Breaking the Silence

Schockieren statt erklären

Anfang Juni zeigte »Breaking the Silence« eine Ausstellung mit Berichten israelischer Soldaten über ihren Einsatz im Westjordanland im Kulturhaus Helferei in Zürich. Foto: Reuters

Vor einiger Zeit sorgte ein Bericht der israelischen Organisation »Breaking the Silence« in den USA und Europa für Schlagzeilen. Es ging darin um den GazaKrieg von 2014. Die Überschrift in der Washington Post war dabei durchaus repräsentativ: »Neuer Bericht beschreibt, wie israelische Soldaten Zivilisten in Gaza töteten: ›Es gab keine Regeln‹«. Dieser Bericht ist eine nähere Betrachtung wert, denn es wird weitere Kämpfe um Gaza geben, weitere Berichte und weitere Schlagzeilen – und es kommt darauf an, zu verstehen, woher eigentlich die Informationen kommen, auf denen die öffentliche Meinung zum israelisch‐palästinensischen Konflikt beruht.

Schauen wir uns zunächst den Bericht selbst an. Breaking the Silence, meist beschrieben als israelische Veteranen‐Organisation, beschreibt seine Ziele so: »die israelische Öffentlichkeit mit der Realität des täglichen Lebens in den besetzten Gebieten zu konfrontieren«. In den vergangenen Jahren hat die Gruppe ihr selbst gesetztes Mandat auf die israelische Kriegsführung im Allgemeinen ausgeweitet. Für ihren jüngsten Bericht, veröffentlicht sowohl auf Hebräisch als auch auf Englisch, wurden »mehr als 60« Soldaten befragt. Namen oder Interviewdaten erfährt man nicht. In den meisten Fällen erfährt man nur Rang und Truppengattung (etwa Infanterie oder Panzerregiment), manchmal nicht einmal das.

Sorgfalt Die Erzählungen der Soldaten sind interessant und bieten einen düsteren, persönlichen, oft erschreckenden Blick auf die Art und Weise der Kriegsführung, wie sie im 21. Jahrhundert üblich geworden ist, und den Tribut, den sie von Kombattanten wie Zivilisten fordert. Wer den Bericht auf Englisch liest, wird feststellen, dass der Übersetzer an manchen Stellen hätte sorgfältiger sein können. So verwechselt er etwa einen Zugtrupp mit einer Division, Mörsergranaten mit Artilleriegeschützen, und glaubt, eine M16 ließe sich auf einen Panzer montieren.

Doch es gibt ein viel schwerwiegenderes Problem. Der Bericht verspricht, das Schweigen über die zivilen Opfer systematischer israelischer Kriegsverbrechen in Gaza aufzudecken, und veröffentlicht zu diesem Zweck die belastendsten Zitate aus sehr viel längeren Interviews. Doch selbst damit erreicht der Bericht seinen Zweck nicht.

Vielleicht deswegen haben die Autoren, anstatt ihren Lesern die kompletten Interviews zu präsentieren und sie ihre eigenen Schlüsse ziehen zu lassen, ihrem Bericht eine hitzige Einleitung vorangestellt, in der sie versprechen, das wahre Gesicht des Gaza‐Einsatzes zu »entlarven« – namentlich die »verstörende« und »beispiellose« Gewalt gegen Zivilisten durch die israelische Armee. Das ist wohl auch der Grund, warum die einzelnen Kapitel Überschriften tragen wie »Wenn du in Gaza jemanden erschießt, ist das cool, keine große Sache« oder »Diese Jungs hatten ständig den Finger am Abzug, völlig durchgeknallt«.

Die Autoren wollen den Leser glauben machen, es habe in Gaza »keine Regeln« gegeben und als habe die IDF das Leben von Zivilisten grundsätzlich missachtet. Tatsächlich zeigen aber die Interviews selbst, dass die Armee zahlreiche Schritte unternommen hat, um Zivilisten zu schützen. Die befragen Soldaten erwähnen regelmäßig warnende Flugblätter, Scheinmunition zur Warnung vor einem tatsächlichen Angriff, Warnanrufe, Warnraketen, Warnschüsse, Listen von Schutzgebieten wie etwa UN‐Einrichtungen, Drohnen, die Gebiete vor einem Angriff nach Zivilisten absuchen, und anderes.

Alle Vorgänge, die in dem Bericht beschrieben werden, fanden in Gegenden statt, in denen die Armee die Zivilbevölkerung (und damit natürlich auch die Hamas‐Kämpfer) bereits vor dem Anrücken von Soldaten gewarnt hatte. Es ist bezeichnend, dass alle befragten Soldaten diese Maßnahmen der Armee als selbstverständlich voraussetzen, als wären sie international üblich, obwohl sie doch in weiten Teilen eine Besonderheit der israelischen Armee sind.

Glaubwürdigkeit Wir begegnen in dem Bericht vorbildlichem Verhalten, abschreckendem Verhalten und zwei oder drei Vorkommnissen, die eine Anklage rechtfertigen würden. Einmal beschreibt ein Soldat, wie er mit seinem Panzer ohne jeden Grund auf zivile Fahrzeuge und einen Radfahrer schießt. Dafür sollte er ruhig für einige Jahre ins Gefängnis wandern. Falls es denn stimmt. Denn dieser Bericht erscheint mir weniger glaubwürdig als alle anderen. Nicht, weil ich grundsätzlich an der grundsätzlichen Bereitschaft eines Teenager‐Soldaten zu sinnloser Grausamkeit zweifeln würde, sondern weil ich es für sehr unwahrscheinlich halte, dass jemand mehrfaches Panzerfeuer auf leichte Ziele abgeben kann, ohne ein einziges Mal zu treffen – das behauptet er nämlich.

Selbst wenn die Geschichte stimmt, wurde in diesem Fall niemand getötet. Mehr noch, nirgendwo in dem gesamten Bericht liest man von Vergewaltigungen, Massakern oder ähnlichen Kriegsverbrechen. Alle Fälle, in denen tatsächlich Zivilisten erschossen wurden, fanden unter Umständen statt, in denen sie als verständlicher Irrtum betrachtet werden können – immerhin handelt es sich um eine Kampfsituation, in der sich selbst eine Großmutter als Selbstmordattentäterin entpuppen könnte (wie im Jahr 2006 tatsächlich geschehen).

Die Mitglieder von Breaking the Silence sind keine Journalisten, sondern Aktivisten, und ihr Bericht soll nicht erklären, sondern schockieren. Es handelt sich um Propaganda. Das ist in Ordnung, sofern sich der Leser dessen bewusst ist, aber ich vermute, das ist nicht der Fall. Auch stellt sich die Frage, ob die Soldaten, die von Breaking the Silence befragt wurden, überhaupt wussten, dass ihre Aussagen für Stimmungsmache im Ausland benutzt werden würden. Ich kann sie nicht fragen, denn keiner wird namentlich genannt. Aber als jemand, der zahlreiche Soldaten kennt und selbst einer war und weiß, wie kritisch sich viele von ihnen über ihre Armeezeit äußern, glaube ich, sagen zu können, dass die Antwort in den meisten Fällen Nein lautet. Diesen Soldaten war nicht bewusst, mit wem sie da reden und an welchem Projekt sie teilnahmen.

Wenn Breaking the Silence einfach nur das Bild ergänzen oder korrigieren wollten, das der israelischen Öffentlichkeit vom Armeedienst in den Palästinensergebieten geboten wird, würde ich sie unterstützen – in der Vergangenheit habe ich das auch getan. Wie jede Firma oder Regierungsbehörde versteht es natürlich auch die Armee, in ihren öffentlichen Statements zu lügen, und sei es auch nur durch Verschweigen. Über vieles von dem, was passiert, wird nicht berichtet.

Finanzierung Aber es besteht, um einen Ausdruck aus ihrem eigenen Bericht zu verwenden, eine »klaffende Lücke« zwischen dem, was Breaking the Silence zu sein behauptet, und was es tatsächlich ist. Warum investiert eine Gruppe, die angeblich die israelische Öffentlichkeit informieren möchte, so viel Zeit und Aufwand in die englische Übersetzung ihres 237‐seitigen Berichts?

Unter den derzeitigen Geldgebern von Breaking the Silence befinden sich die evangelische NGO DanChurchAid aus Dänemark, die katholische Vereinigung CCFD‐Terre Solidaire aus Frankreich, die Regierungen von Norwegen und der Schweiz sowie viele andere, aber keine Israelis. Das wirft Fragen auf. Finanzieren norwegische Steuerzahler eine Organisation, die zum Beispiel britische Soldaten dazu auffordert, das Fehlverhalten der britischen Armee vor der internationalen Presse aufzudecken? Fragt die Schweiz Soldaten der Hamas danach, was sie falsch gemacht haben?

Die Herkunft der Fördergelder ist keine Nebensache. Sollte die israelische Armee umsetzen, was Breaking the Silence zu fordern scheint – das heißt, weniger Gewalt anzuwenden und ihre Soldaten einem größeren Risiko auszusetzen –, hätte es die Hamas in ihrem Kampf gegen Israel wesentlich leichter, und mehr Israelis würden sterben. Angenommen, die Zahl der israelischen Todesopfer würde sich verdoppeln und die der Hamas halbieren. Israelis fast aller politischen Richtungen fänden das nicht akzeptabel. Aber würden DanChurchAid und die norwegische Regierung das genauso sehen?

Breaking the Silence erhält sein Geld aus dem Ausland, nicht aus Israel, und seine Hauptkundschaft sitzt im Ausland, nicht in Israel. Auf seiner umfangreichen englischsprachigen Website werden jüdische Soldaten für ein internationales Publikum als Paradebeispiele moralischen Versagens vorgeführt – bezahlt von Norwegern, französischen Katholiken und Deutschen. Solange das so ist, fragen sich Israelis völlig zu Recht, wer genau diese Gruppe ist und auf welcher Seite sie steht.

Journalismus Überhaupt kann die Vorstellung, es herrsche »Schweigen« über Israels Taten im Konflikt mit den Palästinensern, nicht ernst genommen werden. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde weltweit wohl über kein Thema so ausgiebig berichtet wie über dieses. Aber über andere Dinge wird geschwiegen, und der Trubel um den jüngsten Bericht von Breaking the Silence bietet eine gute Gelegenheit, darauf hinzuweisen.

In den Jahren vor dem Krieg im letzten Sommer war die Hamas damit beschäftigt, unter Wohngebieten in Gaza ein beeindruckendes Netz von Tunneln zu errichten, von denen etliche unterhalb der Grenze in israelisches Gebiet hineinreichten. Ferner hat sie ihr Raketenarsenal aufgestockt, große Kampftruppen ausgebildet, darunter einen Flottenverband. Hätte man sie weitermachen lassen, hätte das für Tausende Menschen den Tod bedeutet, darunter hauptsächlich Bewohner des Gazastreifens. Die örtlichen Korrespondenten der internationalen Presse haben darüber geschwiegen.

In ihrer Charta behauptet die Hamas ganz offen, dass die Juden die Vereinten Nationen und die Weltpresse beherrschen, für beide Weltkriege, die Französische und die Russische Revolution verantwortlich waren und mithilfe der Freimaurer und des Rotary Club weltweit ihr Zersetzungswerk fortsetzen. Die ungeschriebene Regel der Presse gebietet, darüber Schweigen zu bewahren.

Die massive Berichterstattung über ein Stückchen Agitprop aus einem kleinen Land, das ungeprüfte Nachplappern seiner Behauptungen, ohne jeden Vergleich und Kontext, wirft die Frage auf, was hier eigentlich vor sich geht.

Tonfall Niemand, der sich die kriegs‐ und krisengeschüttelte Welt des Jahres 2015 ansieht, kann noch ernsthaft behaupten, dass über Israel berichtet wird wie über jedes andere Land, dass die Berichterstattung dem Ausmaß der Ereignisse angemessen ist, oder dass der Tonfall moralischer Empörung, der immer hysterischer wird und von den politischen Rändern immer mehr in den Mainstream eindringt, noch in den Bereich des seriösen Journalismus gehört.

In all der vermeintlichen Empörung über den Gazakrieg werden allmählich die Umrisse eines andere Krieges sichtbar. Worum geht es in diesem Krieg? Darüber herrscht wirkliches Schweigen.

Matti Friedman lebt seit 20 Jahren als Journalist und Buchautor in Israel. Dieser Text ist im englischen Original auf der Website mosaicmagazine.com erschienen.

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