Urteil

Shoppen am Schabbat

Muss nicht schließen: Filiale der Kette am:pm in Tel Aviv Foto: Flash 90

In der Aroma‐Filiale mit Blick aufs Meer herrscht Hochbetrieb. Hungrig vom Shoppen und Schlendern, stehen die Leute Schlange, um eine Mittagspause einzulegen. Neben den Tischen sind die zahllosen Tüten mit den Logos weltweit bekannter Marken nicht zu übersehen. Es ist Schabbat – doch hier, im Namal, einer der beliebtesten Einkaufsmeilen von Tel Aviv, gibt es keinen Ruhetag.

Vergangene Woche hatte das Oberste Gericht nach dreijährigem Rechtsstreit entschieden, dass rund 160 Kioske und Minimärkte sowie drei große Unterhaltungs‐ und Einkaufskomplexe in Tel Aviv auch am Schabbat geöffnet sein dürfen. Es ist ein wegweisendes Urteil. Denn neben der Detail‐Entscheidung erklärten die Richter, dass die Stadtverwaltung auch weiterhin unter bestimmten Voraussetzungen die Erlaubnis zur Öffnung am Schabbat geben darf.

Der ultraorthodoxe Innenminister Arie Deri hatte versucht, die Verantwortung dafür seinem Ministerium zu unterstellen. Zuvor hatten sich drei Innenminister – Deri selbst während seiner ersten Amtszeit, Silvan Shalom und Gideon Saar – geweigert, in dieser Angelegenheit zu entscheiden.

zeit »Ich bin heute hier, weil es der einzige Tag der Woche ist, an dem ich genug Zeit habe, um einzukaufen«, sagt Liat Landau, während sie bei Castro am Namal nach einer passenden Bluse sucht. »Ich bin in einer Start‐up‐Firma angestellt und arbeite oft sehr lang. Freitag muss ich für das Abendessen einkaufen und alles zubereiten. Ich finde es gut, dass es diese Gegenden in der Stadt gibt, in denen man samstags shoppen kann«, sagt die 30‐Jährige, die aus einer religiösen Familie stammt.

»Meine Eltern würden den heiligen Tag nie brechen und mögen es nicht, wenn ich sage: ›Der Schabbat ist zum Shoppen da‹. Aber die Zeiten ändern sich, ich bin darauf angewiesen, dass ich irgendwann in die Läden gehen kann. Es wird schließlich erwartet, dass ich im Job immer perfekt gestylt bin.« Sie sei sehr gern hier, gibt aber zu: »Meine Eltern machen einen Riesenbogen um diese Gegenden.«

Das Gesetz besagt, dass alles am Schabbat geschlossen sein muss, mit Ausnahme von Unterhaltungsgeschäften, Restaurants und Notfalldiensten wie Apotheken. Die liberale Stadtverwaltung von Tel Aviv wollte sich daran nicht halten und erließ eine Umgehungs‐Gesetzgebung. Seit 2014 jedoch setzten verschiedene religiöse Politiker die Verwaltung unter Druck und zogen vor das Oberste Gericht. Das entschied damals, dass Tel Aviv seine Umgehungsregelung neu formulieren oder das allgemeine Gesetz anwenden muss. Also schlugen Huldai und seine Ratsmitglieder vor, dass 164 Minimärkte und Kioske, die nicht größer sind als 500 Quadratmeter, ihre Pforten öffnen dürfen. Und dieses Mal besiegelten die Richter es mit dem Hammerschlag.

filialen Mittlerweile gehören diverse Supermärkte der am‐pm‐Kette sowie die nicht‐koscheren Filialen von Tiv Taam zum Händlerangebot am Schabbat. Außerdem sind die drei abgetrennten Gegenden des Hafens im Norden (Namal), des Hafens in Jaffa sowie der Einkaufs‐ und Vergnügungspark Hatachana im Süden der Stadt geöffnet.

Der Bürgermeister der größtenteils säkularen Stadt, Ron Huldai, lobte die Richter. »Es ist ein faires Urteil. Wie ich schon vor Jahren gesagt habe, ist Tel Aviv frei und bleibt auch weiterhin frei.« Jahrelang hatte seine Verwaltung darum gekämpft, Läden auch am Samstag öffnen zu dürfen, und betont, man werde »der Erpressung von Religiösen« nicht nachgeben.

Der Innenminister von der streng religiösen Schas‐Partei kocht derweil vor Wut. Ihm sind die Shopping‐Exzesse der Tel Aviver schon lange ein Dorn im Auge. Er verurteilte die Entscheidung und fordert nun, dass ein breiteres Panel von Richtern, dem seiner Meinung nach auch Religiöse angehören müssen, neu urteilt. »Ich bedaure sehr, dass das Oberste Gericht die Meinung des Innenministers nicht akzeptiert und ihn auch nicht anhört«, schimpfte er. Er verlangt ein Eingreifen von Generalstaatsanwalt Avichai Mandelblit und Premier Benjamin Netanjahu. Die jedoch äußerten sich bislang nicht.

Gesetze Der Vorsitzende der Partei Vereinigtes Tora‐Judentum, Gesundheitsminister Yaakov Litzman, meldete sich zu Wort: »Es bleibt uns damit keine andere Möglichkeit, als neue Gesetze zu erlassen, die dieses Urteil umgehen. Denn es entweiht den heiligen Schabbat und beschädigt den jüdischen Charakter des Staates Israel.«

Das aber sei gerade nicht der Fall, so die drei Richter. »Da die Zahl der Geschäfte sehr begrenzt ist, wird der einzigartige Charakter des Schabbat bewahrt«, schrieb Gerichtspräsidentin Miriam Naor, die zuvor die Regierungspetition nach einer Verlängerung von drei Monaten abgelehnt hatte. Die Umgehungsregelung der Tel Aviver Verwaltung sei »verhältnismäßig«.

Die Chefin der Linkspartei Meretz, Zehava Galon, betont die Bedeutung des Urteils: »Es ist eine wichtige Bestätigung der Autorität der Tel Aviver Bürger, die auf demokratischem Weg selbst bestimmen können. Vernunft hat über jene gesiegt, die einen theokratischen Staat schaffen wollen.«

morgengebet Elior Elias wohnt im Süden der Stadt und kommt nach dem Morgengebet am Samstag aus der kleinen Synagoge im Viertel Neve Zedek. Unter dem Arm das Gebetbuch, auf dem Kopf eine weiße Kippa. Vom Gerichtsurteil gehört hat er nicht, »aber es käme mir nie in den Sinn, den heiligen Ruhetag zu brechen, um einzukaufen«.

Ob es ihn stört, wenn andere es tun? »Nein, das tut es nicht. Natürlich wäre es schön, wenn alle Juden den Schabbat einhalten würden, aber ich bin kein Extremist, sondern Realist. Ich denke, jeder sollte nach seiner Fasson leben. Es gibt in diesem Land religiöse und säkulare Einwohner, niemand sollte dem anderen vorschreiben, wie er zu leben hat.«

In Jerusalem indes geht der Streit um das Shoppen am Schabbat weiter. Da es in dieser Stadt eine Mehrheit von religiösen Bewohnern gibt, ist die Zahl der Geschäfte, die am Ruhetag öffnen, äußerst gering. Sieben Läden im Zentrum wollen dennoch daran festhalten. Ihnen hatte der säkulare Bürgermeister Nir Barkat drakonische Strafen angedroht, sollten sie am Schabbat nicht schließen. Doch vier der Läden schalteten einen Rechtsanwalt ein und wollen vor Gericht ziehen.

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