von Nord nach Süd neu gestaltet wurde, blieb der Platz verwaist. Im Laufe der Jahre wurden immer wieder Entwicklungspläne vorgelegt, aber keiner erhielt grünes Licht für den Bau.

sanierung Doch jetzt scheint es Bewegung zu geben. Vor Kurzem genehmigte der Planungs- und Bauausschuss der Stadt die Prüfung eines Sanierungsvorhabens. Demzufolge soll der gesamte Platz mit den angrenzenden Gebäuden abgerissen werden und ein komplett neuer Komplex entstehen. Abgesenkt, um mit der Umgebung auf gleicher Ebene zu liegen und den Blick vom Boulevard auf das Meer nicht mehr zu trüben.

Zwei 25-stöckige Türme mit einer Fläche von 65.000 Quadratmetern sowie ein weiteres Gebäude mit sechs Etagen und einer Fläche von 4800 Quadratmetern sollen zudem einen Großteil des Areals füllen und zu einer Kombination aus Wohnungen sowie Hotel- und Gewerbeflächen verschmelzen.

Die Planer argumentieren, dass der Platz »in seinem gegenwärtigen Zustand den städtischen Fluss des Gebietes stört und die Neuentwicklung nicht nur Stadterneuerung, sondern auch Wohnraum bieten könnte«. Zwar dürfte der nur für die wenigsten erschwinglich sein, denn ein Apartment mit Blick aufs Meer in Tel Aviv kostet mehrere Millionen Euro, doch der Vorschlag eines Korridors von etwa 10.000 Quadratmetern durch die Mitte des Platzes würde es allen anderen ermöglichen, zumindest zur Strandpromenade zu gehen oder zu schauen.

verein Doch der Verein »No Towers on Kikar Atarim«, der hauptsächlich aus Anwohnern und Umweltschützern besteht, argumentiert, dass der Plan die Küste nicht schütze und mit den Hochhäusern sowohl den Blick aufs Meer verbaue als auch die Skyline verschandle.

Eine Gruppe meint, der Platz sei ein Weltklasse-Beispiel brutalistischer Architektur.

Eine weitere Gruppe lehnt den Neubauplan aus ganz anderem Grund ab: Sie spricht sich für die Wertschätzung brutalistischer Architektur aus und argumentiert, dass der Platz ein »Weltklasse-Beispiel dieses architektonischen Stils ist und man sich daher auf die Erhaltung der aktuellen Gebäude konzentrieren sollte«.

genehmigung Wie alle Pläne zuvor wird der neue Plan einem langwierigen Genehmigungsprozess ausgesetzt sein, der mit Abrissbirnen und Baugenehmigungen enden kann – oder nicht. Doch es scheint, als wolle die Verwaltung diesmal Nägel mit Köpfen machen. Sie begründet die Annahme des Planes zur Prüfung damit, dass die derzeitige Situation »nachteilig« sei, »vor allem, weil der Platz nicht mit dem städtischen Konzept für Küste und öffentlichen Raum übereinstimmt«.

»Und das merken sie erst jetzt?«, sagt Dor Baron abfällig, der mit seinem Surfbrett unter dem Arm hastig über den Platz läuft. »Um das zu erkennen, muss man kein Städteplaner sein. Ich gehe nur deshalb hier lang, weil ich auf der einen Seite wohne und auf der anderen das Meer ist. Ansonsten meide ich den Platz, weil er ganz und gar schrecklich ist.«
Es sei längst überfällig, dass hier etwas Neues entstehe, meint er. »Am besten wäre es natürlich, wenn der Strand sichtbar und frei zugänglich wäre. Aber ganz ehrlich, fast alles ist besser als das hier.«

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