Wahl

Söhne an die Macht

Väterlicher Segen: die Rabbiner Ovadia Yosef (M.), David Lau (l.), Yitzhak Yosef (r.) Foto: Flash 90

Das Rennen der Rabbiner ist entschieden – zugunsten der Ultraorthodoxie. Nach einem Wahlkampf der Gerüchte und gegenseitigen Verwünschungen gab das Wahlkomitee in der vergangenen Woche die Namen der zwei neuen Männer an der Spitze des israelischen Oberrabbinats bekannt. Es sind Rabbiner David Lau für die Aschkenasen und Rabbiner Yitzhak Yosef für die Sefarden. Die 150 Wahlberechtigten kamen aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens. Es waren Bürgermeister, religiöse Autoritäten, Knessetabgeordnete, Richter und Bürgervertreter.

Beide Wahlsieger sind Söhne ehemaliger Oberrabbiner: Lau ist der Sprössling von Yisrael Meir Lau, der das Amt von 1993 bis 2003 innehatte, Yosef der Sohn von Schas‐Oberhaupt Ovadia Yosef. Lau löst den Aschkenasen Yona Metzger ab, Yosef junior Rabbiner Schlomo Amar. Obwohl die Kritik an der Rückständigkeit der religiösen Institution in der Bevölkerung immer lauter wird, sind damit zwei Vertreter des Mainstreams des ultraorthodoxen Judentums gewählt worden.

Status quo Experten gehen davon aus, dass der Status quo somit gewahrt bleibt und es keine wirklichen Änderungen geben wird. Das Oberrabbinat hält seit der Staatsgründung vor 65 Jahren das Monopol über Heirat und Bestattungen im Judentum, die Kaschrut und das landwirtschaftliche Religionsgesetz Schmita. Ein Umstand, der bei immer mehr Israelis – religiösen wie säkularen – für großen Unmut sorgt. Ein Viertel aller Menschen, die durchaus im Land heiraten könnten, zieht es ins Ausland, um den Bund der Ehe zu schließen – einzig, weil sie sich dem strikten Diktat des Oberrabbinats nicht unterwerfen wollen.

Dabei hatte ein Querdenker, der nationalreligiöse David Stav, lange als Favorit für den Posten des aschkenasischen Oberhauptes gegolten und Hoffnungen bei Reformwilligen geweckt. Stav hatte sich auf die Fahnen geschrieben, das »antiquierte Oberrabbinat ins 21. Jahrhundert zu holen und für die Israelis zugänglicher zu machen«. Lau verwies ihn bei der Wahl auf Platz zwei.

Stav war auch Favorit vieler amerikanischer Juden gewesen. Die haben zwar keinen Einfluss auf die Wahl, verfolgen sie jedoch traditionell mit großem Interesse. Zwei US‐Rabbiner äußerten sich in der Zeitung Haaretz: Steven Wernick, Leiter der Vereinten Synagoge des konservativen Judentums, meinte, es gehe gar nicht mehr darum, wer dem Oberrabbinat vorstehe, denn es habe sich selbst überlebt. »Seine Funktion ist erledigt, es muss abgeschafft werden. Israel muss die Verbindung zwischen Judentum und jüdischem Staat neu verhandeln.«

Ähnlich sieht es der Präsident der Reformjuden, Rabbiner Rick Jacobs: »Ich glaube, das Oberrabbinat sollte einfach nicht existieren. Es hat einen negativen Einfluss auf das Judentum, auf die Art, wie die Gemeinschaft Judentum versteht, und auf den Staat Israel.«

Hausarrest Kurz vor der Wahl hatte der noch amtierende Yona Metzger für negative Schlagzeilen gesorgt. Er musste sich wegen Korruptionsverdachts vor den Behörden verantworten und befindet sich derzeit noch immer unter Hausarrest. Die Beweise scheinen erdrückend. Metzger wird unter anderem verdächtigt, gemeinsam mit zwei Komplizen Spenden veruntreut zu haben.

Der Vater des sefardischen Siegers, das geistige Oberhaupt der Sefarden, Rabbiner Ovadia Yosef, hat ein riesiges Machtzentrum aufgebaut: die Schas‐Partei. Kommentatoren in israelischen Medien gehen davon aus, dass der Wahlsieg von Yosefs Sohn der Partei, die derzeit nicht an der Regierung beteiligt ist, erheblichen Aufwind geben wird. Und das, obwohl Schas immer wieder durch Korruptionsverfahren auffällt. Viele der Top‐Leute in der Partei landeten bereits hinter Gittern: Arieh Deri, Schlomo Ben Itzri und Jair Levi.

Zu viel Dreck am Stecken hatte für das Wahlkomitee der Rabbiner der Stadt Safed, Schmuel Eliahu. Er war in der Vergangenheit mehrfach durch rassistische Äußerungen in die Schlagzeilen geraten und blieb bei der Wahl chancenlos. Noch während der Stimmabgabe protestierten Menschen vor dem Jerusalemer Hotel, in dem die Wahl stattfand, gegen Eliahus Teilnahme.

verlierer Noch vor dem entscheidenden Abend hatte sich Kandidat Lau in der New York Times geäußert: »Ich vertrete alle möglichen Gruppen. Man soll einen Rabbiner haben, der mit anderen Rabbinern reden kann und sie nicht bekämpft.« Er wolle das Rabbinat zu einer Institution machen, die die Menschen willkommen heißt. Nähere Ausführungen machte Lau nicht. Nach seinem Wahlsieg dankte er im israelischen Fernsehen seinem Vater für die vorbildliche Erziehung, die zu seinem Erfolg beigetragen habe.

Quer durch das israelische Medienspektrum gibt es wenig Frohlocken über die neuen Oberrabbiner. Kommentator Yoaz Hendel von der Tageszeitung Yedioth Ahronoth etwa befand, dass es eigentlich keine Gewinner, sondern lediglich Verlierer gebe. »Diese Wahl wird die letzte gewesen sein«, prophezeite Hendel. »So sieht eine religiöse Organisation kurz vor ihrem Zerfall aus: Dutzende von Machern und Handlangern, PR‐Leute und anonym gewählte Offizielle, die ihr blaues Blut und ihre Weisheit von ihren Vätern geerbt haben – und nicht vom Vater im Himmel.«

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