Die Meeresbrise drückt durch die Fensterritzen der Galerie am Kedumim-Platz. Vorhänge flattern über den Fotografien an den Wänden. Es ist Herbst in Tel Aviv-Jaffa, doch die Kunstszene blüht auf wie lange nicht mehr.
Wie viele Kreative der Stadt haben auch der Fotograf Yoray Liberman und seine Partnerin, die Unternehmerin Dikla Malamut, ihre eigene Galerie eröffnet, »La Maison«, auf Deutsch: das Zuhause. Ein Ort für alle, die nach den kriegserschütterten Jahren wieder Boden unter den Füßen suchen, kreativ werden und in der Galerie auf dem Hügel der Altstadt von Jaffa ins Gespräch kommen wollen.
Kraft schöpfen
»In den vergangenen beiden Jahren hat die Angst um meine Kinder die Frage, wo der nächste Bunker ist, alles bestimmt«, sagt Malamut. Sie schöpfte Kraft, indem sie andere zusammenbrachte, zunächst privat, seit einiger Zeit dann im Hauptberuf. Netzwerkabende, gemeinsames Kochen, Gespräche über Fotografie. »Jetzt öffnen wir diesen Raum für alle. Es ist Zeit, wieder Luft zu holen.«
In Jaffa gehen Türen auf. Galerien, Werkstätten, kleine Ausstellungen säumen die Gassen. Der alte Stadtteil, aus dem Tel Aviv einst gewachsen ist, atmet wieder, laut, bunt, ungeduldig. Aus offenen Fenstern dringen Beats und Bohrgeräusche. Der Geruch von frischer Farbe liegt in der Luft.
Aus offenen Fenstern dringen Beats und Bohrgeräusche. Jaffa atmet wieder.
Ran Ayalon bewegt sich durch dieses Jaffa wie jemand, der jeden Winkel kennt. Er nimmt die Treppen in schnellen Schritten, deutet auf Fenster voller Kunst, bleibt stehen, hört zu. Sein Handy klingelt unaufhörlich, Künstler melden sich, wollen Verträge, Besichtigungen, Kontakte.
Ayalon ist Projektleiter bei der Old Jaffa Development Company. Er kümmert sich um die Immobilien und im Auftrag der Stadt auch um die Kulturszene. Er weiß, wer wo einzieht, wer Platz braucht, betreut Kunststipendiaten aus Südisrael und Alteingesessene.
»Die Nachfrage nach Atelierräumen ist seit dem Kriegsende um mehr als 30 Prozent gestiegen«, sagt er. »Die Leute kommen zurück. Die Künstler, aber auch die Besucher. Jaffa lebt.«
Ayalon klopft an ein unscheinbares Holztor. Dahinter: ein Vorhang aus Efeuranken, durch den er sich schiebt. Neonaugen blitzen aus der Dunkelheit. Künstliche Eiszapfen ragen in den Raum und beginnen zu glimmen, sobald Ayalon sie berührt.
Blasen aus Licht wabern an den Wänden
Die »Lucid Dream Exhibition« ist eines der ungewöhnlichsten neuen Kunstprojekte in Jaffa. Der junge Schöpfer hat aus den glatten Steinmauern eine leuchtende Grotte gemacht, übersät mit Symbolen. Blasen aus Licht wabern an den Wänden, dazwischen ragen Fabelwesen in Übergröße auf.
»Wir wollen hier auch die verrücktesten Ideen möglich machen«, sagt Ayalon. »Dass die Gebäude alt sind, heißt nicht, dass nicht etwas völlig Neues in ihnen entstehen kann.« Während des Krieges kamen mehr als 15.000 Besucher in diese Fantasiewelt. Zur neuen Ausstellung erwartet das junge Team doppelt so viele. Wenige Straßen weiter hallen Hammerschläge durch hohe Räume. Das Old Jaffa Museum wird gerade komplett umgebaut. Ayalon schlüpft kurz hinein, prüft, ob alles rechtzeitig fertig wird. Schon in wenigen Tagen wird hier die neue Ausstellung über Laurence Ziv eröffnet, einen der prägenden Mode- und Kunstschöpfer Israels. Kuratiert von seinem Sohn, dem Fotografen Kfir Ziv. Moderne Geschichte, gezeigt in alten Gemäuern.
Schmuck, Glaskaraffen, Handwerk von palästinensischen Frauen
Jaffa verändert sich. Und doch bleibt es an vielen Stellen das, was es immer war: ein Ort voller Brüche und Geschichte. In einem alten Gewölbe nahe dem Hang zur Küste liegt Hilweh Market. Keine hippe Galerie, sondern ein Laden für Schmuck, Glaskaraffen, Handwerk von palästinensischen Frauen. Ein Stück kulturelles Gedächtnis, das bleibt, während rundherum neue Kunstinstallationen entstehen.
Ayalon schaut überall vorbei. Nicht nur, um Projekte zu betreuen. Jetzt, wo die Herbststürme kommen, will er sicher sein, dass alle versorgt sind. Strom. Heizung. Ruhe zum Arbeiten. Niemand soll vergessen werden.
»Jaffa war nie einfach«, sagt Ayalon. Der Stadtteil gehört zu den ältesten dauerhaft bewohnten im Land und sogar der ganzen Levante. Geschichte steckt in jeder Mauer, oft schmerzhaft, oft widersprüchlich. Jahrzehntelang war Jaffa ein Symbol dafür, wie fragil das Zusammenleben von Juden, Muslimen und Christen sein kann. »Wenn die Stimmung in Israel kippt, spürt man es hier zuerst. Und es dauert, bis sich das wieder legt«, sagt er.
»Ich bin eher ein Nomade«
Und doch ist genau hier, zwischen Moscheen und Ruinen aus osmanischer Zeit, etwas Neues möglich geworden. Werkstätten, Restaurants, Galerien, dicht nebeneinander. Eine Szene, die sich nicht abgrenzt, sondern öffnet.
»Mitten in einer gemischten Nachbarschaft zu sein, das ist uns als Künstlern besonders wichtig«, sagt Yoray Liberman, Mitgründer von »La Maison«. Durch das Fenster der Galerie fällt der Blick auf den Hafen. Die Sonne steht tief. Ein arabisch-christliches Hochzeitspaar posiert vor Palmen und Kirchturm.
»Diese rauen Steine, die Geschichte, die Nachbarn, das alles ist mir lieber als eine sterile Galerie in einem schicken Viertel von Tel Aviv«, sagt Liberman.
Er hat in Afghanistan fotografiert, in New York, in Frankreich, von dort stammen die Bilder an den Wänden und auch der Name der Galerie. »Ich bin eher ein Nomade. Und vielleicht gerade deshalb zieht es mich nach Jaffa. Hier treffe ich Menschen, die auch von überall kommen.« Künstler. Alteingesessene. Junge Kreative. Menschen mit Geschichten. »La Maison« sei für ihn ein Zuhause geworden, offen für alle, die eins suchen.
Vielleicht ist es genau dieser Spannungsbogen, der Jaffa so lebendig hält. Die Brüche. Die Nähe. Die Widersprüche. Alte Geschichten, neue Ideen. Und mittendrin Menschen wie Ran Ayalon. Die zuhören. Die anklopfen und Türen öffnen.