Konsum

Shoppen in Guangzhou

Es gibt sie in allen Farben des Regenbogens, zusätzlich in glänzendem Gold und Silber. Michal Bitan rät ab. »Zu grell.« Doch an der nächsten Wand für Badezimmer-Mosaike werden die beiden Frauen fündig und greifen zu. Block und Stift gezückt, Nummer notiert – weiter geht es. Bitan ist Innenarchitektin und gemeinsam mit ihrer Kundin in China, um für deren Hausrenovierung einzukaufen. Zehn Tage auf Shoppingtrip. Immer mehr Israelis sparen sich teure Zwischenhändler und fliegen selbst ins Reich der Mitte, um von den günstigen Preisen und der riesigen Auswahl zu profitieren.

Ob Neubau oder Renovierung, die Reisen sind der neueste Shoppingtrend in Israel: Vor allem beim Kauf von Möbeln, Baustoffen und Gegenständen für die Inneneinrichtung soll gespart werden. Doch es müsse ein relativ großes Projekt sein, gibt Bitan zu bedenken. »Für ein kleines Apartment oder die Renovierung eines einzigen Badezimmers beispielsweise lohnt es sich nicht.«

Bitans Kundin lässt gerade ein 240-Quadratmeter-Haus von Grund auf renovieren. Bis auf die Außenmauern, Fenster und Türen blieb nicht viel stehen, von der Küche über die Bäder bis zum Schwimmbecken im Garten soll bald alles neu erstrahlen. Dafür gingen die beiden Frauen in der Sechs-Millionen-Metropole Guangzhou auf Schnäppchenjagd – hier eine Armatur, dort ein Toilettensitz, da eine Küchenzeile. Und staunten mehrfach ob der »unglaublich günstigen Preise«. Bitan: »Bei Fliesen spart man vielleicht 30 Prozent, bei Möbeln ist es schon die Hälfte, Lampen und Ähnliches kosten weniger als ein Drittel. Es ist der totale Wahnsinn.« Allerdings verliere man bei der Auswahl und Größe der Geschäfte schnell den Überblick.

Agenten Doch dann treten die allseits präsenten Helfer auf den Plan. Denn ganz allein müssen sich die Israelis nicht durch den chinesischen Einkaufsdschungel wuseln. Der Trend zum Einkaufen in Fernost hat einen neuen Beruf mit sich gebracht: den des Shopping-Agenten. Vom Fahrer über den Dolmetscher bis zu Adressen der Geschäfte, Fabriken und Restaurants für den Abend nach dem Einkauf bieten diese Agenturen ein Rundumpaket für ihre Klienten.

Schai Safran ist Miteigentümer der Agentur Basini, die Einkaufstouren nach China für Privatpersonen organisiert. Basini habe 40 Jahre Erfahrungen mit dem Bau von Privathäusern und große Insider-Kenntnis des chinesischen Geschäftsgebarens, preist die Website an. Safran ist überzeugt, dass die Reisen eine großartige Sache sind, die sich in den kommenden Jahren noch weiterentwickeln wird. Die soliden politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Staaten belebten das Geschäft und würden den Israelis zudem ein sicheres Gefühl bei der Reise geben.

Investition »Es ist eine fantastische Idee«, meint er. »Man fliegt in ein fernes Land, lernt die wundervollen Menschen und die interessante chinesische Kultur kennen und geht obendrein einkaufen, um zu sparen. Alle, die diese Tour gemacht haben, waren begeistert.« Und mittlerweile weiß der Einkaufsorganisator aus Erfahrung, dass die Einsparungen beträchtlich sind. Vor allem beim Möbelkauf könnten die Kunden 40 Prozent und mehr sparen. »Da lohnt sich die Investition der Reisekosten allemal.«

Bitan vom Designbüro »Chilogia« bestätigt das. Ihre Kundin habe 120.000 Schekel (24.000 Euro) der veranschlagten Summe nicht ausgegeben, das sind rund 50 Prozent. »Und das ist kein Schätzwert«, wie die Innenarchitektin klarmacht. »Wir haben Preislisten aus Israel mitgenommen und jedes einzelne Teil verglichen. Die Summe ist real.« Dabei seien sämtliche Einfuhrgebühren, Reisekosten und ihr Honorar bereits abgezogen.

Spezialisierung Ein Architektenkollege von Bitan baut Altenheime im ganzen Land mit Tausenden von Wohnungen. Gemeinsam mit einer Designerin flog er nach China, um sämtliche Möbel persönlich bei den Fabriken zu bestellen. »Und hat so wahrscheinlich Millionen gespart.«

Bitan hat vor, sich auf Reisen dieser Art zu spezialisieren. »Sparen wird immer wichtiger in der ganzen Welt und besonders in Israel. Doch natürlich wollen sich die Menschen nach wie vor schöne Dinge leisten, wenn sie ein neues Haus bauen.« Sie hat vor, zukünftig auch Kunden von kleineren Projekten in den Genuss des billigen Einkaufens kommen zu lassen. Dafür hat sie eine Idee: »Ich werde Gruppentouren organisieren, bei denen man in Doppelzimmern wohnt, sich Fahrer und Dolmetscher teilt und vielleicht sogar beim Kauf der Produkte Mengenrabatt bekommt.«

Kaufrausch Oft erfüllten sich die Hauseigentümer mithilfe des gesparten Geldes extravagante Wünsche. Wie Bitans Kundin, die prompt statt der geplanten Badewanne einen Whirlpool der Superklasse bestellte und ihren Kindern einen echten Billardtisch als Mitbringsel versprach. Der Fantasie sind bei der überdimensionalen Auswahl wenig Grenzen gesetzt. Allerdings dürfe man bei so einer Reise nicht träge sein. »Die Einkaufszentren und Fabriken sind so unvorstellbar groß, man rennt ständig hin und her und merkt gar nicht, wie viele Kilometer man täglich zurücklegt«, erzählt Bitan und schmunzelt. »Am besten trägt man sehr gute Laufschuhe, sonst kann man schnell gar nichts mehr einkaufen.«

Und noch eine Gefahr bergen die Shoppingtrips: »Passt man nicht auf, verliert man sich völlig im Kaufrausch. Hier noch eine Lampe, weil sie so günstig ist, dort noch ein schönes Accessoire, das es in der Heimat nicht gibt …« Wer wirklich sparen will, sollte das aber nicht tun, sondern anhand von detaillierten Listen vorgehen, betont die Fachfrau. »Denn sonst sind aus den eingesparten 100.000 Schekeln im Portemonnaie ganz schnell nur noch 100 geworden.«

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