Israel

Resilienz auf dem Campus

Orly Ben Ami-Oron steht mitten in einem kleinen Seminarraum der Hebräischen Universität Jerusalem – genauer gesagt, auf dem Campus Skopusberg. Auf den gelben Stühlen vor ihr haben 16 Studierende Platz genommen, um die Landessprache Israels zu lernen. Die meisten von ihnen sind jüdische Neueinwanderer aus den Vereinigten Staaten, Russland oder Frankreich. Für heute steht der Konjunktiv II auf dem Lehrplan. Also all die Sätze mit dem Wörtchen »hätte«. Beziehungsweise mit »ilu«, schließlich geht es ja um Hebräisch.

»Ich gebe euch ein Beispiel«, beginnt Ami-Oron. »Hätte Israel die Grenze zum Gazastreifen besser geschützt, hätten wir den Krieg verhindert.« Ein kurzes Zucken geht über die Gesichter mancher Studenten. Sie hatten wohl mit mehr Grammatik und weniger Politik gerechnet. Doch die Dozentin kommt gerade erst richtig in Fahrt. »Hätten wir die Grenze besser geschützt, wäre die Hamas nicht eingedrungen. Hätten wir den Krieg verhindert, gäbe es heute keine Geiseln.« Ihre Stimme wird lauter, und das Gesicht läuft rot an. »Ilu, ilu, ilu!«, ruft Ami-Oron, bevor sie sich nach drei tiefen Atemzügen wieder entspannt.

Die Studierenden im Sprachkurs rechneten mit mehr Grammatik und weniger Politik.

In Israel, und das lernt hier jeder früher oder später, ist eben nichts unpolitisch – nicht einmal die Sprache. Und obwohl Israel seit seiner Staatsgründung im Jahr 1948 bestens weiß, was ein Krieg bedeutet, liegen derzeit bei vielen die Nerven blank. Dass die Zahl der Kriegstage inzwischen im dreistelligen Bereich liegt, hat es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Und über 100 Geiseln schon gar nicht.

Mindestens 25 Menschen aus dem Umfeld der Hebräischen Universität sind seit dem 7. Oktober 2023 Krieg und Terror zum Opfer gefallen. Und es könnten jeden Tag mehr werden. Denn gut ein Fünftel der 25.000 Studierenden und Angestellten gehört der israelischen Armee an. Als viele von ihnen zu Kriegsbeginn in den Reservedienst einberufen wurden, stand gerade das neue Studienjahr vor der Tür. Die Universität wechselte in den Krisenmodus, und so mancher Lebenstraum wurde infrage gestellt.

Knapp drei Monate später, es ist der 31. Dezember, müssen die israelischen Universitäten eine schwere Entscheidung treffen: Obwohl sich ein Ende des Krieges noch immer nicht abzeichnet und die meisten Reservisten weiterhin an der Front sein müssen, soll endlich das Studienjahr beginnen. Im Hauptgebäude des Campus Skopusberg herrscht daher hektisches Treiben. Von der Decke hängen bereits Dutzende Wegweiser und kleine Wimpel in den Farben der israelischen Flagge.

Die Semester werden verkürzt, das Lernpensum, bleibt gleich

Eine Popcornmaschine, kostenlose Donuts und vergünstigte Theaterkarten sollen den verspäteten Semesterstart versüßen. Denn die Studierenden wissen: Nicht nur das Wintersemester wird verkürzt, sondern auch die vorlesungsfreie Zeit und das kommende Sommersemester. Der Stoff hingegen, das Lernpensum, bleibt gleich. Wer sein Studium also nach Plan durchziehen will, wird auf absehbare Zeit kaum eine Lernpause einlegen können.

»Das Studium kann aber auch der Anker in einer Zeit der Unsicherheit und Angst sein«, sagt Arieli Shaked. Die Sozialarbeiterin arbeitet für Natal, eine Non-Profit-Organisation in Tel Aviv, die Israelis mit Kriegstraumata unterstützt. Zum Beispiel bei der Rückkehr in den Uni-Alltag. Auf ihrem Laptop zeigt Shaked eine Grafik zur Emotionsregulation. Eine blaue Wellenlinie in der Mitte markiert alltägliche Gefühlsschwankungen. Doch wie mit dem Korrekturstift gezeichnet, liegt eine hässliche rote Zickzacklinie darüber.

»Durch den Kriegsstress und das kollektive Trauma in Israel ist es normal, dass wir uns weniger im Griff haben«, erklärt sie. Das könne sich sowohl in Unruhe oder Wut als auch in Depression, Vermeidung oder Rückzug äußern. Für das Studium empfiehlt sie, das Lernpensum in viele kleine Portionen mit Pausen aufzuteilen. »Und jeden Tag mit einer einfachen Aufgabe beginnen. Das Erfolgserlebnis schenkt Motivation.« Shakeds letzter Tipp ist eine Binse: »Unbedingt weniger Nachrichten konsumieren.« Das weiß in Israel zwar jeder, aber kaum jemand schafft es.

Shira Atun sieht nicht aus wie eine klassische Studentin. Statt T-Shirt und Sneakers trägt sie Militäruniform und schwarze Stiefel. »Das Studienjahr hat alles andere als pünktlich angefangen. Aber die Uni unterstützt uns so gut wie möglich.« Grinsend zieht sie aus ihrer Hosentasche eine blaue Gutscheinkarte für kostenloses Essen und Kaffee auf dem Campus.
Reservisten auf Heimaturlaub und Wehrdienstleistende, die ein berufsbegleitendes Studium absolvieren, stehen solche Vergünstigungen zu. Generell hält die Uni viele Angebote für diese Zielgruppe bereit. Das reicht von individueller Betreuung bis hin zu reduzierten Preisen für das Wohnheim. Doch was für die einen ein Privileg ist, ist den anderen schnell ein Dorn im Auge. Vor allem bewaffnete Reservisten ziehen auf dem Campus auch schon mal skeptische Blicke auf sich.

16 Prozent der Studierenden sind mit Arabisch als Muttersprache aufgewachsen

Denn 16 Prozent der Studierenden an der Hebräischen Universität sind mit Arabisch als Muttersprache aufgewachsen. Manche besitzen nicht einmal einen israelischen Pass, sondern leben in den von Palästinensern bewohnten Vierteln wie dem Shuʼfat Camp in Ost-Jerusalem. Um etwas Harmonie zwischen den gerade so entfremdeten Gruppen zu beschwören, hat die Universität sämtliche Eingänge und Gebäude mit bunten Transparenten plakatiert. »Zusammen leben und lernen« ist auf ihnen zu lesen – auf Hebräisch, Englisch und Arabisch.

Aber da ist auch diese E-Mail im Postfach eines jeden Studierenden gelandet. Betreff: Richtlinien zur Meinungsäußerung. Ihr Inhalt: Mitleid mit getöteten Zivilisten sei »angemessen«, Kritik an der israelischen Kriegsführung selbstverständlich »zulässig«, Relativierung von Terrorismus dagegen »strengstens und absolut verboten«. Pauschalisierungen »aufgrund von Religion oder Nationalität« sollen vermieden werden.

Für den Vorwurf, Israel begehe einen Genozid in Gaza, erhielt die Juraprofessorin Nadera Shalhoub-Kevorkian im Oktober sogar eine Rücktrittsforderung der Universitätsleitung. Die palästinensische Wissenschaftlerin sprach von einer »Hetzkampagne« gegen ihre Person – blieb aber auf ihrem Posten.

Eine brenzlige Frage: »Darf man während des Krieges lachen?«

Benji Lovitt geht solche Konflikte mit Gelassenheit an. Die Fakultät für Internationale Studierende hat ihn eingeladen, um über eine brenzlige Frage zu sprechen: »Darf man während des Krieges lachen?« Und da der 50-Jährige hauptberuflich Comedian ist, kommt seine Antwort wenig überraschend. »Wenn alle in einer Gruppe das Gleiche durchmachen und erleben, dann entsteht dort Humor, und jeder kann ihn nachvollziehen.« Genau dies sei in Israel der Fall. Es gebe praktisch keine Tabus, meint Lovitt und zögert nicht, konkret zu werden. Er witzelt, dass sich Kinder in Aschdod darüber freuten, wegen Raketenalarm keine Schule zu haben. Dann plädiert er dafür, weniger Süßigkeiten an die Soldaten im Gazastreifen zu schicken. »Die müssen ja noch durch die Tunnel passen.«

Serviert mit Pizza und Cola, kommen die Sprüche bei den Studierenden gut an. Schnell machen sie sich die Rhetorik zu eigen und lachen über Geräusche, die sie bereits für einen Raketenalarm gehalten haben. »Sogar der Rettungsdienst hat die Sirene an seinen Autos geändert, damit man das nicht verwechselt«, wirft ein BWL-Student ein – und alle amüsieren sich über die Absurdität der Situation. Doch der aufmerksame Zuhörer erkennt auch hier eine rote Linie: Über die israelischen Geiseln im Gazastreifen verliert niemand ein Wort.

Soldaten bekommen auf dem Campus kostenlos Essen und Kaffee.

Carmel Gat sollte in diesem Semester eigentlich ein Masterstudium der Ergotherapie beginnen. Hätte sie nicht am 7. Oktober ihre Familie im Kibbuz Be’eri besucht und wäre sie nicht von der Hamas verschleppt worden. Immerhin: Im Gazastreifen sei Gat eine Stütze für ihre Leidensgenossen gewesen, habe Kindern Yogaübungen und Meditation beigebracht. Das berichten jedenfalls die inzwischen befreiten Geiseln, unter denen auch Gats Schwägerin Yarden ist.

An der Uni ist die 39-jährige Gat auf jeden Fall schon jetzt zum Idol geworden. In jedem Hörsaal und Seminarraum wird symbolisch ein Platz für sie freigehalten, in der Mensa sogar ein ganzer Tisch. Auf den Stuhllehnen klebt jeweils ein Vermisstenplakat von Gat. Oder der Satz: »Auf dass die Geiseln in Frieden zurückkehren.«

Die Studentinnen wollen zeigen, dass sie ihre Kommilitonin Carmel nicht vergessen

An einem Donnerstagnachmittag versammeln sich auch rund 50 Ergotherapie-Studentinnen im Foyer vor den Hörsälen. Sie tragen Langarmshirts, Leggings und unter den Armen neongrüne Sportmatten. Wer jetzt etwa zum Café will, findet sich plötzlich inmitten von Yogaübungen wieder. Zwar mangelt es der Uni nicht an Sporträumen, aber die Studentinnen wollen zeigen, dass sie ihre Kommilitonin Carmel nicht vergessen – und zugleich ihren Schmerz verarbeiten.

Während der Krieg andauert, häufen sich Initiativen wie diese. Mal werden Lebensmittel aus dem Umland von Gaza verkauft, um die Landwirte dort zu unterstützen. Ein anderes Mal pflanzt man Bäume im Gedenken an die Todesopfer des 7. Oktober. Und Tag für Tag engagieren sich Studierende für die Versorgung der israelischen Binnenflüchtlinge in den umliegenden Hotels.

Wenn das Campusleben eines zeigt, dann dies: Jeder hat seinen ganz persönlichen Umgang mit dem Kriegsstress. Für die einen ist es der Rückzug und die Stille, für andere die Gemeinschaft oder der Humor. Und die Universität – sie liefert den Rahmen, der sie alle vereint.

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