Tourismus

Schekel und Pegel

Inseln im Meer: Computersimulation eines der neuen Hotelprojekte Foto: John Horner

Die Natur am Toten Meer ist einmalig in der Welt. Dass Israelreisende sie anschauen wollen, ist verständlich – und vom Jerusalemer Tourismusministerium ausdrücklich erwünscht. Jetzt, nach zwei Jahrzehnten Baustopp, soll es vier neue Hotels mit mehr als 1000 Zimmern geben. Umweltorganisationen meinen jedoch, man müsse sich zunächst um das Überleben des salzigen Sees kümmern. Denn dessen Pegel sinkt jedes Jahr um 1,20 Meter.

Im Januar gaben die israelische Grund- und Bodenbehörde sowie das Tourismusministerium die Gewinner für die Ausschreibung der Hotels sowie des Einkaufs- und Konferenzzentrums bekannt: Fattal Hotels, Elad Hotels, Africa Israel und Barclays Israel.

Die neue Touristengegend wird zwischen Ein Bokek und Hamei Zohar ganz im Süden des Toten Meeres liegen. Dort baut Elad Hotels, das dem Milliardär Yitzhak Tshuva gehört, zwei Hotels: eines an der Küste mit 253 Zimmern sowie einen Luxuskomplex mit mehr als 330 Zimmern und einem Spa als schwimmende Insel auf dem Wasser. Africa Israel darf ein Haus mit 220 Zimmern in Hamei Zohar bauen. Fattal erhielt den Zuschlag für die Küste und will dort ein 198-Zimmer-Hotel errichten.

UMWELT Alle sind verpflichtet, auch »grüne Zimmer« einzubinden, sie also in umweltfreundlicher Bauweise zu gestalten. Doch die Zahl liegt pro Haus bei weniger als zehn Prozent. Und innerhalb von sechs Jahren muss alles fertig sein.

Die neuen Hotels sind Teil des Projekts, das das Tourismusministerium seit einigen Jahren vorantreibt. Erst kürzlich wurden eine vier Kilometer lange Promenade und ein neues Einkaufszentrum in Ein Bokek am südlichen Zipfel fertiggestellt.

»Wir schreiten voran mit der Tourismusrevolution am Toten Meer und machen es zu einer ganz besonderen und modernen Attraktion«, frohlockte Tourismusminister Yariv Levin bei der Veröffentlichung. »Dies wird ein großer Schritt in Richtung eines dramatischen Wandels in der Region sein.« Die Unternehmen, die den Zuschlag erhalten haben, hätten enorme Erfahung und einen hervorragenden Ruf, »und ich bin sicher, dass sie auf großartige Weise zur Dynamik des Tourismus beitragen«.

Der Generaldirektor des Ministeriums, Amir Halevy, arbeitet eifrig daran, Touristenmassen ans Tote Meer zu bringen. Derzeit ist es die Region, in der die Hotels am höchsten ausgelastet sind. Zwar sank die Auslastung in den vergangenen Jahren, doch liegt sie immer noch bei 72 Prozent.

Weil Lebensgefahr besteht, sind viele Strände heute menschenleer und verriegelt.

Halevy ist verantwortlich für die Billigflieger, die dank des neuen Flughafens in Eilat aus Europa direkt in die Wüste fliegen. Er hätte es gern, dass die Gäste nach einem Aufenthalt am Roten Meer auch einen Abstecher zum Toten Meer machen.

Zumindest, solange es das noch gibt. Denn die Lage des Gewässers zwischen Israel, den Palästinensergebieten und Jordanien macht die Rettung zu einem Politikum. Statt sich zu einigen, zerstritt man sich in den vergangenen Jahren immer mehr.

Viele Strände, an denen sich vor nicht allzu langer Zeit Gäste tummelten, sind heute menschenleer und verriegelt, weil durch Senklöcher Lebensgefahr besteht. Diese oft metertiefen und -breiten Krater tun sich oft plötzlich auf, weil durch den Rückzug des Wassers unterhalb der Erdoberfläche Hohlräume entstehen. Eine massive Schädigung des einzigartigen Sees am tiefsten Punkt der Erde, 429 Meter unter dem Meeresspiegel, ist die Ursache.

»Es werden immer mehr Senklöcher, und es lässt sich nichts dagegen tun«, erklärt Mira Edelstein von der Naturschutzorganisation EcoPeace. »Wir können sagen, das ist die Rache der Natur. Es ist der eindeutige Beweis, dass hier etwas ganz falsch läuft.«

Der Wasserverlust habe hauptsächlich zwei Gründe. Zum einen ist es der Rückgang des natürlichen Zuflusses aus dem Jordan, weil Wasser für die Landwirtschaft in Jordanien, den Palästinensergebieten und Israel abgezweigt wird, zum anderen das Abpumpen von Wasser durch die Mineralwerke Dead Sea Works am Toten Meer, so Edelstein. Sie müssen keinen einzigen Schekel für das Wasser bezahlen und hätten somit keinen Anreiz, weniger abzupumpen.

VERDUNSTUNG Die meisten der Badeabschnitte am Nordbecken sind inzwischen gesperrt, lediglich die Strände am südlichen Teil sind noch zugänglich. Dieser Bereich aber ist nicht das eigentliche Tote Meer. Die separaten Becken sind Verdunstungspools der Mineralwerke, die hier Rohstoffe abbauen. An dieser Stelle sollen die neuen Unterkünfte gebaut werden. Doch auch hier schlägt die Natur zurück. Denn die Pegel der Pools steigen stetig und bedrohen den Küstenstreifen mit den Hotels durch Überflutung.

2013 brachte eine Studie der Weltbank eine mögliche Lösung für das Tote Meer mit dem sogenannten »Rote-Tote-Kanal« ins Spiel. Wasser aus dem Golf von Aqaba sollte abgepumpt und ins Tote Meer geleitet werden. Umweltverbände kritisierten, dass es sich bei den Gewässern um zwei völlig unterschiedliche Ökosysteme handele und das Abpumpen den Korallen im Roten Meer massiv schaden könne.

Um das weitere Sinken des Wasserpegels zumindest zu verlangsamen, solle nun stattdessen die Lake von Entsalzungsanlagen ins Tote Meer geleitet werden, die in Jordanien gebaut werden. Aber auch dies ist bei Naturschützern umstritten, da der eigentliche Zufluss des Toten Meeres Süßwasser aus dem Jordan ist und keine Salzlake.

Fünf Jahre soll es dauern, bis der Bau fertiggestellt ist. Der Generaldirektor im Ministerium für regionale Entwicklung, Oded Fixler, glaubt an das Projekt. »Es ist wichtig für alle. In einem ersten Schritt wird das Tote Meer wiederhergestellt und mehr Trinkwasser für die Region produziert. Das ist dringend nötig. Zum einen wegen des Klimawandels und weil es einen Bevölkerungszuwachs in der Gegend gibt.« Damit meint er vor allem die vielen neuen Gäste.

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