Vereinte Nationen

Ohrenbetäubendes Schweigen zu sexueller Gewalt

Weltweit hatten Jüdinnen gegen das Schweigen über die Vergewaltigungen von Israelinnen protestiert. Foto: picture alliance / newscom

Dieser Text enthält verstörende Gewaltschilderungen. Bitte beachten Sie dies vor der Lektüre und gegenüber Minderjährigen.

Die Vereinten Nationen (UN) wollen sensibilisieren, um Gewalt gegen Frauen einzudämmen. Allerdings nicht, wenn es um Israelinnen geht. Im Vorfeld zum Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen am 25. November startete die UN eine Sensibilisierungskampagne und ignorierte die Berichte von Überlebenden und Ersthelfern, die Zeuge des Hamas-Massakers an mehr als 1200 Israelis am 7. Oktober waren. Die Aussagen zeichnen ein fürchterliches Bild systematischer sexueller Übergriffe, die gegen Frauen und Mädchen jeden Alters verübt wurden.

Eine Überlebende des Supernova-Musikfestivals, bei dem etwa 360 Menschen abgeschlachtet wurden, beschrieb, dass sie miterlebte, wie Hamas-Terroristen ein israelisches Mädchen vergewaltigten: »Während ich mich versteckte, sah ich aus dem Augenwinkel, dass ein Terrorist sie vergewaltigte. Sie haben sie nach vorn gebeugt, und mir wurde klar, dass sie sie vergewaltigen und sie einfach an den Nächsten weitergaben.«

Auffällig viele Frauenrechtsorganisationen schweigen

Trotz dieser Beschreibungen schweigen auffällig viele feministische und Frauenrechtsorganisationen weltweit dazu. Einige von ihnen stellen sogar den Wahrheitsgehalt der Anschuldigungen infrage. Dieses Leugnen des von der Hamas begangenen sexuellen Missbrauchs hat weitreichende Folgen, einschließlich der Abschreckung von Opfern sexuellen Missbrauchs, sich Hilfe zu suchen.

Israels First Lady, Michal Herzog, veröffentlichte einen Meinungsartikel im Nachrichtenmagazin »Newsweek«, in dem sie ihre Empörung darüber zum Ausdruck bringt, dass die internationale Gemeinschaft die sexuelle Gewalt durch die Hamas nicht verurteilt. Es sei »ein Verrat an Frauen«.

Tamar Herzig, Konrad-Adenauer-Professorin für Vergleichende Europäische Geschichte an der Universität Tel Aviv, ist entsetzt darüber, dass all die gesammelten Beweise den Ausschuss der Vereinten Nationen zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau (CEDAW) oder andere UN-Organisationen nicht überzeugten, die schreckliche sexuelle Gewalt gegen israelische Zivilisten, von Mädchen bis hin zu älteren Frauen, zu verurteilen.

»Die grausame sexuelle Gewalt im Zuge des Hamas-Angriffs wurde von Körperkameras gefilmt und von den Tätern und ihren Kollaborateuren in den sozialen Medien hochgeladen.«

tamar herzig, Professorin für Vergleichende Europäische Geschichte an der Universität Tel Aviv

»Die grausame sexuelle Gewalt im Zuge des Hamas-Angriffs auf Südisrael wurde von Körperkameras gefilmt und von den Tätern und ihren Kollaborateuren in den sozialen Medien hochgeladen. In diesen Videos ist zu hören, wie die Terroristen über Pläne diskutieren, bestimmte Mädchen zu vergewaltigen. Man sieht sie auch dabei, wie sie die Vergewaltigungsopfer vorführen, die sie nach Gaza entführt haben, mit zerrissener Kleidung und Blut, das zwischen ihren Beinen läuft«, so Herzig.  

Vergewaltigte Opfer, die aus dem Massaker gerettet und in das israelische Akutzentrum gebracht wurden, hätten zudem von den Übergriffen berichtet, denen sie ausgesetzt waren. Forensische Beweise, die an Leichen ermordeter israelischer Mädchen gesammelt wurden, deuten darauf hin, dass auch diese brutal vergewaltigt worden waren. In einigen Fällen so heftig, dass ihre Beine und Beckenknochen gebrochen wurden.

Überlebende des Massakers sagten aus, Zeuge gewesen zu sein, wie die Gruppe eine junge israelische Frau vergewaltigte und ihr die Brüste abschnitt. Mitglieder des Rettungsteams bezeugten die Verstümmelung der Genitalien ermordeter israelischer Mädchen, die nackt ausgezogen und voller Blut und Sperma in ihren eigenen Schlafzimmern aufgefunden wurden.

»Die Erklärung, die die CEDAW schließlich fast zwei Wochen später herausgab, bezog sich nur vage auf die ‚geschlechtsspezifischen Dimensionen des Konflikts‘ zwischen Israelis und Palästinensern im Allgemeinen«, so die Professorin. »Doch in dieser Erklärung wurde darauf verzichtet, die Massenvergewaltigung weiblicher Israelis während des Massakers vom 7. Oktober ausdrücklich anzuerkennen.« Darüber hinaus werde noch immer den vergewaltigten Israelinnen, die als Geiseln in Gaza sind, die dringend benötigte medizinische Behandlung verweigert, hebt sie hervor. »Und sie werden nicht vor weiteren sexuellen Übergriffen geschützt.«

»Auf das ohrenbetäubende Schweigen globaler feministischer Organisationen, von denen man erwartete, dass sie die Anerkennung geschlechtsspezifischer Gewalt in ihren schwersten Erscheinungsformen vorantreiben würden, folgte sogar eine Leugnungskampagne«, entrüstet sich Herzig. »Angeführt wurde dies von Aktivisten wie Samantha Pearson, Direktorin des Zentrums für sexuelle Gewalt der University of Alberta, die die Vergewaltigungen durch Hamas-Mitglieder in Israel bestritt.«

Weigerung, die zahlreichen Beweise zu akzeptieren

»Es ist natürlich nichts Neues, Behauptungen über sexuellen Missbrauch per se zu diskreditieren.« Erstaunlich sei aber die Bereitschaft feministischer Aktivistinnen und Organisationen, das unantastbare Motto der #MeToo-Ära aufzugeben: »Ich glaube dir.«

»Wie können wir erklären, dass dieselben Frauen, die darauf bestehen würden, die sexuelle Belästigung einer Frau allein aufgrund ihrer Behauptung, sie sei missbraucht worden, anzuerkennen, sich weigern, die zahlreichen Beweise zu akzeptieren?«, fragt Herzig. Es sei umso rätselhafter, bedenke man, dass in den vergangenen 30 Jahren große Fortschritte bei den Bemühungen erzielt wurden, Vergewaltigung als Kriegsverbrechen einzustufen.

»Die sexuelle Gewalt vom 7. Oktober stellt einen dramatischen Wendepunkt im anhaltenden Konflikt im Nahen Osten dar, der eine massive Mobilisierung feministischer Empörung hätte erfordern müssen«, resümiert die Forscherin. »Stattdessen ist es auf Schweigen und Diskreditierung gestoßen. Das Leugnen erhöht nicht nur das Leid der Opfer, sondern untergräbt auch die bedeutendsten Errungenschaften des globalen Feminismus und gefährdet dadurch Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt.«

Hintergrund

Israel über Guterres: »Sind mit diesem Generalsekretär fertig«

Die Beziehungen zwischen Israel und dem bald aus dem Amt scheidenden UN-Generalsekretär António Guterres sind auf einem neuerlichen Tiefpunkt. Dabei hatte alles ganz anders begonnen

von Michael Thaidigsmann  29.05.2026

Tourismusbranche

Trotz anhaltender Konflikte: Israel wirbt wieder verstärkt um Touristen

Eine Werbeoffensive in Nordamerika soll ausländische Urlauber zurückholen

 29.05.2026

Spendensammlung

Nova-Massaker: Gedenkstätte bei Re’im bittet um Spenden für Fertigstellung

Täglich kommen Tausende Menschen zu der provisorischen Anlage nahe der Gaza-Grenze. Der Gedenkort für 378 von Terroristen ermordete Menschen soll nun ausgebaut werden

 29.05.2026

Jordantal

Netanjahu: Israel wird 70 Prozent des Gazastreifens kontrollieren

Auch bestätigt der Ministerpräsident erstmals öffentlich, israelische Bodentruppen hätten während der jüngsten Operationen im Südlibanon den Litani-Fluss überschritten

 29.05.2026

Meinung

Kein Boykott – nur Abscheu

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney möchte ihren neuesten Roman doch auf Hebräisch übersetzen lassen. Zuvor sortiert sie aber Israelis aus - und das Mitgefühl gleich mit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Gesellschaft

Charedische Wehrdienstverweigerer erstmals festgenommen

Ultraorthodoxe Regierungspolitiker rufen zum Boykott der Polizei auf, nachdem die Behörden härter gegen Wehrdienstverweigerer vorgehen

von Sabine Brandes  28.05.2026

Ungelöster Fall

Wo ist die kleine Haymanut?

Mehr als zwei Jahre nach dem Verschwinden des Mädchens schaltet sich der Schin Bet ein – begleitet von wachsendem Druck auf Polizei und Regierung.

von Sabine Brandes  28.05.2026

New York/Jerusalem

Israel kritisiert Aufnahme in UN-Bericht zu sexueller Gewalt

Der israelische UN-Botschafter Danny Danon sagt, der Eintrag stelle »einen moralischer Skandal und einen vollständigen Zusammenbruch jeglicher Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen« dar

 28.05.2026

Wissenschaft

Israelische Forscher stoppen Alterungsprozess

Wissenschaftlern der Bar-Ilan-Universität gelingt es, zentrale Alterungsprozesse in Mäuselebern rückgängig zu machen. Ziel der Forschung ist es, gesundes Altern zu fördern

 28.05.2026