Tel Aviv

Schachmatt dem Iran

Schachsport: Großmeister Alik Gershon hat es mit 527 Gegenspielern aufgenommen. Foto: Sabine Brandes

Manchmal ist er kaum angekommen, da zieht er schon. Zwei vor, einen zur Seite. Im Vorbeilaufen quasi. Zack, und weg ist der Bauer. Bei anderen zögert er einige wenige Sekunden, bevor er seine Figur bewegt, sieht sich das Ganze aus ein paar Zentimetern Entfernung an, runzelt die Stirn, tritt von einem Bein aufs andere, überlegt. Alik Gershon spielt an diesem Abend nicht im Sitzen, sondern im Gehen. Auf dem Rabinplatz vor dem Tel Aviver Rathaus hat es der israelische Großmeister im Schach mit 527 Gegenspielern aufgenommen.

Guiness‐Buch Ziel der Gemeinschaftsveranstaltung von Schachvereinigung und Jewish Agency am vergangenen Donnerstag ist der Eintrag im Guinness‐Buch der Rekorde. »Um den Iran zu schlagen«, verkündet Itai Zlotogorski, einer der Organisatoren. »Zumindest auf dem Brett«.

Vor etwas mehr als einem Jahr zog der iranische Großmeister Morteza Mahjoub 19 Stunden lang gegen 500 Spieler seine Springer und Läufer und erntete dafür einen begehrten Vermerk im Buch. Seitdem hält Teheran den Weltrekord im simultanen Schachspielen. Den Guinness‐Regeln zufolge müssen sämtliche Spieler des Turniers in der Schachföderation gelistet sein, gegen die der Großmeister am Ende mindestens 80 Prozent der Spiele gewinnen muss. Und er hat es geschafft: Gershon holt den Titel, am Ende kann er sogar 87 Prozent aller Partien für sich entscheiden.

Schon um 18 Uhr am Donnerstag‐ abend sieht es gut aus für den Großmeister: 117 Spiele von den 525 hat er schon gewonnen. Lediglich eins endete unentschieden. »Damit liegt er momentan bei 98 Prozent«, freut sich Zlotogorski, »wir werden es sicherlich schaffen, auch wenn es die ganze Nacht dauert«. Wo sonst Spaziergänger ein Päuschen einlegen und Inlineskater ihre Runden drehen, steht heute alles im Zeichen von Analysieren und Taktieren. Manche der Denker sind gerade einmal sieben, andere über 70 Jahre alt. Ein Großteil von ihnen stammt aus der ehemaligen Sowjetunion oder sie sind die Sprösslinge derer, die einst mit den großen Einwanderungswellen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ins Land kamen.

Zuwanderer Die Jewish Agency will mit dem Turnier den Beitrag dieser Menschen, die heute einen Bevölkerungsanteil von fast 20 Prozent ausmachen, in allen Bereichen des täglichen Lebens würdigen. Gershon ist ein gutes Beispiel dafür: Im Alter von zehn Jahren immigrierte er aus Dnepropetrowsk in der Ukraine nach Israel, holte schon vier Jahre nach seiner Alija den Titel »Weltjugendmeister« für Israel und wurde 2000 Landesmeister im Schach.

Einige der jungen Spieler sind Mitglieder der Schewach Mofet Schach‐Akademie von Boris Alterman. Der ist selbst Großmeister, hat 1999 bei dem berühmten Internetmatch »Kasparov gegen den Rest der Welt« hinter Legende Garry Kasparov den zweiten Platz belegt. Seit 2008 hilft Alterman in seiner Tel Aviver Akademie talentierten Kindern, ihre Züge zu optimieren. Außerdem setzt er sich für Schach in der Schule ein: »Ich bin der Meinung, das Spiel sollte regelmäßig auf jedem Stundenplan stehen. Es ist eine großartige Übung für die Konzentration und das Vorausdenken, einfach das gesamte Gedächtnis«.

Jewish Agency Auch Nathan Scharansky, Präsident der Jewish Agency, ist gekommen, um sich mit Großmeister Gershon zu messen. Mit wenig Erfolg. Dennoch war Sharansky guter Dinge und erklärte, wie sehr Israel die Einwanderer brauche. »Die Jewish Agency wird auch weiterhin dabei helfen, unsere Gesellschaft aufzubauen, indem sie Olim Chadaschim aus der ganzen Welt herbringt.« Die Alija aus der ehemaligen Sowjetunion habe erheblich zur Stärke der Gesellschaft beigetragen, »ob in der Wirtschaf, höheren Bildung, Wissenschaft, Kultur oder natürlich dem Sport«, so Sharansky weiter. Es gäbe keinen besseren Beweis dafür als die Errungenschaften in diesem Spiel. Kürzlich erst belegte Israel Platz drei bei der Schach‐Olympiade.

Übung Da hat Hobbyspieler Daniel Sukenik nicht mitgemacht. Bei dem Turnier um den Guinness‐Buch‐Eintrag aber ist er dabei. »Fünfmal ist der Großmeister schon bei mir vorbeigekommen, und noch halte ich einigermaßen mit«, erzählt er und seine Augen funkeln schelmisch hinter den Brillengläsern. »Naja, um ehrlich zu sein, überlebe ich wohl gerade so auf dem Brett. Aber es ist toll, hier zu sein, ich bin ja noch nie gegen einen Großmeister angetreten. Das Turnier ist eine einmalige Herausforderung und wahrscheinlich die beste Übung meines Lebens.«

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