Bodenschätze

Riskanter Reichtum

Ölvorkommen in 1.900 Meter Tiefe: die »Zoak Tamror 4«-Bohrung östlich von Arad, nahe des Toten Meeres Foto: Flash 90

Bisher waren Israels Öl‐ und Gasvorkommen höchstens Anlass für ein Bonmot. »Moses schleppte uns 40 Jahre durch die Wüste«, witzelte einst die ehemalige Regierungschefin Golda Meir, »um uns an den einzigen Ort im Nahen Osten zu bringen, an dem es kein Öl gibt.« Doch jetzt machen sich viele Israelis Hoffnung, dass ihr Land bald schon in den Club der Energie‐Produzenten aufsteigen könnte. Denn regelmässig melden Firmen, die an Land und vor der Küste Gas und Erdöl suchen, neue Erfolge.

Bohrungen In den vergangenen Jahren stießen Firmen bei Bohrungen zwar immer wieder auf Ölvorkommen. Aber die Mengen erwiesen sich in der Regel als wirtschaftlich unergiebig. Jetzt aber macht die Firma Givat Olam, die seit 1993 in der Nähe von Rosch Haayin nach dem schwarzen Gold sucht, neue Hoffnungen. Im Juli gab sie einen neuen Fund bekannt, und in den nächsten Wochen will sie abklären, ob es sich dabei um kommerziell nutzbare Mengen handeln könnte. Bis Mitte dieses Monats soll der Schlussbericht vorliegen.

Während die Aussichten bei der Erdölförderung nach wie vor ungewiss sind, rechnen Experten damit, dass sich Israel in den nächsten 35 Jahren mit Gas selber versorgen könnte. Optimisten meinen sogar, dass sich Israel eines Tages als Gas‐Exporteur profilieren könnte. Mittlerweile hat Finanzminister Yuval Steinitz die Schätzung des Wertes der Gasvorkommen vor der israelischen Küste von 50 Milliarden auf »mehrere hundert Milliarden Dollar« erhöht. Die wirtschaftlichen Vorteile sind offenkundig, sollten sich die Prognosen als realistisch erweisen. Die Versorgungssicherheit würde verbessert, und mit dem neuen Reichtum könnten sich die Bürger einen höheren Lebensstandard leisten.

Doch die neu entdeckten Reichtümer könnten sich auch als Risiko erweisen. Laut Experten erhöhen sie nämlich die Kriegsgefahr. Die Hisbollah beansprucht einen Teil der Gasfelder im Mittelmeer für sich. Sie würden sich bis in libanesische Gewässer erstrecken. Auch einige Minister haben bereits unmissverständlich ihre Entschlossenheit verkündet, den dem Libanon zustehenden Anteil der Gasvorkommen zu beanspruchen. Man werde »alle Mittel« einsetzen, um Libanons Souveränität auch beim natürlichen Schatz im Meer durchzusetzen, heißt es in Beirut. Die libanesisch‐israelische Grenze ist allerdings nicht festgelegt. Israel hat deshalb eine Linie von Bojen gelegt. Was Israel mit »Sicherheitsüberlegungen« begründet, wird in Beirut als einseitige Ausdehnung des Territoriums interpretiert, mit der das südliche Nachbarland die Gasvorkommen gänzlich beanspruchen wolle. Israel stehle dem Libanon bereits Wasser, heißt es zudem in Beirut, und man werde verhindern, dass sich Jerusalem an den libanesischen Gasvorkommen bereichere.

Politik Kämpferisch gibt sich auch die israelische Seite. Niemand in Jerusalem beanspruche Gas, das dem Libanon gehöre, meinte kürzlich Infrastrukturminister Usi Landau. Israel werde allerdings nicht zögern, Gewalt anzuwenden, um die Investitionen in den Gasfeldern zu verteidigen, drohte Landau. Im Zentrum des israelisch‐libanesischen Schlagabtausches steht die Plattform Leviatan, rund 100 Kilometer vor der Küste. Sie könnte bis zu 16 Billionen Kubikmeter Gas enthalten.

Die Gasfunde sorgen auch in der israelischen Innenpolitik für Zoff. Die Energiefirmen widersetzen sich dem Plan von Finanzminister Steinitz, mit dem er einen höheren Teil der Einnahmen aus dem Gasgeschäft beanspruchen will. Steinitz bereitet derzeit einen neuen Schlüssel vor. Dieser solle sicherstellen, dass nicht nur die Investoren profitieren, sondern auch die Bürger und die Staatskasse, sagte der Finanzminister in einem Interview mit der Financial Times. Er wolle die zusätzlichen Einnahmen zum Schuldenabbau verwenden. Dank des Gaseinkommens hoffe er auch die Steuerbelastung zu reduzieren und die Infrastruktur des Landes verbessern zu können.

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