Wissenschaft

Physik an der Bar

Kein Karaoke: Ehud Schapiro spricht in Jaffa über Zellbiologie. Foto: Sabine Brandes

Schummrig ist es und laut. Wie es in einer guten Bar eben sein muss. Um kurz nach acht sind im »Saloona« in Jaffa sämtliche Plätze belegt. Gewöhnlich ist es montags eher lau. Heute nicht. Viele finden keinen Platz mehr, lehnen an den Wänden, halten ihr Bier in der Hand. Um halb neun verstummt die Musik mit einem Schlag. Die Gäste richten ihren Blick auf die kleine Bühne am hinteren Ende des Raumes. Ein Mann mit grauen Locken und schwarzem T‐Shirt tritt hinters Mikro: »Schalom, mein Name ist Ehud Schapiro, und ich bin Wissenschaftler.« Biologieunterricht in der Bar.

Das renommierte Weizmann‐Institut in Rechowot bringt die Naturwissenschaften an die Theken der Stadt. In mehr als 50 Bars in ganz Tel Aviv und Jaffa geben Wissenschaftler der unterschiedlichsten Disziplinen die Erkenntnisse ihrer Fachbereiche zum Besten – Chemiker, Biologen, Physiker, Informatiker und andere. Die Themen sind so vielfältig wie die Veranstaltungsorte. Im »Hangar 1« geht es um Geruchserinnerungen an die Kindheit, in der In‐Bar »Container« am Hafen erfahren die Zuhörer mit Blick aufs Meer, ob wir in der Zukunft von Cyborgs regiert werden.

krebs Der Computerwissenschaftler und Biologe Schapiro spricht über die Historie der menschlichen Zellen und wie man die Erkenntnisse daraus in der Medizin, etwa bei der Krebsbekämpfung, nutzen kann. Nicht gerade ein einfaches Thema beim Bier. Doch die trockenen wissenschaftlichen Fakten verbindet Schapiro mit einem starken Bezug zum Alltag, sogar Persönliches bringt er ein. Das kommt an.

Für Schapiro ist es das erste Mal, dass er seine Forschungen an der Bar vorstellt. Doch er findet diese neue Art des Vortragens wundervoll. »Es sind so viele Menschen gekommen, die uns Wissenschaftler an einem Montag sprechen hören wollen. Das ist fantastisch. Was können wir uns mehr wünschen?« Der Biologe ist seit 30 Jahren am Weizmann‐Institut tätig und kennt den akademischen Ablauf aus dem Effeff. Er hat vor, auch in Zukunft bei der Aktion mitzumachen und mit dem Bier in der Hand Vorträge zu halten. »Normalerweise sind wir Wissenschaftler ja unter uns. Doch die Vorträge hier draußen öffnen Kommunikationskanäle zwischen uns und der Öffentlichkeit. Das ist eine tolle Sache, die ich unterstützen möchte.«

Ist es also ein Vorurteil, dass sich die Menschen im Nachtleben lediglich über Seichtes unterhalten wollen? »Definitiv«, sagt Batya Greenman, Pressesprecherin des Instituts. »Die Leute finden die Aktion großartig und verlangen mehr. Wir bekommen riesigen Zuspruch.« Die Zuhörerzahl belegt es: Von den 7.000 Karten des Vorverkaufs blieb nicht eine einzige übrig.

Die Idee zu »Mada al Habar« hatte vor einem Jahr Yivsam Azgad, Leiter der PR‐ Abteilung. Auch innerhalb des Weizmann‐Instituts bekommt die Aktion großen Zuspruch. »Nicht nur die Gäste lieben es«, so Pressesprecherin Batya Greenman, »auch die Professoren. Wir müssen niemanden beknien, um mitzumachen. Sie alle tun es gern mit Lust und Laune.«

Zweimal im Jahr sollen die Dozenten nun Wissen unter die Nachtschwärmer bringen. Und die sind ganz versessen darauf, Neuigkeiten aus Physik, Chemie und Co. zu hören. Wie Talia Kaufman. Die junge Computerspezialistin sitzt im Saloona mit Zettel und Stift in der Hand und wartet auf den Beginn der Vorlesung. Ganz wie an der Uni? »Überhaupt nicht«, sagt sie und lacht, während sie sich ihre Pommes frites schmecken lässt, »viel besser«. Man könne hier in total entspannter Atmosphäre jede Menge lernen und treffe Gleichgesinnte.

fachchinesisch Im Gegensatz zu landläufiger Meinung sei der Stoff auch nicht trocken, sondern »total spannend«. Denn die Professoren würden kein Fachchinesisch sprechen, sondern eine Sprache, die jeder im Publikum verstehen kann. »Und das ist im Hörsaal ja oft ganz anders«, weiß Kaufman aus eigener Erfahrung. Das Publikum ist bunt gemischt: von jungen Paaren, die umschlungen an der Bar sitzen, bis zu Studenten und Senioren.

Zuhörer David Zachar ist selbst Physiker. Ihn wundert der Erfolg der Aktion ganz und gar nicht: »Ich habe schon häufig erlebt, dass die Menschen sehr wohl an Wissenschaft interessiert sind und gern Fragen stellen.« In der akademischen Welt herrsche zwar oft die Meinung, die Leute außerhalb würden alles, was in den Universitäten vor sich gehe, als abgehoben und wenig realitätsbezogen ansehen. Doch das stimme nicht, ist Zachar sicher. Er selbst sei schon oft im Freundeskreis zu seiner Forschung befragt worden, woraus sich lebendige Diskussionen ergeben hätten. »Und wenn man das Fachwissen interessant und lebendig vorträgt, sind einem offene Ohren so gut wie sicher.«

Tatsächlich ist es während des 75‐minütigen Vortrags völlig still in der Bar. Außer dem gelegentlichen Klappern von Besteck und den geflüsterten Bestellungen an die Kellner ist nur der Dozent auf der Bühne zu hören. Dabei hat Schapiro keinerlei Hilfsmittel mitgebracht, keine Dias, keine Papiere, die er verteilt. Er sitzt auf einem nackten Barhocker, das Mikro in der Hand, und hat nichts außer seinem Wissen und seinen Worten. Zwischendurch heben einige Gäste die Hände, stellen Fragen. Der Experte erklärt geduldig.

Zachar ist angetan von der Methode. Schade findet er nur, dass es nicht mehr solcher Berührungspunkte zwischen Wissenschaftlern und »Normalsterblichen« gibt. Denn er ist sicher: »Die Menschen finden das Denken der Wissenschaftler oft zwar schwierig, sind aber gleichzeitig davon angezogen. Es hat etwas von einem Rätsel, das einem fast unlösbar erscheint, einen aber doch fasziniert. Vielleicht gerade nachts an der Bar.«

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