Geiseln

»Schauen Sie unseren Töchtern in die Augen«

Unerträgliche Bilder, die die Welt sehen muss: die jungen Soldatinnen kurz vor ihrer Entführung nach Gaza Foto: Screenshot aus den Videos

Sie sitzen in ihren Schlafanzügen an einer Wand. In ihren Augen der blanke Horror. Die Gesichter sind blutverschmiert, die Haare zerzaust, die Hände auf dem Rücken gefesselt. So sieht die Welt Liri Albag, Karina Ariev, Agam Berger, Daniela Gilboa und Naama Levy in einem Video, das Terroristen mit Körperkameras aufgenommen haben. Sie sind IDF-Späherinnen, die an der Grenze zum Gazastreifen eingesetzt waren. Doch vor allem sind sie eines: unschuldige israelische junge Frauen zwischen 18 und 19 Jahren. Am 7. Oktober 2023 wurden sie von der Hamas auf brutalste Weise nach Gaza verschleppt.

Die Eltern der fünf Mädchen wollen, dass der grausame Clip öffentlich wird, um die Welt an das Schicksal ihrer Töchter zu erinnern. »Das erschütternde Video enthüllt den Terror, dem die gefangenen Späherinnen ausgesetzt sind«, erklären die Angehörigen. Das Filmmaterial zeige die gewalttätige, demütigende und traumatisierende Behandlung, die die Frauen am Tag ihrer Entführung erdulden mussten.

Mittlerweile sind sie seit mehr als 235 Tagen Geiseln. Niemand weiß, was mit ihnen seitdem geschehen ist. Doch man kann erahnen, dass es das Grausamste ist, was Eltern niemals wagen, sich vorzustellen: endloser emotionaler, körperlicher und sexueller Missbrauch.

»Die schlimmsten und verstörendsten Szenen entfernt«

Das Video hat eine Länge von drei Minuten und zehn Sekunden. Vor der Veröffentlichung wurde es bearbeitet und zensiert. Damit sollten »die schlimmsten und verstörendsten Szenen entfernt werden. Dazu gehören Aufnahmen der vielen ermordeten jungen Männer und Frauen auf dem Stützpunkt Nahal Oz und im Inneren des Luftschutzbunkers, aus dem die Soldatinnen gekidnappt wurden«, gab das Forum für Familien von Geiseln und Vermissten bekannt.

»Jede neue Aussage darüber, was mit den Geiseln passiert ist, spiegelt die gleiche tragische Wahrheit wider: Wir müssen sie jetzt alle nach Hause bringen.« Der Staat Israel dürfe sich nicht mit einer Realität abfinden, in der seine Bürger ständig das Gefühl haben, dass ihr Leben bedroht ist, und unter unerbittlicher Angst und Furcht leiden. »Mit jedem Tag wird es schwieriger, die Geiseln nach Hause zu holen – die Lebenden zur Rehabilitation und die Ermordeten für eine angemessene Bestattung. Die israelische Regierung darf keinen weiteren Moment verschwenden«, so das Forum weiter. »Sie muss noch heute an den Verhandlungstisch zurückkehren.«

Am Wochenbeginn wurde berichtet, dass die Verhandlungen über einen Waffenstillstand und die Freilassung von Geiseln zwischen Israel und der Hamas wiederaufgenommen werden. Das sagte ein ägyptischer Beamter am Sonntag gegenüber dem US-Nachrichtensender CNN.

Sieben IDF-Späherinnen waren am 7. Oktober lebend aus Nahal Oz entführt worden. Ori Megidish wurde nach 23 Tagen in Gefangenschaft von israelischen Soldaten befreit, Noa Marciano in Gefangenschaft von der Hamas ermordet. Ihre Leiche wurde zur Beerdigung zurück nach Hause gebracht.

»Keine Mutter auf der Welt kann ertragen, ihre Tochter so zu sehen.«

Orly Gilboa

Am Samstagabend nach der Veröffentlichung des Videos standen drei Mütter der Mädchen, die darin zu sehen sind, auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv: Ayelet Levy, Naamas Mutter, Orly Gilboa, Danielas Mutter, und Shira Albag, Liris Mutter. Die Schwester von Karina Ariev, Sascha Ariev, schickte eine Videobotschaft.

Ayelet Levy appellierte an die Regierung, »von ihrer Tochter zu lernen«. Die Koalition solle die Kraft finden, sich einer unerträglich harten Realität zu stellen, und den Einfallsreichtum entdecken, der zu den Entscheidungen führe, die getroffen werden müssen. »Wir haben keine Zeit, sie haben keine Zeit. Wir müssen wie Naama sein. Jetzt!« Naama und die anderen Geiseln würden »wie in einem Tierheim« darauf warten, dass sie jemand rettet. »Doch niemand kommt. Niemand!«, rief Levy. Dann forderte sie noch einmal von der Regierung: »Seien Sie wie Naama! Lassen Sie nicht los, ruhen Sie nicht, bis Sie sie und alle Geiseln nach Hause gebracht haben.«

Unterstützung der Angehörigen

Zur Unterstützung der Angehörigen waren auch Dutzende ehemalige IDF-Späherinnen in gelben T-Shirts zu der Kundgebung gekommen, um zu zeigen, dass die Angehörigen »nicht allein in ihrem Kampf« seien. »Wir werden nicht ruhen, bis sie alle zu Hause sind«, versicherten die jungen Frauen.

Danielas Mutter, Orly Gilboa, machte deutlich, dass es keine Mutter auf der Welt ertragen könne, ihre Tochter so zu sehen wie in dem grausamen Video. »Aber stellen Sie sich für einen Moment Ihren schlimmsten Albtraum vor, und dann, wie Sie hilflos vor einem Bildschirm sitzen und zusehen, wie er sich immer wieder verwirklicht. Es wechseln die Jahreszeiten, Feiertage, Anlässe kommen und gehen – und Sie verstehen, in welcher Hölle Ihr Kind gefangen ist, weil Sie genau wissen, in wessen Händen es als Geisel gehalten wird und welche Gefahr Stunde für Stunde, Minute für Minute über ihm schwebt.«

Sie rief den Premierminister Israels und alle Staats- und Regierungschefs der Welt auf: »Bitte nehmen Sie sich einen Moment Zeit, schauen Sie unseren Töchtern in die Augen und fragen Sie sich dann: Wie könnten Sie nachts schlafen, wenn es Ihre Tochter oder Enkelin wäre? Was würden Sie tun, damit sie zurückkommt?«

Eyal Eshels Tochter ist bereits zurück. Tot. Auch Roni Eshel war IDF-Späherin. Wochenlang dachte man, sie sei ebenfalls entführt, dann wurde ihre Leiche gefunden. »Das schreckliche Video von der Gefangennahme der Soldatinnen in Nahal Oz verdeutlicht das Versagen, das Schicht um Schicht angewachsen ist«, sagte er bei der Kundgebung. Dann rief er voller Wut: »Netanjahu, Sie wurden gewarnt und haben es ignoriert. Sie müssen Verantwortung übernehmen und sofort zurücktreten! Sie sind Roni nicht würdig, Sie sind der Ermordeten nicht würdig – Sie sind dieses wunderbaren Volkes nicht würdig.«

Eshels Behauptung, Netanjahu sei »gewarnt« worden, bezieht sich offensichtlich auf die Bestätigung der IDF, dass der Premier im vergangenen Jahr viermal darauf hingewiesen wurde, dass sich die Hamas der Spaltung der israelischen Gesellschaft, hervorgerufen durch die sogenannte Justizreform, sehr bewusst sei.

»Sie haben keine Luft zum Atmen«

»Sie sprechen vom ›umfassenden Sieg‹, vom Zusammenbruch der Hamas und davon, dass der Krieg nicht gestoppt werden darf«, so Liris Mutter Shira Albag. »Und es ist wahr, die Hamas muss zerstört werden. Aber der Krieg wird nicht so schnell enden. Liri und alle anderen Geiseln haben nicht mehr viel Zeit. Sie haben keine Luft zum Atmen.«

Dann fragte sie: »Ist es nach mehr als 230 Tagen nicht an der Zeit, eine mutige Entscheidung zu treffen, die nicht von politischen Erwägungen bestimmt ist, und diese auch umzusetzen? Ist es nicht an der Zeit, das verlorene Vertrauen und die Hoffnung wiederherzustellen? Schauen Sie unseren Töchtern in die Augen!«

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