Westjordanland

Per Anhalter

Wenn der Bus mal wieder später kommt: Jugendliche warten auf die nächste Mitfahrgelegenheit. Foto: Flash 90

Als der Unterricht in ihrer Jeschiwa Makor Chaim zu Ende war, machten sich Gilad Shaar, der Amerikaner Naftali Frenkel und ihr Freund Eyal Yifrach am vergangenen Donnerstagabend auf den Weg nach Hause. Der letzte Bus – die Linie 164 der israelischen Busgesellschaft Egged – fuhr laut Fahrplan um 21.49 Uhr an der Kreuzung Gush Etzion los.

Er hätte die beiden 16-Jährigen und den drei Jahre älteren Eyal zunächst nach Jerusalem gebracht. Von dort aus wären sie dann mit einem anderen Bus an ihr Ziel westlich von Jerusalem gelangt. Die Fahrt hätte zwei Stunden und 41 Minuten gedauert – wegen der vielen Stopps, wegen der Umwege und der Wartezeit auf den nächsten Bus.

Dabei sind die 45 Kilometer zwischen der Siedlung Gush Etzion im Westjordanland und der Stadt in einer guten Dreiviertelstunde zu bewältigen. Vorausgesetzt, man hat ein Auto – oder man trampt.

Risiko Die Jugendlichen entschieden sich für das Letztere. Ein Mann aus Beer Sheva fuhr vorbei, deutete mit der Hand, dass er nach links abbiegen will, und sie nickten. Er hielt, Gilad, Naftali und Eyal stiegen ein. »Ich habe sie gefragt, ob sie Trampen nicht gefährlich finden in dieser Gegend, aber sie gaben mir keine Antwort«, erzählte der Mann später. Nach einem kurzen Trip stiegen die drei aus, und dann hat irgendjemand wieder angehalten, um sie mitzunehmen: Nur wohin, weiß niemand. Sie sind verschwunden. Entführt.

Wer Israelis mittleren Alters fragt, wie sie in ihrer Jugend von A nach B gekommen sind, hört immer das Gleiche: »Wir sind getrampt.« Es war eine Selbstverständlichkeit, sich an Straßen, Kreuzungen und Bushaltestellen zu postieren und mit zwei Fingern anzudeuten, dass man mitgenommen werden will. »Finger nach unten« bedeutet nur ein kurzes Stück. Ansonsten zeigte man in die gewünschte Richtung.

Viele Soldaten erreichten so am Wochenanfang ihre Militärbasis und am Wochenende ihr Zuhause. »Wir hatten keine Lust, auf den Bus zu warten. Es dauerte einfach zu lang«, erinnert sich ein 44-jähriger Wissenschaftler. »Oft gab es auch gar keine Verbindung.« Dass Soldaten mitgenommen werden, war Konsens; ein Zeichen der Solidarität, durch Kampagnen der Zahal gefördert.

Entführung Das änderte sich in den 80er-Jahren. Trampen wurde gefährlich. Es häuften sich Entführungen von Soldaten durch palästinensische Terroristen, hinzu kamen Fälle von Vergewaltigungen. Als 1994 der Soldat Nachshon Wachsman von der Hamas entführt und bei einer missglückten Befreiungsaktion getötet wurde, wurde Trampen für Soldaten offiziell verboten. Heute gibt es immer wieder Kontrollen: Getarnte Armeeangehörige halten in Zivilfahrzeugen nach Soldaten Ausschau, die per Anhalter unterwegs sind. Werden sie erwischt, folgt eine Strafe.

Auch generell hat das Trampen an Bedeutung verloren. So besitzen heutzutage viele Familien zwei Autos, und eines davon wird meist zum Fahrdienst für die Kinder eingesetzt. Es liegt aber auch an den besseren Busverbindungen im ganzen Land inklusive der Siedlungen. Egged und andere Unternehmen bedienen alle Siedlungen mit schusssicheren Fahrzeugen. Zudem sind die Fahrkarten um die Hälfte billiger – Maßnahmen, die laut Avner Ovadiah, Sprecher des Verkehrsministeriums, dazu dienen sollen, die Leute vom Trampen abzuhalten. Nur, es funktioniert nicht. Wenigstens nicht bei allen.

An der Landstraße 60, die von Jerusalem Richtung Hebron führt und dabei unter anderem Bethlehem passiert, sieht man sie überall – meist in der Nähe von Bushaltestellen: Frauen mit langen Röcken und langarmigen Shirts, das Haar bedeckt, Männer mit weißen Hemden und schwarzen Kippot. Oft ist es auch eine Gruppe von Kindern, zehnjährige Mädchen, die mit vier jüngeren Geschwistern in der heißen Sonne stehen. Sie warten nicht auf den Bus, sondern auf eine Mitfahrgelegenheit.

busse
»Trampen ist unter Orthodoxen sehr verbreitet«, erklärte Gad Yair, Professor für Soziologie an der Universität in Jerusalem. Das habe schlicht finanzielle Gründe. Und es sei praktischer, weil viele von ihnen in abgelegenen Siedlungen wohnen, wo nach wie vor zu wenige Busse fahren.

Völlig anders sehen das die nationalreligiösen Siedler, so Yair. Sie fahren per Anhalter, um damit auch ein Statement abzugeben: »Dieses Land gehört uns. Wir haben die Freiheit, uns überall zu bewegen.« Besonders für männliche Jugendliche sei diese Ungebundenheit auf der Straße im Gegensatz zum Alltag in der streng geregelten Gemeinschaft enorm wichtig, schreibt die Zeitung Haaretz. Angst wie solche Israelis, die sich niemals im Westjordanland aufhalten, kennen sie nicht. Sie fühlten sich zu Hause, und niemand und nichts könne sie vom Trampen abhalten.

Das ist auch die Erfahrung von Leah Shalem, die in der Siedlung Ofra nördlich von Jerusalem wohnt. »Vor allem die jungen Menschen sehen die Gefahr nicht«, sagt die 61-Jährige. Ihre eigenen Töchter, 22 und 25 Jahre alt, würden auch oft trampen – gegen den Willen der Eltern: »Sie machen es heimlich.«

nahverkehr Natürlich liege es daran, dass der Nahverkehr nicht gut ausgebaut sei, vor allem nachts. Aber es gehöre auch zum Alltag in den Siedlungen. Sie kenne Leute, die jeden Tag auf diese Weise zur Arbeit nach Jerusalem gelangten. »Da schrecken auch Vorfälle wie die Entführung nicht ab.«

Für Leah Shalem geht die erhitzte Diskussion, die nun um das Trampen entstanden ist, in die falsche Richtung. »Auch in Aschkelon, wo ich herkomme, lebt es sich gefährlich. Und auch Busse können in die Luft fliegen.« Der einzige Weg: »Man muss den Terrorismus bekämpfen.« Und die Menschen müssten bereit sein, ein Leben Seite an Seite zu führen. Ohne Grenze, mit gleichen Rechten.

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